Home
http://www.faz.net/-gqz-76xm2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Frankfurt feiert Yoko Ono Die Erfindung des halben Raums

Sie war 1964 eine der ersten Performance-Künstlerinnen - und wurde eine der wichtigsten. Yoko Onos Schaffen stand stets im Schatten ihrer Ehe mit John Lennon. Zu ihrem achtzigsten Geburtstag zeigt die Frankfurter Schirn ihr Werk.

© Röth, Frank Vergrößern Nicht ohne Sonnenbrille: Yoko Ono vor einem Ausstellungsplakat in der Schirn. Es zeigt sie in einem Film von 1981

Eine junge Frau sitzt allein auf einer Bühne. Sie trägt ein schwarzes Kleid, schwarze Strümpfe, einen weißen Unterrock und einen BH darunter. Das Publikum ist aufgefordert, ihr das Kleid im Wortsinn vom Leib zu schneiden, eine Schere liegt bereit. Was wird geschehen? Es gibt diese Momente, die zunächst als ein unerhörtes Ereignis in ihrer eigenen Zeit wirken, aber dann auch weit darüber hinausstrahlen und den Gang der Kunstgeschichte ändern.

Rose-Maria Gropp Folgen:    

Yoko Onos „Cut Piece“, das sie erstmals 1964 in Tokio aufführte, gehört zu diesen raren Ereignissen, die aus einer nicht allzu fernen Vergangenheit zu uns herüberragen und ihren Effekt immer noch nicht verloren haben. Instant Karma’s gonna get you, noch immer. Von Yoko Ono geht auch heute noch gute Energie aus. Sie, die Fluxuskünstlerin der ersten Stunde, war schon immer mutig, und sie ist es noch.

Rätselhafter Titel „Half-A-Wind Show“

Man muss sich klarmachen, wie früh Ono sich derart ausgesetzt - und dass sie es zuerst in ihrem Geburtsland Japan getan hat: Sie geht, einunddreißig Jahre alt, mit dieser Performance in das Sôgetsu Art Center in Tokio, ein Jahr später, 1965, führt sie das „Cut Piece“ noch einmal in der Carnegie Hall in New York auf. Es ist - bis heute, und heute anders als Mitte jener sechziger Jahre - ein Dokument, das unterschwellige Gewalt zum Thema macht. Spürbar sinkt die Hemmschwelle der Akteure mit der Schere auf der einen Seite, auf der anderen steigt Angst auf in der Frau, bis zur mühsam hinuntergeschluckten Panik.

Das Video von dieser Performance läuft jetzt in der großen Frankfurter Yoko-Ono-Ausstellung, die den rätselhaften Titel „Half-A-Wind Show“ trägt. Die Schirn Kunsthalle widmet der japanisch-amerikanischen Künstlerin die bisher umfassendste Retrospektive. Rund zweihundert Objekte zeigen die Vielfalt dieser Frau, die am 18. Februar ihren achtzigsten Geburtstag feiert.

Yoko Ono "Half-A-Wind Show" - PK und Rundgang mit Yoko Ono durch die Ausstellung über ihr Leben. Yoko Ono in ihrem Kunstwerk „Morning Beams“ in der Rotunde des Frankfurter Kunsthalle © Röth, Frank Bilderstrecke 

Mit ihren eigenen Performances hat sich Yoko Ono eingeschrieben in die Frühgeschichte eines feministischen Selbstbewusstseins. Wenige Frauen haben sich so früh als Performerinnen exponiert, Carolee Schneemann vielleicht, die allerdings stärker auf exhibitionistische Pointen setzte. Auf eine Marina Abramovic oder Valie Export musste man noch eine ganze Weile warten.

Yoko Onos emanzipatorische Praxis ist dagegen stillvergnügt und ernsthaft, undrastisch zumeist, voller Hintersinn stets und manchmal von warmem Humor. Naturgemäß gibt es keinen „halben Wind“, wie auch schon eine ihrer frühen Ausstellungen in der Londoner Lisson Gallery hieß: Es ist die Aufforderung an den Betrachter, an das Gegenüber, irgendetwas überhaupt erst durch die eigene Handlung zu einem Kunstwerk zu machen.

Yoko Ono führte den „Fluxus“ an

Schließlich gibt es auch nicht „Half-A-Room“, wie eine Installation von 1967 heißt, in der lauter weiß angestrichene halbierte Gegenstände ihr auf Ergänzung angewiesenes Dasein fristen. Das alles ist Konzeptkunst in Reinform, ein- und abgeleitet vom Spiel der Gedanken, geboren aus Geist. Es ist dabei Yoko Onos Eigenart, ihre Arbeiten gern entweder „piece“ zu nennen (“Stück“ kann ja nie ganz falsch sein) oder aber „painting“ (am liebsten dann, wenn es sich ganz bestimmt nicht um Malerei handelt). Und ihre Vorliebe gehört den „instructions“, jenen kurzen oder längeren Anweisungen, mit denen sie zur partizipierenden Schöpfung auffordert - und die mitunter zugleich ihr einziger, eigener schöpferischer Akt sind.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Moderne Kunst in Frankfurt Das Drama des menschlichen Alltags

Seine Installationen aus Geschirr haben Subodh Gupta international bekannt gemacht. Jetzt widmet das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt dem indischen Künstler eine Werkschau. Mehr

10.09.2014, 16:00 Uhr | Rhein-Main
Monthy Python’s last show

Die Komiker gucken jetzt auf die bright side of life. Fast ein halbes Jahrhundert schenkte die Truppe der Welt einen nie dagewesenen Witz – und war damit in bedeutendem Maße für die Humorbildung von Generationen verantwortlich. Mehr

21.07.2014, 14:06 Uhr | Gesellschaft
Biennale in Gwangju Kunst, die aus Knochen gemacht wird

Noch nie war die Gwangju Biennale in Südkorea so aufwühlend wie in diesem Jahr: Liegt es daran, dass die Kuratorin Jessica Morgan von der Tate Modern kommt? Mehr

09.09.2014, 10:22 Uhr | Feuilleton
Typisch Mann - typisch Frau?

Wissen Sie, was bis heute klassische Männerberufe sind und welche Jobs mittlerweile eher die Frauen dominieren? Testen Sie sich! Mehr

28.03.2014, 10:46 Uhr | Beruf-Chance
Kleine Obstbäume Ein Apfelbaum für den Balkon

Auf dem Balkon können nicht nur Kräuter wachsen: Auch Apfel- oder Zitrusbäume lassen sich kleinzüchten. Für Gelegenheitsgärtner eignen sie sich indes nicht, wie eine Ausstellung bei Dresden zeigt. Mehr

16.09.2014, 08:28 Uhr | Stil
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 16.02.2013, 12:14 Uhr

Die „Spiegel“-Fechter

Von Michael Hanfeld

Der Kampf in Hamburg ist noch nicht entschieden: „Spiegel“-Chefredakteur Büchner will zwei Ressortchefs loswerden, doch die wollen nicht gehen - und die restliche Redaktion steht geschlossen hinter ihnen. Mehr