Frankfurts Dom ist keiner. Denn die Stadt ist nie Bischofssitz gewesen. Doch die Bürger, die sich im Mittelalter das enorm lukrative Privileg gesichert hatten, dass in ihrer Pfarr- und Stiftskirche St.Bartholomäus die deutschen Könige und Kaiser gewählt wurden, nannten das Gotteshaus ehrenhalber Dom. Die Bezeichnung setzte sich durch und ist bis heute geblieben.
Mag der Titel erschlichen sein, das Alter und der künstlerische Rang von St.Bartholomäus sind es nicht, auch wenn der ehrwürdige Bau von seinen Ausmaßen her der kleinste Dom Europas ist. Wie so oft bei Gebäuden, an denen Jahrhunderte und deren Künstler ihr Bestes gaben, ist auch der Frankfurter Dom reich an Kunstwerken - und damit an Geheimnissen. Denn Bauten, Bilder und Statuen des Mittelalters waren nach einem Wort des Kunsthistorikers Bandmann immer auch und vor allem „Bedeutungsträger“. Viele ihrer ehemals allgemein verständlichen Botschaften gerieten in Vergessenheit. So auch im Frankfurter Dom. Was Wunder also, dass 1991, als man sein Inneres restaurierte, ein Rätsel zum Vorschein kam, das die Kunstgeschichte wohl noch lange Zeit beschäftigen wird.
Bei längerem Betrachten fesselnde Details
Ausgangspunkt ist ein zunächst unscheinbares Rechteck an der Ostwand des Südquerhauses. Der erste Eindruck ist der krakeliger Farbflecken auf schmutzig weißem Grund. Wie eine schwärende Wunde stechen sie vom warmen Glanz der restaurierten Partien ringsum ab. Das Ganze ist der Rest eines gotischen Wandgemäldes: Den einen oder anderen erinnert das schrundige Etwas vielleicht an die drei Katastrophen, die den Dom verheerten: den Brand von 1867, der das Innere verwüstete; die Bomben von 1944, die Gewölbe und Teile der Neuausmalung von 1870 zerstörten; den Wiederaufbau, der 1953 im Namen der Moderne alles unter einem nüchternen hellgrauen Putz verschwinden ließ.
Nur das gotische Fragment wurde damals ausgespart, aber von einem Tabernakel verdeckt. Seit 1994 hat man freien Blick darauf und kann bei längerem Betrachten fesselnde Details ausmachen - segnende Hände, Engelsflügel, verwischte Gesichter, vereinzelte Gewandfalten. Am rechten Rand ist eine Szene sogar leidlich vollständig: Unter einem Bogen mit zierlichen Pfeilern und einem Zinnenkranz hält ein älterer bärtiger Mann ein blondgelocktes Kleinkind über einen weißgedeckten Tisch. Der Mann trägt einen moosgrünen, weich fallenden Mantel mit Gürtel. Über die Schultern hat er einen weißen Schal mit Goldfransen gelegt, auf dem Kopf sitzt eine elegant drapierte blaue Kappe.
Bildzyklus zum Leben Marias
Das Kind, ein Junge, ist nackt. Seinen Kopf umfängt ein Nimbus, den Malerei in Schwarz und Gold wie kostbaren Brokat wirken lässt. Der Kleine schaut aufmerksam zu einer zweiten, nur schemenhaft erhaltenen Person. Deutlich sind nur noch ihre Unterarme in rosafarbenen Ärmeln und die Hände, deren eine ein Messer, die andere das linke Bein des Knaben hält. Sein rechtes Bein ragt über eine runde Schale, in die vom Messer herab Blut fließt - wer ein wenig in christlicher Ikonographie bewandert ist, erkennt die Beschneidung Christi.
Davon ausgehend, haben nun die Kunsthistorikerinnen Margit Krenn und Elena Mittelfarwick die übrigen Fragmente untersucht und als Reste einer Verlobungsszene, einer Verkündigung, einer Heimsuchung (Besuch Marias bei ihrer Cousine Elisabeth) und, unmittelbar vor dem Beschneidungsbild, einer Geburtsszene identifiziert. Damit ist klar, dass es sich um Relikte eines Bildzyklus zum Leben der Maria, Christi Mutter, handelt.
Das rätselhafte Großprojekt Querhaus
Die trotz aller Schäden unverkennbare Delikatesse der Farben und Linien, der Stil und die Maltechnik ergaben, dass es sich um ein Werk des „Meisters des Kleinen Friedberger Altars“ handelt. Besagter Altar, um 1430 entstanden, wird im Hessischen Landesmuseum Darmstadt aufbewahrt. Er gilt als ein Höhepunkt des „Weichen Stils“ am Mittelrhein. Nicht nur in der Bildhauerei, von der die Stadt noch einige atemberaubend schöne Beispiele besitzt, sondern auch in der Malerei war Frankfurt also eine Hochburg dieser als Gipfel der Gotik geltenden Stilrichtung.
Fortan wird man die geschundenen Überbleibsel mit anderen Augen betrachten. Auch deshalb, weil sie uns vor ein Rätsel stellen. Es ist eng verbunden mit der Geschichte des Südquerhauses, das gemeinsam mit dem Nordquerhaus das größte Querhaus der Gotik in Europa bildet. Ein Projekt so gewaltig wie heute der Flughafen Berlin-Brandenburg, wurden beide in der unglaublich kurzen Zeit von zwölf Jahren (1346 bis 1358) aufgetürmt. Warum diese Riesen an das vergleichsweise winzige Langhaus angefügt wurden, ist unerfindlich. Kunstgeschichtler und Historiker behelfen sich mit der Erklärung, man habe Raum für die Zuschauermassen der Königsweihe schaffen wollen.
Ein Pflegevater auf Augenhöhe
Das eigentliche Rätsel aber ist die Symbolik der Querhäuser, allen voran die des Außenportals am Südquerhaus, dessen Figuren um 1350 von einem Straßburger Bildhauer (Meister Antze) geschaffen wurden. Zwar ist mühelos zu erkennen, dass die leicht unterlebensgroßen Skulpturen die Visite der Heiligen Drei Könige samt einer kleineren Kreuzigungsszene wiedergeben. Nicht zu deuten aber ist ein feingemeißeltes Relief, das einen sonderbar sarkophagartigen Sockel ziert, auf dem einer der Könige kniet. Es zeigt einen schlafenden oder toten Ritter, der von einem Löwen verschlungen wird. Allegorie? Fabel? Anspielung auf damals aktuelle, heute vergessene Ereignisse?
Ebenso im Dunkeln tappt man bei einer Figur, die jeder zu kennen meint: Joseph, der zur Linken Marias, die den Jesusknaben hält, steht und sich gemäß seinem in der Bibel erwähnten, fortgeschrittenen Alter auf einen Stab stützt. Was den Pflegevater Jesu am Frankfurter Dom zum Geheimnisträger macht, ist die Tatsache, dass er, sonst winzig und damit als von minderer Bedeutung gekennzeichnet, hier so groß ist wie die Gottesmutter und die Könige. Zudem steht er regelwidrig im Zentrum und trägt einen grotesken Spitzhut - die damalige Judentracht.
Der jüdische Joseph
Sie zu tragen war um 1350 für jeden Juden Pflicht. Doch was im Leben der Ausgrenzung diente, stellte die Kunst mitten in ein christliches Heilsgeschehen. Weshalb? Ein Jahr vor dem Bau des Portals hatte in Frankfurt ein Pogrom gewütet, dem fast alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde, ihre Häuser und ihre Synagoge zum Opfer fielen. Schauplatz war die Südseite des Doms, von je bevorzugtes Wohngebiet der Juden. Der Kaiser, der das Massaker geduldet hatte, schützte bald darauf die Rückkehr Überlebender. Um 1360 waren die ersten Häuser und die Synagoge wieder aufgebaut. Schauten die Juden nun aus ihren Fenstern oder ihrem Gebetshaus, sahen sie das neue Portal und einen christlichen Heiligen, der Judentracht trug. Verließen Christen das Südquerhaus, begegneten sie lebenden Ebenbildern der Statue des Pflegevaters Jesu.
War dieser prominent plazierte, jüdisch charakterisierte Joseph eine Sühnegeste, ein reuiger Verweis darauf, dass das Judentum der Ziehvater des Christentums ist? Oder war die Skulptur ein subtiler Akt der Demütigung? Wir wissen es nicht. Aber nun wissen wir, dass um 1430 im Inneren des Südquerhauses Wandgemälde entstanden, die gleichfalls einen „jüdischen Joseph“ zeigten. Denn der eingangs erwähnte ältere Mann, der den Jesusknaben hält, ist niemand anderer als er - gekleidet in den jüdischen Gebetsschal (Tallit) mit Schaufäden (Zizit). Wie ist dieser Joseph zu deuten? Als Zeuge des Vertrauens, das wieder zwischen Juden und Christen herrschte? Als versteckte Häme? So oder so: Die Reste der Vergangenheit, mit denen Frankfurt oft so achtlos umgeht, sie bannen, sobald man sich ihnen zuwendet.
Antisemitische Darstellungen
Kerstin Münstermann-Bodewig (KMB12)
- 04.02.2013, 16:21 Uhr
Mittelalterliche Malerarbeiten
Erhard Grund (ErhGrund)
- 04.02.2013, 12:46 Uhr
Aber leider gilt dieser letzte Satz...
Kai-Uwe Lensky (zweifel1)
- 04.02.2013, 10:57 Uhr
Sehr interessanter Artikel,
Andreas Stein (Heckschleuder)
- 04.02.2013, 03:29 Uhr
Erschlichene Titel
Friederike Mußgnug (otium-satis)
- 03.02.2013, 23:41 Uhr