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Gedenkfeier für Frank Schirrmacher : Eine zentrale Kraft der deutschen Öffentlichkeit

  • Aktualisiert am

Ein Foto von Frank Schirrmacher, aufgenommen am Freitag in der Paulskirche in Frankfurt Bild: Helmut Fricke

Am Freitag wäre Frank Schirrmacher 55 Jahre alt geworden. In Anwesenheit von Bundespräsident Joachim Gauck gedachten Kollegen, Angehörige sowie Vertreter aus Politik und Kultur in der Paulskirche des früheren Mitherausgebers der F.A.Z.

          Die Stadt Frankfurt und die Frankfurter Allgemeine Zeitung haben am Freitag in der Paulskirche Abschied genommen von einem, darin waren sich alle Redner der Veranstaltung einig,  herausragenden Publizisten Deutschlands. Frank Schirrmacher wäre an diesem Tag, an dem sich über dreihundert Gäste zu seinem Gedenken versammelten, 55 Jahre alt geworden. In der Frankfurter Paulskirche hatte der frühere Mitherausgeber der F.A.Z. nicht nur im Jahr 2009 den Ludwig-Börne-Preis entgegengenommen, sondern auch zahlreiche Laudationes gehalten - wenige Tage vor seinem eigenen Tod noch eine Gedenkrede auf Marcel Reich-Ranicki, sein Vorgänger als Literaturchef in der Zeitung, die er über Jahrzehnte prägte.

          In Anwesenheit von Bundespräsident Joachim Gauck, der Frank Schirrmacher nach dessen Tod als „Stimme der Vernunft“ bezeichnet hatte, die Deutschland fehlen werde, würdigte der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann Schirrmacher in seiner Begrüßung als „großen Modernisierer“ des Feuilletons. Der „republikanisch-bürgerliche Geist“, fügte er hinzu, der in der Frankfurter Paulskirche während der ersten deutschen Nationalversammlung „das Licht der Welt erblickte, fand in Frank Schirrmacher einen würdigen Vertreter.“

          Er hatte vergessen, seine Kindheit und Jugend abzulegen

          „Wir waren stolz auf ihn“, sagte der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier in seiner Ansprache, und erinnerte an die vielen Debatten, die Frank Schirrmacher im Feuilleton der F.A.Z. entfacht hat.

          Als Vorsitzender des Herausgebergremiums der Frankfurter Allgemeinen Zeitung charakterisierte Holger Steltzner seinen früheren Kollegen anschließend als „Überwältiger“: „Sein Vermächtnis ist nicht das Zaudern oder Zögern, sondern die Überzeugung, etwas bewirken zu können.“

          Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hob Schirrmachers „tiefe Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft“ hervor, die dieser immer wieder, zuletzt nach dem „Israel“-Gedicht von Günter Grass, in größter Entschiedenheit unter Beweis gestellt habe.

          Der Frage, welche Eigenschaften den „wirklichen Frank Schirrmacher“ ausgemacht hätten, widmete sich Hans Ulrich Gumbrecht, Professor für Komparatistik an der Stanford University und in den achtziger Jahren der Doktorvater des Verstorbenen, in der Hauptrede der Gedenkfeier. Drei hervorstechende Merkmale zählte Gumbrecht auf: Ungeschliffenheit, Leidenschaft und Sorge.

          Seine Ungeschliffenheit habe es Frank Schirrmacher, der in seiner Begeisterungsfähigkeit, so Gumbrecht, zuweilen den Eindruck erweckte, als habe er „vor lauter Eile vergessen, seine Kindheit und Jugend abzulegen“, ermöglicht, vorgefertigte Konventionen und Werte zugunsten neuer, in ihrer Zielrichtung immer aufklärerischer Debatten abzustreifen.

          Ein singuläres Talent der journalistischen Antizipation

          Die aus Gumbrechts Sicht durchaus konservative Sorge habe sich vor allem in den vier Büchern des letzten Lebensjahrzehnts niedergeschlagen, in denen er sich mit den Problemen einer alternden Gesellschaft und reduzierter Familien („Das Methusalem-Komplott“, „Minimum“) sowie den Gefahren des digitalen Wandels („Payback“, „Ego“) beschäftigte. „Es mögen“, so Gumbrecht, „solche Konfigurationen der Sorge gewesen sein, welche Schirrmachers singuläres Talent der journalistischen Antizipation schärften“. Ihm sei es gelungen, „neue Mythen des Alltags“ zu schaffen.

          Wie bei seinen Vorrednern traten auch in Gumbrechts Ausführungen Frank Schirrmachers Leidenschaft und das ungewöhnliche, mit großer Stilsicherheit gepaarte Pathos seiner Texte in den Vordergrund - verbunden mit dem Bedauern, dass dessen Wirksamkeit in den bevorstehenden Debatten fehlen wird.  „Er war“, resümierte Gumbrecht, „über die fast zwei Jahrzehnte seines Lebens, in denen sein Name täglich auf der ersten Seite der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung‘ als einer der Herausgeber-Namen erschien, eine zentrale Kraft, vielleicht die eine zentrale Kraft, welche die deutsche Öffentlichkeit am Leben und in Wachheit hielt.“

          Auf der Gedenkfeier - musikalisch begleitet von dem Pianisten Igor Levit - fanden sich viele Kollegen sowie Vertreter aus Politik und Kultur wie Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments, und Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel-Springer SE in der Paulskirche ein. Frank Schirrmacher war am 12. Juni in Frankfurt überraschend an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben.

          Die Rede Hans Ulrich Gumbrechts auf der Gedenkfeier für Frank Schirrmacher lesen Sie in der F.A.Z. vom 6. September 2014 (am Vorabend schon im E-Paper).

          Quelle: uweb

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