Tiefsinn? Zufall? Eine Dame, Römernase, verhangener Blick, über den Schultern einen üppigen Pelz, schaut nach rechts aus dem Bild. Hinter ihr, abgetrennt durch dichtgereihte Gitterstäbe, reckt, ebenfalls mit Rätselaugen, eine Raubkatze ihr markantes Profil in die entgegengesetzte Richtung. Natürlich denkt man sofort an Rilkes Panther-Gedicht. Oder war es damals - die Aufnahme stammt aus den dreißiger Jahren - verboten? War es nicht. Aber der Dichter war allseits verpönt als parfümierter Schreiberling „undeutsch“ schlaffer Machwerke.
So wird es wohl eher der Sinn für Komik oder Tragik, vielleicht ein Geistesblitz gewesen sein, der damals einen unbekannten Hobbyfotografen im Frankfurter Zoo den Auslöser drücken ließ. Frankfurts Institut für Stadtgeschichte, in dem der Schnappschuss mit den Abzügen von 149 weiteren historischen Farbdias ausgestellt ist, kann gleichfalls nur mutmaßen. Das gilt für das Zoo-Dia, das Gros der übrigen ausgestellten sowie für weitere 450 Farbdias, die der Historiker und Archivar Tobias Picard vor einiger Zeit entdeckte. In den frühen fünfziger Jahren, als das Institut noch den treffend kurzen Namen Stadtarchiv trug, sind sie von Privatleuten dort übergeben worden. Sie wurden gelagert und irgendwann in der Fülle der Materialien vergessen.
Eine aufgeräumte, beneidenswert solide Stadt
In monatelanger Arbeit fand Tobias Picard die Standorte der Fotografen heraus, identifizierte die Bauwerke, Straßen und Plätze, die darauf zu sehen sind, manchmal auch die Menschen. Zur Kostbarkeit werden die Dias durch ihre Farbigkeit. Obwohl inzwischen auch Farbaufnahmen und Farbfilme die dreißiger und vierziger Jahre dokumentieren, sind diese beiden grauenerregenden Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts schwarzweiß in unser Bildgedächtnis eingeprägt - und damit entrückt, verfremdet.
Grundsätzlich ändert die Ausstellung dieses innere Bild nicht. Denn die Farben sind extrem blass, oft irritierend blau- oder grünstichig, so, als würde sich in ihnen das abrupte Sterben der damaligen Realität im Zeitlupentempo wiederholen. Aber ein wenig näher rückt einem dank der Farbigkeit diese versunkene Welt doch.
Untergründig nervös steht man vor den Abzügen, erkennt einiges wieder, sucht nach Indizien für die Dramen, die sich mit dem Beginn der Diktatur zusammenbrauten. Die Bilder aber geben wenig preis. Sie zeigen eine aufgeräumte, beneidenswert solide Stadt; Altstadtidyllen und Großstadtmonumente, Wurststände und Kneipen, Kinos, Vergnügungspaläste, Museen, Parks und Sportplätze, alles wirkt sonderbar adrett, fast klinisch.
Anziehungskraft und Zeugenschaft
Selbst Baustellen und die Abbruchstellen der partiellen, radikalen Altstadtsanierungen, die im NS-Jargon „Altstadtgesundung“ hießen, wirken ordentlich. Irgendwann fallen einem bei dieser Aufgeräumtheit die Kampagnen ein, mit denen das NS-Regime die Bevölkerung auf den Krieg einstimmte - die Verdunklungsübungen, das verordnete Großreinemachen in Kellern und Dachböden, die von brennbaren Materialien gesäubert werden mussten, die Anlage von Luftschutzräumen.
Nun fällt auch auf, dass immer weniger junge Männer im Straßenbild zu sehen sind, während die Zahl der Greise auffallend groß ist. Wie diese Aufnahmen werden einem auch die von spärlich bevölkerten oder gespenstisch leeren Straßen und Plätzen zu Menetekeln des aufziehenden Kriegs.
Was uns zentrale Botschaft ist, vollzog sich damals hinter dem Rücken der Beteiligten. Wie heutigen Durchschnittsfotografen ging es auch den damaligen offenkundig um gefällige Fotografien für das Familienalbum oder die Privatdokumentation ihrer Stadt. Bauliche und ästhetische, soziale und politische Extreme wurden gemieden. Doch liegt gerade darin die Anziehungskraft und Zeugenschaft: Anders als in den ausgesuchten Bildstrecken offizieller Dokumentationen hat in diesen Dias der Alltag das Sagen, die Atmosphäre, der Zufall, der Zeitgeist - so, als blickte man durch ein beschlagenes Fenster direkt in diese Epoche.
Eine paradox geruhsame Geschäftigkeit
Da sieht man zum Beispiel einen Straßenbauarbeiter, der vor Frankfurts altem Schauspielhaus Straßenbahngleise repariert. Er kniet über Katzenkopfpflaster, auf dem Bordstein sitzen drei Kinder, die ihm zusehen, am rechten Bildrand steht ein hölzerner Bauwagen, im Hintergrund schlendern vereinzelte Passanten; die Szenerie strahlt Stille aus, eine paradox geruhsame Geschäftigkeit. Daneben ein Blick auf die Hauptwache. Ein dichtes Gespinst aus Oberleitungen, Hängelampen, Radioantennen und Sendemasten überkreuzt das behäbige Dach des Barockgebäudes und die wilhelminischen Kuppeln der Geschäftshäuser hinter ihm. Davor wimmelt die Großstadtmenge. Schaut man genauer hin, trägt jeder zweite Mann Uniform, so wie auf anderen Innenstadtszenen viele Frauen und Mädchen uniformiert sind, Krankenschwestern, „Führerinnen und Mädels“ des BDM.
Besonders ziehen einen die Altstadtbilder an. Der situative Ausschnitt, der Blickwinkel des Flaneurs ist ihr größter Reiz: Winkel, Höfe, Gassen und Durchfahrten kommen ins Bild, die nicht den bis heute populären Hochglanzmotiven und prominenten Motiven entsprechen. So lernt man ein faszinierendes Gewimmel aus Giebeln und Kaminen, Bögen, Überhängen, Vor- und Rücksprüngen kennen, gotische Steilheit harmoniert mit breit gelagertem Barock, Giebel neigen sich wie schützend über geschwungene Gassen, Höfe mit graziösen Treppentürmen und verschachtelten Laubengängen wirken wie zutraulich geöffnete Arme.
Die Farbigkeit des untergegangenen historischen Stadtkerns
Doch auch in dieser Geborgenheit hatte sich der Geist des „Dritten Reichs“ allmählich eingenistet: Die neuen Fassaden entkernter Innenhöfe stehen stramm wie Landser, ihre Erdgeschosse gleichen spätmittelalterlichen Festungsbauten - Kulissen, die mehr mit dem Kampfgeschrei des „Götz von Berlichingen“ oder „Florian Geyer“ zu tun haben als mit dem Getümmel der Kaufleute und Handwerker, die ursprünglich diese Häuser gestaltet und bewohnt hatten.
Abgesehen von ihrem zeitgeschichtlichen Wert, stellen die Altstadt-Dias einen unschätzbaren Gewinn für das heutige Frankfurt dar. Denn sie überliefern die Farbigkeit des untergegangenen historischen Stadtkerns, von der wir wenig wissen. Die wiederentdeckte Diasammlung ist damit Anhaltspunkt und Korrektiv für die Rekonstruktionen, aber auch die zeitgenössischen Häuser, mit denen zwischen Dom und Römer künftig ein neues Altstadtviertel die verlorene Schönheit, Vielfalt und Vitalität wiederbringen soll.
Vom Palais zur Rennstrecke
Die Zuversicht, ein winziges Stück Stadtschönheit zurückholen zu können, wirkt angesichts dieser Ausstellung bitter nötig. Denn jedes ihrer Bilder macht deutlich, wie brachial der Wiederaufbau vonstattenging, wie brutal die Nachkriegsmoderne beseitigte, was ihr im Wege stand.
Fassungslos steht man beispielsweise vor der Ansicht einer der großen Ausfallstraßen. Ihren platzartig weiten Übergang von der Kernstadt in die Gründerzeitviertel markiert der maßvolle barocke Sommersitz der Bankiersfamilie Bethmann. Vor ihm, in der Mitte der Straße, das „Hessendenkmal“, gestiftet 1793 zum Andenken an die hessischen Soldaten, die beim Versuch, die Stadt von französischer Besatzung zu befreien, fielen.
Kein Heldenmal, sondern eines, in dem die niedergelegten Waffen des Herkules Trauer ausdrücken - und die Erleichterung, dass das Morden vorüber ist. Zwischen 1952 und 1960 wurde das ausgebrannte, aber standfeste, noch in Trümmern bezaubernde Palais für eine Straßenverbreiterung niedergelegt, 1970 das Denkmal zugunsten einer neuen Trassenführung an eine öde Abseite versetzt. Kein Platz mehr, nur noch eine tosende anonyme Rennstrecke.
Frankfurt
Dominik Fe (fflying)
- 14.02.2011, 17:38 Uhr
Den Geist des Regimes in den Fassaden erblicken zu wollen
Eric Varnhagen (erichnabokov)
- 14.02.2011, 21:34 Uhr
Die größten Bausünden wurden doch in den 50,60,70 und 80iger Jahren begangen...
Gerhart Manteuffel (cem_m)
- 15.02.2011, 13:13 Uhr