Die Osterferien haben begonnen - für die Lehrer Frankreichs ist es die Zeit eines von ihrem Minister verordneten Nachhilfeunterrichts. Heute bringt ihnen der Briefträger ein Gratisbuch: das neue Werk von Luc Ferry.
Die Schrift ist ein leicht verzweifelter und letzter Versuch der Vermittlung. Ferry will, so steht es im Untertitel, den Lehrern seine Reformen erklären. Der konservative Kantianer war als Hoffnungsträger in die Regierung gekommen. "Die Strukturalisten haben dem Französischunterricht viel Schaden zugefügt", erklärte er dieser Tage im "Figaro littéraire". Doch Ferry beging die gleichen Fehler wie seine Vorgänger.
Vollmundige Reformen wurden angekündigt und konnten nicht durchgesetzt werden. Einige sind durchaus sinnvoll, andere notwendig - aber sie stoßen auf den reflexartigen Widerstand der Gewerkschaften, für die es keineswegs nur um die Besitzstandsverteidigung geht. Ihre Mitglieder haben genug von den diktierten Reformen fern aller Realitäten in den Klassenzimmern. Im März streikten weite Teile der Lehrkräfte aus Protest gegen Ferry. Im Parlament kam es zu langen Debatten.
Wie man sein Leben gestaltet
Dabei brachten die Sozialisten, traditionellerweise die Partei der Schulmeister, einen Antrag ein, der es Ministern während ihrer Amtszeit verbietet, ein Buch zu veröffentlichen. Wenige Monate nach seiner Berufung hatte der Philosoph Ferry einen Essay "Wie man sein Leben erfolgreich gestaltet" publiziert, der zum Bestseller wurde und von dem er erklärte, er hätte ihn in den Sommerferien geschrieben.
Auch seine politischen Freunde reagierten verärgert. Sie stören sich an seiner narzißtischen Omnipräsenz auf den Leute-Seiten der Illustrierten, für die der schöne Minister posiert mit seiner adligen Frau, die noch keine dreißig Jahre alt ist: Ausgerechnet der Philosoph in der Regierung erweist sich als ihre frivolste Figur. Doch auch manche Politiker der Rechten waren versucht, dem redseligen und schreibwütigen Minister einen Maulkorb anzulegen.
Schreibwütige Minister
Weil jedoch mindestens vier Kollegen gegenwärtig an einem Manuskript arbeiten und auch die Rechte durchaus dem Ideal der Gleichheit verpflichtet bleibt, hatte der Vorstoß für ein gesetzliches Publikationsverbot ausschließlich für den Unterrichtsminister keine Chance auf Erfolg. Kritik hagelt es trotzdem: Auf Staatskosten wurde Ferrys "Lettre à tous ceux qui aiment l'école" gedruckt, das Ministerium muß auch für die Versandkosten (eine Million Euro) aufkommen.
Achthunderttausend Exemplare des zweihundert Seiten umfassenden Buchs werden an die Lehrer der Republik verschickt. Der Autor, versichert sein Sprecher, verzichtet auf sein Honorar. Die Tantiemen der nächste Woche ausgelieferten Buchhandelsausgabe, die im renommierten Verlag Odile Jacob erscheinen und neun Euro kosten wird, gehen an eine gemeinnützige Institution.
Als Diskussionsgrundlage für seine Reformtheorie kommt der kostspielige Denkanstoß von oben indes zu spät. Wer die demokratische Kultur der dialektischen Prozesse predigt, muß eine andere Chronologie einhalten. Publikationsverbote taugen wenig, ein Streikverbot für die Lehrer ist eine Utopie - sinnvoller wäre es, jeden neuen Schulminister zunächst einmal mit einem Reformverbot zu belegen.