http://www.faz.net/-gqz-89308

Frankfurter Buchmesse : Kunst ist eben doch keine Demokratie

  • -Aktualisiert am

Der Autor ist selbst gefragt, wenn es um die Vermarktung geht. Dazu gehört das Autorenporträt. Eine Fotografin empfiehlt beim Tischgespräch, sich an den Fotos der klassischen Verlage zu orientieren. Die Autoren lächelten darauf nicht. Stattdessen wirkten sie irgendwie geheimnisvoll. „Der Autor ist doch immer auch ein Geheimnisträger“, sagt sie.

Eine literarische Betaphase?

Ein Stockwerk weiter oben diskutieren Vertreter von Verlagen das digitale Publizieren. „Ich sage nicht, dass es den anspruchsvollen Autor im Selfpublishing nicht gibt, aber wir haben noch keinen gefunden“, sagt Jörg Meier, Digitalchef bei S. Fischer. Michael Doeschner-Apostolidis von Droemer Knaur fällt ein einziges Gegenbeispiel ein: Michael Wäser, der für seinen Roman keinen Verlag fand, obwohl er vom Deutschen Literaturfonds gefördert wurde, und ihn deshalb bei Neobooks, der Plattform von Droemer Knaur, veröffentlichte.

Zurück bei den Selfpublishern, spricht Annika Bühnemann über ihre Fortschritte als Romantik-Autorin: „Schreiben kann man lernen, dafür gibt es ja das Internet. Leute mit weniger Talent müssen mehr arbeiten, bekommen aber am Ende dasselbe Ergebnis.“ Eine freie Lektorin betreut vor allem Selfpublisher: „Meine Aufgabe ist, die Autoren davor zu bewahren, dass sie sich blamieren.“ Leider können sich viele das Lektorat nicht leisten. Testleser aus dem Bekanntenkreis müssen reichen. Der Leiter von Neobooks betont, schlechte Texte würden durch Leserbewertungen reguliert: „Selfpublisher sind Optimierer.“ Eine von ihnen, Emma Wagner, rät, die Leser in die Entstehung des Buches einzubeziehen, sie bei Facebook über die Namen der Figuren abstimmen zu lassen. „Der Leser macht das Buch so zu seiner persönlichen Angelegenheit und wird den Autor später vollends unterstützen.“

Der Schriftsteller Clemens Setz, Suhrkamp-Autor, spricht derweil über das Social-Reading-Projekt zu seinem Roman „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“. Solche Plattformen, auf denen Leser Bücher online kommentieren können, blieben in einer technischen Betaphase, heißt es. Ob es durch Leserkommentare auch eine literarische Betaphase geben könne? Setz wehrt ab: „Ständige Rückmeldungen sind auch toxisch. Autoren müssen einfach mal machen dürfen, im Geheimen.“ Und: „Kunst ist keine Demokratie.“ Die Diskussion findet im Orbanism-Space statt. Der Bereich, in dem sich die Vertreter der „digitalen Content-Wirtschaft“ treffen, ist von weißen Vorhängen eingegrenzt. Hier bildet man Sitzkreise und ist gerne unter sich. Außenstehenden erschließt sich das nicht immer.

Der Hobby-Autor Michael Reisinger ist in der Baustoffbranche tätig und kennt den Buchbetrieb nur von Messebesuchen. Im Gegensatz zu den Materialien, mit denen er arbeite, handele es sich bei Büchern um Produkte mit emotionaler Bedeutung, das schlage sich schnell in den Diskussionen nieder. Der „Krieg“ zwischen Selfpublishern und traditionellen Verlagen erinnert ihn an einen „Kindergeburtstag, auf dem sich um Süßigkeiten gestritten wird“. Er sieht es entspannt: „Es gibt einfach Autoren, für die macht Selfpublishing Sinn, und andere, für die macht die Verlagsveröffentlichung mehr Sinn.“

Weitere Themen

Wenn das Publikum mitschreibt

Poetry Slam mal anders : Wenn das Publikum mitschreibt

Der Slammer Jakob Schwerdtfeger verfasst seinen ersten Roman. Einmal im Monat macht er seine Zuhörer in Frankfurt zu Lektoren und fragt sie nach ihrem Urteil über den entstehenden Text.

Brexit der Herzen

A. L. Kennedy : Brexit der Herzen

Wenn britische Beamte träumen: A. L. Kennedy stellt in Frankfurt heute Abend ihren neuen Roman vor. Und dieser hat die gewohnte Mischung aus Humor, Scharfsinn und bitterem Ernst parat.

Topmeldungen

Merkel im Bundestag : Ein Satz wie Blei

Wenn es um Migration geht, bemüht die Kanzlerin stets die Unantastbarkeit der Menschenwürde. Dabei treibt sie nicht nur Multilateralismus, sondern Wiedergutmachung. Das ist Wasser auf die Mühlen ihrer Kritiker. Ein Kommentar.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.