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Frankfurts Technisches Rathaus Das kann dem Steuerzahler nicht gefallen

01.06.2007 ·  Ist es ein Betonklotz oder ein Meisterwerk? Das Technische Rathaus in Frankfurt symbolisiert die Architektur der sechziger Jahre. Sein Abriss ist beschlossene Sache. Sein Architekt Anselm Thürwächter aber fragt sich, warum.

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Ist es ein Betonklotz oder ein Meisterwerk? Der Abriss des Technischen Rathauses ist in Frankfurt beschlossene Sache. Sein Architekt aber fragt sich, warum.

Sie waren vierunddreißig Jahre jung, als Sie sich 1963 mit Ihren Kollegen Wolfgang Bartsch und Hans Weber daranmachten, sich am Wettbewerb um das Technische Rathaus zu beteiligen. Wie erinnern Sie sich heute an diese Zeit: Waren Sie ein Stürmer und Dränger?

Die Zerstörung des Krieges war ein Ereignis, das man in meinen Augen nicht einfach rückgängig machen konnte. Ich hatte die Stadt 1952 zum ersten Mal gesehen, als alles in Trümmern lag, das hat mich damals erschüttert. Der Anblick dieser totalen Vernichtung war für mich, der ich in Weimar aufgewachsen bin, ein starkes und einmaliges Erlebnis. Bis ich schließlich als junger Architekt hier mein Büro gründen konnte, vergingen noch mal zehn Jahre, aber ich hatte Frankfurt gegenüber stets ein sehr unbefangenes Verhältnis. Ich könnte mir bis heute nicht vorstellen, in einer anderen deutschen Stadt zu leben.

Reste der Vorkriegsbebauung waren noch vorhanden.

Deswegen gingen unsere Überlegungen auch in diese Richtung: Was ist erhalten geblieben? Der Dom, die Nikolaikirche, der Römer, das Steinerne Haus. Wie kann man diesen Rest an historischer Substanz mit Respekt behandeln und mit modernen Bauten zu einem Ensemble verbinden? Daraus resultierte die Idee, den Blick auf den Dom freizuhalten. Hinzu kam, dass vor dem Dom Bodenfunde vermutet wurden - aus römischer und karolingischer Zeit, die wichtigsten Erbstücke seit der Gründung Frankfurts. Der zentrale Gedanke war damals, diese freizulegen.

Kritik entzündete sich früh an der Verwendung des Werkstoffs Beton.

Beton war das Material der Zeit. Was uns widerstrebte, war, ein Gebäude zu errichten, das aussah wie ein Bankgebäude. Es gab besonders im Düsseldorfer Bereich viele Architekten, die bedenkenlos mit Naturstein bauten - ein Material, das die Nationalsozialisten liebten. Also war Naturstein belastet, und wir wollten natürlich dazu ein Gegengewicht. Heute denke ich darüber anders. Im Nachhinein war die Entscheidung für Beton vielleicht nicht so gescheit. Zumindest die Diskussionen wären anders verlaufen: Man könnte nicht abschätzig von einem „Betonklotz“ reden, wenn das Gebäude mit Sandstein verkleidet wäre.

Für den Neubau wurden drei Altstadthäuser abgerissen, die man um die Jahrhundertwende an der Braubachstraße errichtet hatte. In einem davon war sogar eine Rokoko-Fassade eingemauert.

Ich war jung und habe nicht darüber nachgedacht. Einer der Architekten, Hermann Senf, lebte damals sogar noch, aber das war für mich eigentlich kein Problem, das Haus eines Kollegen abzureißen. Ich empfand die Bauwerke als völlig belanglos. Als junger Mensch geht man ganz anders damit um. Das ist ein Naturgesetz, dass die Söhne mit ihren Vätern abrechnen.

Sie hatten zwei Türme höher geplant, mussten die Planung dann aufgrund von Bürgerprotesten niedriger bauen. Hat Ihnen das nicht zu denken gegeben?

Das ursprüngliche Raumkonzept war zu klein, wir standen plötzlich unter dem Zwang, viel mehr Leute unterzubringen. Die Vorgabe der Stadt war: Entweder kriegt ihr alles rein, oder es wird nicht gebaut. Das war eine schwierige Lage. Sie hat dazu geführt, dass so viel Baumasse entstand.

Wann ist der Stimmungsumschwung gegen Ihren Bau eingetreten?

Kritik hat ihn von Anfang an begleitet. Endgültig vollzogen wurde die Abwendung von der Architektur der sechziger Jahre wohl um das Jahr 1980 mit dem Aufkommen der Postmoderne.

Es gibt heute junge Architekten in dieser Stadt, die Ihr Technisches Rathaus für ein Meisterwerk halten. Tröstet Sie das?

Natürlich. Denn man muss schon sehen: Bis heute ist das Technische Rathaus nirgends so verrufen wie in Frankfurt - andernorts wird es als beispielhaft beurteilt.

Ein ständiger Aufbau und Abriss: Frankfurt tut sich schwer, mit der eigenen Baugeschichte umzugehen.

Das ist typisch frankfurterisch. Man schmeißt um, was man gestern gemacht hat. Das war schon im neunzehnten Jahrhundert so, als man die Braubachstraße durch die Altstadt trieb, als der Römer den Frankfurtern plötzlich nicht mehr schick genug war und sie eine gotische Fassade davorklebten. Es wurde hier immer hemmungslos abgerissen, denken Sie an das Zürich-Haus, das ja auch ein guter Bau war. Die Stadt gefällt sich in der Rolle der ewigen Baustelle.

Und heute regiert wieder die Sehnsucht nach der Butzenscheibe?

Es gibt heute einfach einen Trend zum Erinnerungskult. In Filmen wie „Der Untergang“ besinnt man sich auf die Zeit um 1945. Ich sehe darin durchaus eine Parallele zur Diskussion um die Frankfurter Altstadt. Kann man sie wieder so herrichten, wie sie einmal war, kann man Geschichte doch ungeschehen machen? In einer Stadt, die sich als progressiv versteht, die jeden Hochhausbau bejubelt, dann plötzlich eine solche Sehnsucht nach kleinteiliger Bebauung im Schatten der Hochhäuser - ich persönlich kann diesen Gedanken nicht folgen. Man soll sich bitte nichts vormachen: Niemand wird die Altstadt wieder so herstellen können, wie sie war. Deshalb hat für mich die Debatte um die Fachwerkhäuser etwas Gespenstisches.

Inwiefern?

Am Technischen Rathaus ist fünfunddreißig Jahre nichts gemacht worden, die Fassade ist völlig verdreckt, aber innen funktioniert der Bau noch. Von daher sehe ich keinen Grund für den Abriss. Ich bin zeit meines Lebens davon ausgegangen, dass ein Bauwerk eine Funktion ausüben muss und dass es wirtschaftlich sein muss. Eine ganze Reihe von Bauten der fünfziger und sechziger Jahre wurden inzwischen abgerissen, meist aus wirtschaftlichen Gründen, um eine höhere Ausnutzung zu erreichen. Es gibt beim Bauen ein notwendiges Renditedenken, beim Abriss des Technischen Rathauses liegt die Sache anders. Auf dem dann frei werdenden Gelände wird man auf Nutzeffekt verzichten müssen - zugunsten eines emotionalen Wertes, den man zu schaffen hofft.

Es gibt Stimmen, die sich das Technische Rathaus an einer anderen Stelle der Stadt durchaus vorstellen könnten; ebenso wie sie das Historische Museum und die Schirn-Kunsthalle als Faustschlag in die Magengrube der Altstadt begreifen.

Der Standort im Zentrum entspricht dem Rang und der Bedeutung der Planungsämter, hier wird über die Zukunft und die Gestalt der Stadt nachgedacht. Und die Schirn halte ich für einen gelungenen Bau, eine städtebauliche Geste, die typisch ist für ihre Zeit, die Postmoderne.

Sie warnen vor Komplikationen beim Abriss und vor Kostensteigerungen.

Die Stadt gibt ohne Not ein funktionierendes Gebäude auf, durch Abriss, Ersatzmaßnahmen und Neubebauung kommen auf den Steuerzahler Kosten im dreistelligen Millionenbereich zu. Hinzu kommen Mietkosten für die technischen Ämter an anderer Stelle in Höhe von mehreren Millionen Euro im Jahr. Dass das keine Diskussionen gibt, sehe ich schon mit Staunen. Möglicherweise möchten diejenigen, die das vorantreiben, gar nicht, dass das diskutiert wird. Aber eine populistische Geste für hundert Millionen Euro, das kann dem Steuerzahler nicht gefallen.

Duisburg hat sich von Sir Norman Foster einen Masterplan für einen Stadtumbau zeichnen lassen. Könnte so etwas auch in Frankfurt funktionieren?

Es gibt hier eine Reihe exzellenter Architekten. Ich schätze zum Beispiel Christoph Mäckler sehr - was er mit dem Portikus auf der Maininsel gemacht hat, das hat Anklänge an historische Elemente und führt doch sehr überzeugend in die Gegenwart. Aber die zeitgenössische Architektur ist insgesamt viel zu uneinheitlich und vielgestaltig, als dass ich mir vorstellen könnte, sie ließe sich über einen Leisten scheren.

Wie gehen Sie damit um, dass man Ihnen Ihr Hauptwerk unter der Nase abbricht?

In diesem speziellen Fall eines öffentlichen Gebäudes sehe ich natürlich ein, dass man sein persönliches Empfinden zurückstellen muss. Ausgesprochen peinlich finde ich aber bewusst herabsetzende Ausdrücke, mit denen der Bau belegt wird. Dass mich der Vorgang nicht erfreut, kann sich jeder vorstellen. Aber ich habe auch andere Dinge im Leben gemacht, und ich habe noch andere Dinge vor.

Das Gespräch führte Hannes Hintermeier.

Quelle: F.A.Z., 01.06.2007, Nr. 125 / Seite 40
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