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Frankreich : Akademische Ehren für Auschwitz-Leugner

Rechts außen: Le Pen (r.) und Bruno Gollnisch Bild: AFP

An der Universität Lyon III kann man mit Arbeiten, in denen die Existenz der Gaskammern in Frage gestellt werden, akademische Titel erhalten. Jetzt hat eine Kommission die Vorfälle aufgelistet - und wird heftig attackiert.

          An der Universität Lyon III kann man mit Arbeiten, in denen die Existenz der Gaskammern in Frage gestellt werden, akademische Titel erhalten. Immer wieder geriet die Institution als Propagandastätte des Revisionismus und Negationismus in die Schlagzeilen.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Vor mehr als zwei Jahren wurde von der Regierung eine Untersuchungskommission mit Henry Rousso an ihrer Spitze eingesetzt. Ihr gehören weitere renommierte Historiker an: Annette Becker, Philippe Burrin und Florent Bayard. Vor wenigen Tagen ist ihr Bericht erschienen.

          In diesem Weißbuch werden die einzelnen Fälle genau analysiert. Gleichzeitig gehen die Autoren dem Einfluß der Nouvelle Droite mit ihrem Kult der "indogermanischen Studien" nach - sie sind eine Spezialität von Lyon III. Der Befund: Es gibt eine rechtsextreme Seilschaft von ein paar Dutzend Sympathisanten. Sie stellen indes nur eine Minderheit dar. Möglich wurden ihre Umtriebe nur, weil die Verantwortlichen der Universität versagt haben.

          Korporatistisch und ideologisch

          Rousso und seine Mitarbeiter beschreiben Mechanismen und Nachlässigkeiten, wie sie auch anderswo existierten: Protokolle werden blindlings unterschrieben, Doktorarbeiten von Jurys, die gar nicht zusammenkommen, abgesegnet. In Lyon, der Heimat des bekanntesten Auschwitz-Leugners Faurisson, hat die akademische Beziehungskorruption und Vetternwirtschaft eine ideologische Komponente. Und man ist genauso korporatistisch wie anderswo: Gegen Anfeindungen von außen wird die Institution von ihrer Leitung systematisch verteidigt.

          Der Historiker Rousso, der selber im akademischen Betrieb zu Hause ist, glaubt indes an die Möglichkeit einer internen Reform und schlägt konkrete Maßnahmen vor, welche verhindern sollen, daß Auschwitz-Leugner die Uni als Propagandazentrale mißbrauchen können. Noch bevor das Rektorat zu den Vorwürfen Stellung beziehen konnte, organisierte der Front National eine Pressekonferenz.

          „Polizist des Denkens“

          Bruno Gollnisch, Nummer zwei der Partei und ihr intellektuelles Aushängeschild, ist Professor für japanische Zivilisation an der Uni Lyon III und eine der Schlüsselfiguren des französischen Negationismus. Er äußerte sich erneut äußerst provozierend über die Gaskammern und stellte die bekannten Rechnungen über die "wirkliche" Zahl der Holocaust-Opfer auf. Für Gollnisch ist Rousso schlicht ein totalitärer "Polizist des Denkens", der Verbote aufstellen und durchsetzen wolle. Tabus dürfe es keine geben, frei und kontrovers müßten alle akademischen Themen diskutiert werden können - auch die Existenz der Gaskammern. Henry Rousso sei dazu nicht in der Lage, höhne Gollnisch, denn er sei nicht unabhängig: sondern "ein Jude".

          Der Unterrichtsminister Fillon drohte Gollnisch umgehend mit Sanktionen. Einen Prozeß allerdings muß er nicht fürchten - Gollnisch vertraut auf die Immunität, die ihm sein Sitz im Europaparlament garantiert. Im Fernsehen hat er seine Äußerungen ohne jede Einschränkung mehrmals wiederholt. Jetzt will ihn Lyon III entlassen. Ein Berufsverbot kommt Gollnisch sehr gelegen. Der Negationismus-Skandal wirft inzwischen ähnlich hohe Wellen wie das "Detail", als das Le Pen vor siebzehn Jahren die Gaskammern verniedlichte. Es hatte seinen Aufstieg nicht behindert. Bruno Gollnisch ist auf dem besten Weg, sein Nachfolger zu werden.

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