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Frankreich Gespensterrückkehr: Mitterrand vor Gericht und im Kino

09.02.2005 ·  Zunächst war er „la sphinx“, dann nannten ihn die Franzosen nur noch „Dieu“ - Gott. Vor zehn Jahren ging François Mitterrands Amtszeit zu Ende. Jetzt kehrt er zurück.

Von Jürg Altwegg
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Zunächst war er "la sphinx", dann nannten ihn die Franzosen nur noch "Dieu" - Gott. Vor zehn Jahren ging François Mitterrands Amtszeit zu Ende. Jetzt kehrt er zurück.

Gestern war der letzte Verhandlungstag im Prozeß um die Telefonüberwachungen, die Mitterrand angeordnet hatte. Zum Abschluß haben sich die Richter ein Interview des belgischen Fernsehens vorführen lassen. Übel hat Mitterrand die ausländischen Journalisten abgekanzelt. Kein französischer Sender übernahm das Gespräch, das jetzt vor Gericht seine Pariser Premiere erlebte.

Versprechungen gelten nur für die, die an sie glauben

Am Tatbestand gibt es keine Zweifel. Der Lauschangriff kam aus dem Elysée. Systematisch wurden die Gespräche des "Monde"-Chefredakteurs Edwy Plenel abgehört. Schlimm ist man mit dem Schriftsteller Jean-Edern Hallier umgegangen. Als Hallier am Sandstrand tot vom Fahrrad stürzte, war Mitterrand schon nicht mehr im Amt. Sonst müßte man wohl auch den Befund des Arztes, der einen Herzstillstand diagnostizierte, in Frage stellen. Mitterrand liebte Hallier und hatte ihn im Fernsehen als den talentiertesten Literaten seiner Generation gelobt. Auch noch nach der Wahl, für deren Fall der Sozialist dem Schriftsteller ein Ministeramt oder eine Botschaft versprochen haben soll. Wie anderen auch.

Doch Versprechungen sind unter französischen Politikern nur für jene verbindlich, die an sie glauben. Ins Elysée holte Mitterrand nicht Hallier, sondern den illustren Weggefährten des Che und Allendes, Regis Debray. Hallier reagierte mit Verbitterung. Immer wahrscheinlicher wird, daß er tatsächlich der Urheber des Attentats war, das in Debrays Wohnung gewaltige Schäden anrichtete. Man hat es ihm nicht geglaubt. Wie man ihm auch die anderen Schauergeschichten nicht abnahm. Doch für den Bankrott seiner Zeitung waren, wie man nun weiß, tatsächlich die Einschüchterungen der Druckereien durch Mitterrands Agenten verantwortlich.

Versteckspiel eines geliebten Vaters

Die Männer des Präsidenten veranlaßten auch, daß Halliers Bücher nicht mehr gedruckt wurden. Natürlich haben sie sein Telefon überwacht. Und im Prozeß hat sich jetzt ein Freund Halliers als General des Geheimdienstes zu erkennen gegeben. Vor Gericht wurden die Machenschaften mit Erpressungsversuchen gerechtfertigt. Hallier drohte, die Existenz der natürlichen Tochter Mazarine, den Wohnort der Geliebten - in den Palästen der Republik - und die Krebserkrankung des Präsidenten publik zu machen. Erpressung? Von einer Forderung ist nicht die Rede. Daß Mitterrand seine Landsleute nicht nur über seine Vichy-Vergangenheit belogen hatte, wurde nach seinem Tod schnell bekannt. Der Prozeß hat nun die Mittel offenbart, mit denen er seine Lügen inszenierte und stützte.

Ein Urteil gegen seine Helfer wird noch diesen Monat fallen. Auch seinen Vertrauensarzt hatte Mitterrand gezwungen, über seinen Gesundheitszustand falsche Angaben zu machen. Dessen Buch wurde verboten. Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs ist es dieser Tage wiederaufgelegt worden. Nächste Woche kommt die Verfilmung eines Berichts, in dem Mitterrands letzte Tage - mit dem Fettammern-Mahl an Silvester - erzählt werden, in die Kinos. Und angekündigt ist auch noch ein Buch von Tochter Mazarine. Sie hat es bislang mit Romanen versucht und verspricht nun, die Wahrheit über ihr Leben als Versteckspiel eines geliebten Vaters zu erzählen.

Quelle: F.A.Z., 10.02.2005, Nr. 34 / Seite 44
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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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