07.12.2007 · Die rührige Gemeinde verhinderte, dass Frankfurts Matthäuskirche zwischen Hauptbahnhof und Messegelände abgerissen wurde. Doch nun wird sie zum Anhängsel eines Hochhauses degradiert: ein beschämendes Bau-Kuriosum.
Von Dieter BartetzkoEine Schönheit ist sie nicht, Frankfurts Matthäuskirche zwischen Hauptbahnhof und Messegelände. Schön, eine subtile Mischung aus Jugendstil und Neogotik, war sie 1905 zur Weihe. 1955, auferstanden aus Kriegsruinen, bot sie Wiederaufbaumoderne, deren herbe Ästhetik erst jetzt anerkannt wird.
Wie der mit einem goldenen Kreuz gekrönte Turm sich trotzig gegen die ringsum wuchernden Hochhäuser reckte, machte die Matthäuskirche zum Wahrzeichen. Kein Bildband, kaum ein Frankfurt-„Tatort“ ohne sie. Dennoch strich der Evangelische Regionalverband sie 1997 von seiner Liste der „dauerhaft zu unterhaltenden Kirchengebäude“. 2002 folgte der Entschluss, die Kirche abzureißen und das Grundstück zu verkaufen. Nüchtern wie der Finanzvorstand eines Konzerns begründete man dies mit den zuletzt nur noch dreißig Besuchern pro Gottesdienst.
Rührige Gemeinde
Womit man nicht gerechnet hatte, war die rührige Gemeinde. Ihre öffentlichen Proteste verzögerten den Abriss. Er wäre womöglich trotzdem erfolgt, hätte die flaue Wirtschaft der Republik nicht das Investoreninteresse im gesamten Viertel gestoppt. Jetzt aber, angekündigt von Flächenabrissen selbst repräsentativer Altbauten, greift auch dort der Aufschwung.
So stimmte denn die Regionalversammlung der evangelischen Kirche dem Verkauf des Matthäuskirchen-Areals zu. Ein Hochhaus - der Investor bleibt vorerst ungenannt - von 130 Meter Höhe soll entstehen. Dennoch wird die Kirche stehenbleiben. Respektive: Sie wird „weitestgehend erhalten“ und architektonisch mit dem Turm verbunden werden - als Zentrum für den „Dialog zwischen Wirtschaft und Kirche“ und partiell auch als Raum für Gottesdienste.
Die Kirche als Anhängsel eines Hochhauses: So spiegelt sich der Stand der Dinge, in dem die Kirchen sich zunehmend damit abfinden, via Fernsehen und Rundfunk sakral gefärbte „Randnotizen“ zu verkünden. Eine beschämende Vision. So beschämend wie der Name, den man für das künftige Bau-Kuriosum vorgeschlagen hat: „Matthäus-Tower“.