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Frankfurts Romantikverzicht Eine romantische Idee

Wo keine U-Bahn, da kein Goethe: Frankfurt hat seinem Dichterfürsten nie wirklich verziehen - nun gibt es auch kein Romantik-Museum. Eine einmalige Chance ist ohne Not verspielt.

© Museum Behnhaus Drägerhaus Vergrößern Bild einer prägenden Epoche: Caspar David Friedrichs „Kügelgens Grab“ von 1821/22

Was fehlt, sind vier Millionen Euro. Mehr nicht. Mit dieser Summe hätte Frankfurt sich ein Museum zur Romantik leisten können - und zugleich ein Bekenntnis abgegeben nicht nur zu Goethe, sondern auch zu jener Geistesepoche, die als deutsche Erfindung die Welt bis heute prägt. Die Stadt hat es nicht gewollt. So bleibt das Paradox erhalten, dass jährlich mehr als hunderttausend Gäste das Goethe-Haus besuchen, das Museum selbst zwischen hässlichen Zweckbauten, Parkhäusern und Büroriegeln aber ein Schattendasein führt. Man braucht viel Phantasie, um sich vorzustellen, welch illustre Gesellschaft der Kulturgeschichte hier einst zwischen Goethes Elternhaus und dem Anwesen der Gontards flanierte, bei denen Hölderlin unterrichtete. Die Chance, am Großen Hirschgraben ein Romantikmuseum zu errichten, ist historisch einmalig, weil das Nachbargebäude frei geworden ist. Kommt das Museum nicht, werden hier, dafür braucht es wenig Phantasie, Luxuswohnungen zu Höchstpreisen entstehen.

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Dabei hatten sich für das kühne Projekt des Freien Deutschen Hochstifts schon das Land Hessen und der Bund begeistert und je vier Millionen Euro in Aussicht gestellt. Eine große deutsche Bank wollte weitere drei Millionen dazugeben. Indem die Stadt sich gegen den Plan wendet, den sie zuvor so engagiert verfolgt hat, bleibt nicht nur das trostlose architektonische Einerlei im Herzen Frankfurts erhalten. Der Beschluss macht auch die Profilierung des Goethe-Hauses unmöglich. Man glaubt es kaum, aber in der entscheidenden Sitzung ist Goethe zuletzt mit einer U-Bahn-Linie verrechnet worden: Da die Verlängerung der U5 nicht finanzierbar ist, darf auch das Museum nicht sein.

Kein Frieden mit Goethe

Der Beschluss der schwarz-grünen Koalition scheint indes symptomatisch. Denn Goethe und Frankfurt, das ist seit jeher ein verkorkstes Verhältnis. Fast meint man, die Stadt sei ihrem berühmtesten Sohn noch immer gram, dass er 1775 von hier floh. Wenige Monate zuvor hatte er mit dem „Werther“ seinen Welthit gelandet. Dass er ein Thüringer Residenzchen der weltläufigen Messestadt vorzog, lag allerdings, wie schon in Wetzlar, auch an einer Frau. Trotzdem, Goethes Äußerungen über Frankfurt als „elendes Nest“ und dessen Krämerseelen werden so wenig vergessen wie die Tatsache, dass er 1817 auf sein Bürgerrecht verzichtete.

Man muss ja nicht gleich den Flughafen nach dem Nationalpoeten umbenennen, wie es Siegfried Unseld forderte. Doch wäre das Romantikmuseum eine Chance, das ramponierte Verhältnis zu Goethe zu glätten. Schon Mark Twain zeigte sich 1878 befremdet, als er bei einem Besuch fragte, warum die Stadt es versäume, sich mit der Ehre „zu schmücken“, das Goethe-Haus „zu besitzen und zu beschirmen“. Wie frostig es bei der Einweihung des Frankfurter Goethe-Denkmals 1844 zuging, beschreibt Clotilde Koch-Goutard: „Alles war erbärmlich. Die Feierlichkeit war miserabel. Die Enthüllung kleinlich mit einer Anrede an die leeren Stühle.“ Dass Goethe Frankfurt tatsächlich im Herzen trug, er der Stadt am Ende so viel verdankte wie sie ihm, ja, dass er sie sogar als eine „Republik“ pries, die „sich selbst regiert und an Handelstätigkeit, Reichtum und Weisheit ihrer Vorgesetzten keiner Stadt in Deutschland nachsteht“ - auch das lässt sich bei ihm nachlesen.

Was man verspielte

Umso beschämender ist es, dass die Stadt in den vergangenen zwanzig Jahren nichts in das Goethe-Museum investiert hat. Das Hochstift bezuschusst sie derzeit mit jährlich 565.000 Euro. Durch den Wegfall des geplanten Romantikmuseums wird im aktuellen Haushalt aber nicht einmal etwas gespart: Die vier Millionen Euro dafür werden in dem dreitausend Seiten starken Haushaltsentwurf nicht zu finden sein. Die Einsparung ist ein Derivat, also rein virtuell.

Ein vergleichbares Museum gibt es bislang nicht. Dabei wird gerade im Ausland die Epoche der Empfindsamen so sehr mit Deutschland in Verbindung gebracht wie kaum etwas. Der Bestand des Hochstifts, das seit hundert Jahren Gemälde, Handschriften und Reliquien von Eichendorff, Novalis und den Arnims sammelt, ist prädestiniert für einen solchen Erinnerungsort. „Das Museum könnte der Welt erklären, was sie dem Deutschland jener Zeit zu verdanken hat“, meint deshalb der britische Goethe-Forscher Nicholas Boyle. Die Romantik ist ja nicht nur eine Angelegenheit der blauen Blume und der Waldeinsamkeit, sondern eine visionäre Bewegung, die uns bis heute beeinflusst.

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Vieles von dem, was uns umtreibt, hat erst die Romantik erkannt und beschrieben. Freuds Psychoanalyse ist ohne die Romantiker so wenig vorstellbar wie das deutsche Hochschulwesen und die literarische Moderne. Insbesondere aber fußt die ökologische Bewegung auf Goethe, der Romantik und der romantischen Naturphilosophie. Das geistige Fundament der Grünen besteht aus Konzepten wie etwa der Einheit alles Lebendigen und dem Wald als Sehnsuchtslandschaft, die in der Goethe-Zeit zum ersten Mal formuliert wurden, teilweise sogar von Goethe selbst. Umso unverständlicher ist es, dass gerade die Grünen im Stadtparlament der romantischen Idee in Frankfurt nichts abgewinnen können. Wo ist sie geblieben, die Weisheit der Vorgesetzten, die Goethe so beeindruckte?

Quelle: F.A.Z.

 
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