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Stefan Aust über Frank Schirrmacher : Ein spätgeborenes Genie

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Frank Schirrmacher mit Stefan Aust am Rande der Konferenz „Denk ich an Deutschland“, im Jahr 2009 Bild: Thomas Grabka/laif

Frank Schirrmacher schien immer zu jung: zu jung für das, was er schrieb, das, was er machte, zu jung für seine gewaltigen Erkenntnisse - und jetzt auch zu jung für das Sterben. Anmerkungen zu einem frühen Tod

          Er war immer der jüngste unter den Weisen, und das wird er jetzt auch bleiben. Mit 54 stirbt man nicht, mein Lieber. Aber seine Atemlosigkeit ist dem Herz wohl schlecht bekommen. Frank Schirrmacher – tot? Niemals. Zu jung zum Sterben, so, wie er für alles zu jung war, für das, was er dachte, was er schrieb, wie er schrieb, was er durchschaute. Manchmal fragte man sich staunend, woher ein junger Mann so viel intellektuellen Durchblick haben konnte und so viel Talent, seine Erkenntnisse zu formulieren. Wahrscheinlich war er etwas ganz Altmodisches, ein spätgeborenes Genie.

          Er war kein Journalist, er war ein Geist, der die Welt reflektierte, der Entwicklungen erkannte und benannte, der aus jedem, mit dem er sprach, herausholte, was er wissen wollte, um am Ende klüger zu sein als alle anderen seiner Generation. Und er war klug genug, sich nicht auf ewig festzulegen. Nicht rechts, nicht links und schon gar nicht in der Mitte. Je nach Sachlage eben. Ein unabhängiger Geist, der sich nicht nach Moden richtete, sondern seine eigene Agenda setzte und damit früher als andere erkannte, wohin die Welt sich drehte. Und wenn er durch war mit einem Thema, dann stürzte er sich mit derselben Besessenheit auf das nächste. Nicht weil er ein Thema suchte, sondern weil die Themen ihn suchten, geradezu heimsuchten.

          Nicht genug Zeit

          Ich habe ihn 1990, kurz nach dem Fall der Mauer, zum ersten Mal getroffen, auf einer Konferenz im Cecilienhof in Potsdam. Er sprach mich an auf einen Satz, den ich in der Nacht des 9. November in einem Fernsehkommentar gesagt hatte, nämlich, das sei der Tag gewesen, „an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging“. Er konnte sich begeistern, für das, was andere dachten und schrieben, fast mehr als für das, was er selbst dachte. Bis zur Eitelkeit uneitel. Es war, als sei der Werbeslogan der F.A.Z. allein auf ihn gemünzt: Dahinter steckt immer ein kluger Kopf.

          Wir machten über die Fronten zweier Verlagshäuser hinweg eine Filmserie mit angeschlossenen Interviews zum Thema „100 Jahre Deutschland“, ich weiß nicht, von wem ich dabei mehr gelernt habe: Weizsäcker, Schmidt, Merkel, Bahr, Leonhardt – oder von meinem Partner auf der Frager-Seite, Frank Schirrmacher. Wir trafen uns – eher zufällig – in der Paris-Bar mit Mathias Döpfner und regten uns gemeinsam über die Albernheiten der Rechtschreibreform auf. Die F.A.Z. hatte als einzige Publikation den Unsinn bis dahin nicht mitgemacht. Aber Schirrmacher wusste, dass er auf Dauer nicht allein beim „dass mit sz“ bleiben konnte. Wir schmiedeten einen Dreier-Pakt zur Entrümpelung der Rechtschreibreform. Und schafften es am Ende, die größten Absurditäten zu beseitigen. Dann schaltete auch die F.A.Z. um – auf die reformierte Schreibreform. Ohne Frank Schirrmachers Sturheit, seinen Widerwillen gegen die Verhunzung der deutschen Schriftsprache, würde der Duden heute anders aussehen.

          Frank Schirrmacher und Stefan Aust bei einer Buchvorstellung in Frankfurt, 2009

          Mit der gleichen Besessenheit schleppte er die Naturwissenschaften in die Kultur, war zugleich fasziniert und besorgt über die Möglichkeiten der Entschlüsselung des menschlichen Genoms, analysierte die Überalterung der Gesellschaft, die globale Finanzakrobatik, die Gefahren einer digitalen Diktatur. Und er hörte immer gebannt zu, wenn ihn ein neues Thema interessierte. Vorletzte Woche, am Rande einer Kunstausstellung, löcherte er mich mit Fragen nach der Verwicklung von V-Leuten des Verfassungsschutzes in die Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“. Wir hatten nicht genug Zeit. Und nun niemals mehr.

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