http://www.faz.net/-gqz-76xm2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 16.02.2013, 12:14 Uhr

Frankfurt feiert Yoko Ono Die Erfindung des halben Raums

Sie war 1964 eine der ersten Performance-Künstlerinnen - und wurde eine der wichtigsten. Yoko Onos Schaffen stand stets im Schatten ihrer Ehe mit John Lennon. Zu ihrem achtzigsten Geburtstag zeigt die Frankfurter Schirn ihr Werk.

von
© Röth, Frank Nicht ohne Sonnenbrille: Yoko Ono vor einem Ausstellungsplakat in der Schirn. Es zeigt sie in einem Film von 1981

Eine junge Frau sitzt allein auf einer Bühne. Sie trägt ein schwarzes Kleid, schwarze Strümpfe, einen weißen Unterrock und einen BH darunter. Das Publikum ist aufgefordert, ihr das Kleid im Wortsinn vom Leib zu schneiden, eine Schere liegt bereit. Was wird geschehen? Es gibt diese Momente, die zunächst als ein unerhörtes Ereignis in ihrer eigenen Zeit wirken, aber dann auch weit darüber hinausstrahlen und den Gang der Kunstgeschichte ändern.

Rose-Maria Gropp Folgen:

Yoko Onos „Cut Piece“, das sie erstmals 1964 in Tokio aufführte, gehört zu diesen raren Ereignissen, die aus einer nicht allzu fernen Vergangenheit zu uns herüberragen und ihren Effekt immer noch nicht verloren haben. Instant Karma’s gonna get you, noch immer. Von Yoko Ono geht auch heute noch gute Energie aus. Sie, die Fluxuskünstlerin der ersten Stunde, war schon immer mutig, und sie ist es noch.

Rätselhafter Titel „Half-A-Wind Show“

Man muss sich klarmachen, wie früh Ono sich derart ausgesetzt - und dass sie es zuerst in ihrem Geburtsland Japan getan hat: Sie geht, einunddreißig Jahre alt, mit dieser Performance in das Sôgetsu Art Center in Tokio, ein Jahr später, 1965, führt sie das „Cut Piece“ noch einmal in der Carnegie Hall in New York auf. Es ist - bis heute, und heute anders als Mitte jener sechziger Jahre - ein Dokument, das unterschwellige Gewalt zum Thema macht. Spürbar sinkt die Hemmschwelle der Akteure mit der Schere auf der einen Seite, auf der anderen steigt Angst auf in der Frau, bis zur mühsam hinuntergeschluckten Panik.

Das Video von dieser Performance läuft jetzt in der großen Frankfurter Yoko-Ono-Ausstellung, die den rätselhaften Titel „Half-A-Wind Show“ trägt. Die Schirn Kunsthalle widmet der japanisch-amerikanischen Künstlerin die bisher umfassendste Retrospektive. Rund zweihundert Objekte zeigen die Vielfalt dieser Frau, die am 18. Februar ihren achtzigsten Geburtstag feiert.

Yoko Ono "Half-A-Wind Show" - PK und Rundgang mit Yoko Ono durch die Ausstellung über ihr Leben. Yoko Ono in ihrem Kunstwerk „Morning Beams“ in der Rotunde des Frankfurter Kunsthalle © Röth, Frank Bilderstrecke 

Mit ihren eigenen Performances hat sich Yoko Ono eingeschrieben in die Frühgeschichte eines feministischen Selbstbewusstseins. Wenige Frauen haben sich so früh als Performerinnen exponiert, Carolee Schneemann vielleicht, die allerdings stärker auf exhibitionistische Pointen setzte. Auf eine Marina Abramovic oder Valie Export musste man noch eine ganze Weile warten.

Yoko Onos emanzipatorische Praxis ist dagegen stillvergnügt und ernsthaft, undrastisch zumeist, voller Hintersinn stets und manchmal von warmem Humor. Naturgemäß gibt es keinen „halben Wind“, wie auch schon eine ihrer frühen Ausstellungen in der Londoner Lisson Gallery hieß: Es ist die Aufforderung an den Betrachter, an das Gegenüber, irgendetwas überhaupt erst durch die eigene Handlung zu einem Kunstwerk zu machen.

Yoko Ono führte den „Fluxus“ an

Schließlich gibt es auch nicht „Half-A-Room“, wie eine Installation von 1967 heißt, in der lauter weiß angestrichene halbierte Gegenstände ihr auf Ergänzung angewiesenes Dasein fristen. Das alles ist Konzeptkunst in Reinform, ein- und abgeleitet vom Spiel der Gedanken, geboren aus Geist. Es ist dabei Yoko Onos Eigenart, ihre Arbeiten gern entweder „piece“ zu nennen (“Stück“ kann ja nie ganz falsch sein) oder aber „painting“ (am liebsten dann, wenn es sich ganz bestimmt nicht um Malerei handelt). Und ihre Vorliebe gehört den „instructions“, jenen kurzen oder längeren Anweisungen, mit denen sie zur partizipierenden Schöpfung auffordert - und die mitunter zugleich ihr einziger, eigener schöpferischer Akt sind.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Comic-Avantgarde in der Schirn Hier liegt die Zukunft vor uns

Eine Ausstellung in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle würdigt die frühe amerikanische Comic-Avantgarde. Sie präsentiert Originale und Erstdrucke in einer Form, die sich nicht um kunstgeschichtliche Vorurteile schert. Mehr Von Andreas Platthaus

24.06.2016, 12:48 Uhr | Feuilleton
Michelangelos Meisterwerk Die Erschaffung Adams

Ein Detail verhalf dem Fresko Die Erschaffung Adams, das Michelangelo an die Decke der Sixtinischen Kapelle malte, zu Weltruhm. Die sich fast berührenden Zeigefinger tauchen auf Souvenirs, Postkarten und billigem Kitsch auf. Mehr

22.06.2016, 10:54 Uhr | Feuilleton
Georg Baselitz im Städel Ich fühlte mich nicht zugehörig

Georg Baselitz hat sich immer als Außenseiter in der Kunst gefühlt. Eine Ausstellung in Frankfurt widmet sich nun seinem Frühwerk - unter Mitwirkung des Künstlers. Mehr

29.06.2016, 17:26 Uhr | Rhein-Main
Fashion Week in Berlin Wie die Location die Show beeinflusst

Nicht nur die Outfits spielen eine wichtige Rolle auf den Modenschauen der Fashion Week, auch andere Faktoren beeinflussen die Atmosphäre. Allen voran ein nicht zu unterschätzendes Element: die Location. Mehr

29.06.2016, 18:52 Uhr | Stil
Art Basel In einer dynamischen Welt

Die Kunst auf der Art Basel kann und will die politischen Verhältnisse nicht aussparen. Das ist keine Frage ihrer Entstehungszeit. Die Traditionsmesse bleibt der entscheidende Schauplatz für die internationale Klientel. Mehr Von Brita Sachs/Basel

18.06.2016, 10:15 Uhr | Feuilleton
Glosse

Revolte der Körper

Von Thomas Thiel

Politik richtet sich an den Verstand. Doch die abstrakte Weltpolitik lässt die Körper revoltieren. Zum Vorteil der Patriarchen. Mehr 3

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“