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Frankfurter Dom Warum trägt Joseph diesen Schal?

Rätsel der Geschichte: Was verrät das Fragment eines gotischen Wandgemäldes im Frankfurter Dom über das Verhältnis von Juden und Christen?

© Peter Mirgartz Vergrößern Bester „Weicher Stil“: das gotische Wandgemälde mit der Beschneidung Christi im Frankfurter Dom

Frankfurts Dom ist keiner. Denn die Stadt ist nie Bischofssitz gewesen. Doch die Bürger, die sich im Mittelalter das enorm lukrative Privileg gesichert hatten, dass in ihrer Pfarr- und Stiftskirche St.Bartholomäus die deutschen Könige und Kaiser gewählt wurden, nannten das Gotteshaus ehrenhalber Dom. Die Bezeichnung setzte sich durch und ist bis heute geblieben.

Dieter  Bartetzko Folgen:  

Mag der Titel erschlichen sein, das Alter und der künstlerische Rang von St.Bartholomäus sind es nicht, auch wenn der ehrwürdige Bau von seinen Ausmaßen her der kleinste Dom Europas ist. Wie so oft bei Gebäuden, an denen Jahrhunderte und deren Künstler ihr Bestes gaben, ist auch der Frankfurter Dom reich an Kunstwerken - und damit an Geheimnissen. Denn Bauten, Bilder und Statuen des Mittelalters waren nach einem Wort des Kunsthistorikers Bandmann immer auch und vor allem „Bedeutungsträger“. Viele ihrer ehemals allgemein verständlichen Botschaften gerieten in Vergessenheit. So auch im Frankfurter Dom. Was Wunder also, dass 1991, als man sein Inneres restaurierte, ein Rätsel zum Vorschein kam, das die Kunstgeschichte wohl noch lange Zeit beschäftigen wird.

Bei längerem Betrachten fesselnde Details

Ausgangspunkt ist ein zunächst unscheinbares Rechteck an der Ostwand des Südquerhauses. Der erste Eindruck ist der krakeliger Farbflecken auf schmutzig weißem Grund. Wie eine schwärende Wunde stechen sie vom warmen Glanz der restaurierten Partien ringsum ab. Das Ganze ist der Rest eines gotischen Wandgemäldes: Den einen oder anderen erinnert das schrundige Etwas vielleicht an die drei Katastrophen, die den Dom verheerten: den Brand von 1867, der das Innere verwüstete; die Bomben von 1944, die Gewölbe und Teile der Neuausmalung von 1870 zerstörten; den Wiederaufbau, der 1953 im Namen der Moderne alles unter einem nüchternen hellgrauen Putz verschwinden ließ.

Nur das gotische Fragment wurde damals ausgespart, aber von einem Tabernakel verdeckt. Seit 1994 hat man freien Blick darauf und kann bei längerem Betrachten fesselnde Details ausmachen - segnende Hände, Engelsflügel, verwischte Gesichter, vereinzelte Gewandfalten. Am rechten Rand ist eine Szene sogar leidlich vollständig: Unter einem Bogen mit zierlichen Pfeilern und einem Zinnenkranz hält ein älterer bärtiger Mann ein blondgelocktes Kleinkind über einen weißgedeckten Tisch. Der Mann trägt einen moosgrünen, weich fallenden Mantel mit Gürtel. Über die Schultern hat er einen weißen Schal mit Goldfransen gelegt, auf dem Kopf sitzt eine elegant drapierte blaue Kappe.

Bildzyklus zum Leben Marias

Das Kind, ein Junge, ist nackt. Seinen Kopf umfängt ein Nimbus, den Malerei in Schwarz und Gold wie kostbaren Brokat wirken lässt. Der Kleine schaut aufmerksam zu einer zweiten, nur schemenhaft erhaltenen Person. Deutlich sind nur noch ihre Unterarme in rosafarbenen Ärmeln und die Hände, deren eine ein Messer, die andere das linke Bein des Knaben hält. Sein rechtes Bein ragt über eine runde Schale, in die vom Messer herab Blut fließt - wer ein wenig in christlicher Ikonographie bewandert ist, erkennt die Beschneidung Christi.

Davon ausgehend, haben nun die Kunsthistorikerinnen Margit Krenn und Elena Mittelfarwick die übrigen Fragmente untersucht und als Reste einer Verlobungsszene, einer Verkündigung, einer Heimsuchung (Besuch Marias bei ihrer Cousine Elisabeth) und, unmittelbar vor dem Beschneidungsbild, einer Geburtsszene identifiziert. Damit ist klar, dass es sich um Relikte eines Bildzyklus zum Leben der Maria, Christi Mutter, handelt.

Das rätselhafte Großprojekt Querhaus

Die trotz aller Schäden unverkennbare Delikatesse der Farben und Linien, der Stil und die Maltechnik ergaben, dass es sich um ein Werk des „Meisters des Kleinen Friedberger Altars“ handelt. Besagter Altar, um 1430 entstanden, wird im Hessischen Landesmuseum Darmstadt aufbewahrt. Er gilt als ein Höhepunkt des „Weichen Stils“ am Mittelrhein. Nicht nur in der Bildhauerei, von der die Stadt noch einige atemberaubend schöne Beispiele besitzt, sondern auch in der Malerei war Frankfurt also eine Hochburg dieser als Gipfel der Gotik geltenden Stilrichtung.

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