Eine junge Frau sitzt allein auf einer Bühne. Sie trägt ein schwarzes Kleid, schwarze Strümpfe, einen weißen Unterrock und einen BH darunter. Das Publikum ist aufgefordert, ihr das Kleid im Wortsinn vom Leib zu schneiden, eine Schere liegt bereit. Was wird geschehen? Es gibt diese Momente, die zunächst als ein unerhörtes Ereignis in ihrer eigenen Zeit wirken, aber dann auch weit darüber hinausstrahlen und den Gang der Kunstgeschichte ändern.
Yoko Onos „Cut Piece“, das sie erstmals 1964 in Tokio aufführte, gehört zu diesen raren Ereignissen, die aus einer nicht allzu fernen Vergangenheit zu uns herüberragen und ihren Effekt immer noch nicht verloren haben. Instant Karma’s gonna get you, noch immer. Von Yoko Ono geht auch heute noch gute Energie aus. Sie, die Fluxuskünstlerin der ersten Stunde, war schon immer mutig, und sie ist es noch.
Rätselhafter Titel „Half-A-Wind Show“
Man muss sich klarmachen, wie früh Ono sich derart ausgesetzt - und dass sie es zuerst in ihrem Geburtsland Japan getan hat: Sie geht, einunddreißig Jahre alt, mit dieser Performance in das Sôgetsu Art Center in Tokio, ein Jahr später, 1965, führt sie das „Cut Piece“ noch einmal in der Carnegie Hall in New York auf. Es ist - bis heute, und heute anders als Mitte jener sechziger Jahre - ein Dokument, das unterschwellige Gewalt zum Thema macht. Spürbar sinkt die Hemmschwelle der Akteure mit der Schere auf der einen Seite, auf der anderen steigt Angst auf in der Frau, bis zur mühsam hinuntergeschluckten Panik.
Das Video von dieser Performance läuft jetzt in der großen Frankfurter Yoko-Ono-Ausstellung, die den rätselhaften Titel „Half-A-Wind Show“ trägt. Die Schirn Kunsthalle widmet der japanisch-amerikanischen Künstlerin die bisher umfassendste Retrospektive. Rund zweihundert Objekte zeigen die Vielfalt dieser Frau, die am 18. Februar ihren achtzigsten Geburtstag feiert.
Mit ihren eigenen Performances hat sich Yoko Ono eingeschrieben in die Frühgeschichte eines feministischen Selbstbewusstseins. Wenige Frauen haben sich so früh als Performerinnen exponiert, Carolee Schneemann vielleicht, die allerdings stärker auf exhibitionistische Pointen setzte. Auf eine Marina Abramovic oder Valie Export musste man noch eine ganze Weile warten.
Yoko Onos emanzipatorische Praxis ist dagegen stillvergnügt und ernsthaft, undrastisch zumeist, voller Hintersinn stets und manchmal von warmem Humor. Naturgemäß gibt es keinen „halben Wind“, wie auch schon eine ihrer frühen Ausstellungen in der Londoner Lisson Gallery hieß: Es ist die Aufforderung an den Betrachter, an das Gegenüber, irgendetwas überhaupt erst durch die eigene Handlung zu einem Kunstwerk zu machen.
Yoko Ono führte den „Fluxus“ an
Schließlich gibt es auch nicht „Half-A-Room“, wie eine Installation von 1967 heißt, in der lauter weiß angestrichene halbierte Gegenstände ihr auf Ergänzung angewiesenes Dasein fristen. Das alles ist Konzeptkunst in Reinform, ein- und abgeleitet vom Spiel der Gedanken, geboren aus Geist. Es ist dabei Yoko Onos Eigenart, ihre Arbeiten gern entweder „piece“ zu nennen (“Stück“ kann ja nie ganz falsch sein) oder aber „painting“ (am liebsten dann, wenn es sich ganz bestimmt nicht um Malerei handelt). Und ihre Vorliebe gehört den „instructions“, jenen kurzen oder längeren Anweisungen, mit denen sie zur partizipierenden Schöpfung auffordert - und die mitunter zugleich ihr einziger, eigener schöpferischer Akt sind.
Ein Begriff muss im Zusammenhang mit Ono erwähnt werden, „Fluxus“. Es ist die von George Maciunas anfangs der Sechziger begründete Bewegung, die sich, um es schlicht zu sagen, gegen jede überkommene Erscheinungsform von Kunst wendet, und wer genau hinschaut, kann feststellen, dass Yoko Ono keinesfalls bloß an den Rändern des amerikanischen Fluxus mitschwamm, sondern ihm voranging. Und noch ein Name kann nicht ungenannt bleiben: John Lennon.
Als Yoko Ono 1966 in der Indica Gallery in London ihre Arbeiten ausstellte, soll ihn eine mit dem Titel „Ceiling Painting (Yes Painting)“, die auch in Frankfurt zu sehen ist, auf die Spur zu ihr gesetzt haben. Sie bringt den intellektuellen Drive mit, dem dann das Paar in der Zeit bis zu Lennons Ermordung 1980 folgt; sie, seine Frau, ist, wie er selbst es so stolz gesagt hat, die „berühmteste unbekannte Künstlerin“. Die Zeit ist reif, dass sich das ändert.
„Berühren erlaubt“ durchbricht museale Attitüde
Die „Half-A-Wind Show“ macht vor allem auch eines - Spaß. Es ist das Verdienst der Kuratorin Ingrid Pfeiffer, die Sinnlichkeit einzufangen, die dem OEuvre Onos bis heute eignet, auch weil immer wieder ein „Berühren erlaubt“ die museale Attitüde durchbricht. Aus Onos frühester Ausstellung, 1961 in der New Yorker AG Gallery, gibt es eine Replik des „Painting to be stepped on“: Ein amorphes Stück Stoff, auf dem Boden liegend, ist zu betreten. Zu sehen sind auch Installationsfotografien wie das „Shadow Painting“, ein an die Wand gepinntes Rechteck, dem erst Schattenwurf die Anmutung eines Kunstwerks gibt.
Die Schau macht nicht halt in den Achtzigern, sondern folgt Onos Schaffen bis in die Gegenwart, zu den Filmen und der Musik, die ihr bis heute so nah ist; man kann ihr in einem feinen Extrakabinett zuhören. Leider ist das Wort „poetisch“ so abgenutzt wie die blankgeriebenen Münzen, die man in einen der „Air Dispenser“ stecken kann.
Der altmodische Spenderautomat aus dem Jahr 1971 enthält Plastikkapseln, die mit Luft gefüllt sind. „Air Capsules by Yoko Ono 10 Cent“ steht darauf geschrieben. Jeder Besucher kann für fünfzig Cent eine durchsichtige Hülle ziehen. Doch, das ist schon - „poetisch“, wie es auch die kurzen Sätze sind, die Yoko Ono mit schwarzem Stift winzig an die Ausstellungswände geschrieben hat: „I remember everything“ oder „Your eyes are speaking to me“.
Am vergangenen Mittwochabend hat Yoko Ono in Frankfurt noch einmal ihrer Performance „Sky Piece to Jesus Christ“ (die ursprünglich wohl ironisch an John Cage adressiert war) beigewohnt; während Antonín Dvoráks „Serenade d-Moll“ wurden die Musiker so lange mit Mullbinden umwickelt, bis sie verstummen mussten.
Danach malte sie selbst sieben kalligraphische Zeichen an die weite weiße Wand, um danach die vielen Scherben einer zerschlagenen Vase dem Publikum anzubieten. Ihre Anweisung dazu lautet, einen der Splitter mitnehmen und in zehn Jahren damit an den Ort zurückzukehren. Der Scherben ist hellblau, mit ein bisschen Tiefblau am Rand. Wie der Himmel über uns. Wir haben verstanden. And we all shine on.