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Frank Schirrmacher zum Gedenken : Ungeschliffen, leidenschaftlich und besorgt

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Frank Schirrmacher (5. September 1959 bis 12. Juni 2014) Bild: dpa

Warum wir Frank Schirrmacher nicht vergessen sollen: Rede bei der Gedenkfeier für Frank Schirrmacher, den im Juni verstorbenen Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in der Frankfurter Paulskirche.

          Es muss den Gegnern von Frank Schirrmacher ähnlich gegangen sein wie seinen Freunden, als uns am 12. Juni die Nachricht von seinem Tod erreichte. Wie in einem Paradox stellten sich zwei Reaktionen ein – und schlossen zugleich einander aus. Während der knapp dreißig Jahre, die wir uns kannten, hatte ich nie für den Bruchteil einer Sekunde an den Tod von Frank Schirrmacher gedacht. Seine Lebhaftigkeit und die Intensität der Gespräche mit ihm schlossen diese Möglichkeit aus.

          Doch als die nicht bedachte Möglichkeit des Todes zur unumkehrbaren Tatsache geworden war, schien sie plötzlich im Rückblick nur allzu plausibel. Denn eine auf die Ökonomie des Überlebens bis ins hohe Alter ausgerichtete Existenz, ein durchtrainierter Schirrmacher beim Morgen-Jogging, gehörten nicht zu den Vorstellungen, die irgendjemand mit ihm verband. Eher wirkte er wie eine Gestalt des Exzesses, der gerade noch rechtzeitig abgeschlossenen Texte, der Aufbrüche im letzten Moment, der nie endenden Überraschungen – und für manche wohl auch der nur schwer hinzunehmenden Enttäuschungen.

          Schon in den ersten Stunden nach jenem zugleich unfassbaren und doch nur banales medizinisches Alltagswissen bestätigenden Tod zeichnete sich eine andere Überraschung ab, noch einmal eine Überraschung mit paradoxaler Form, die nun auch ersten Trost spendete. Die Zahl und die Deutlichkeit der Stimmen und Texte, die aus ganz verschiedenen Perspektiven feststellten, dass Frank Schirrmachers Tod einen einschneidenden Verlust für die deutsche Öffentlichkeit markieren würde, überschritt bald schon die Grenze zum Unerhörten.

          Den wirklichen Frank Schirrmacher heraufbeschwören

          Überraschend und paradoxal war auch diese Erfahrung, weil zu Lebzeiten von Frank Schirrmacher – trotz aller Anerkennungen und Auszeichnungen – erstaunlicherweise ein Tabu brechen musste, wer ohne relativierende Nebenbemerkungen positiv über ihn sprechen wollte (ich habe wohl nie einen Außenstehenden davon überzeugt, dass mir Frank Schirrmacher ein guter – ein lieber und ein verlässlicher – Freund war).

          Fast wirkte es, als wollte man ihn gegen besseres Wissen und mit erheblicher Anstrengung unterschätzen, weil sich in ihm eine schwer greifbare und deshalb beunruhigende Kraft zu zeigen schien. In den Tagen nach seinem Tod ist das Wort „Dämon“ oft gefallen, das in der Antike für Kräfte zwischen Alltag und Transzendenz stand, für Kräfte mit durchaus ambivalenten Wirkungen auch und mit gespaltener Resonanz. Aber am Ende ist dieser Begriff des Dämonischen wohl allzu weit hergeholt – und doch auch allzu abgegriffen. Viel besser und charmanter traf das besondere Gefühl eine sehr alte Frau, die sich bei einer akademischen Feier vor Jahren in Marburg eine Weile artig mit Schirrmacher unterhalten hatte, um dann mit einem Mal zu fragen: „Sind Sie denn der wirkliche Herr Schirrmacher?“

          Drei Monate nach seinem Tod, noch bevor wir uns ganz an seine Abwesenheit gewöhnen, ist es wohl an der Zeit, den „wirklichen Frank Schirrmacher“ noch einmal heraufzubeschwören – was für seine Freunde und für seine Feinde in je anderer Weise schmerzhaft sein mag. An Details und Anekdoten, an großen Perspektiven und Dimensionen lässt sich jener Welle der Nachrufe und Reaktionen, die sein Tod auslöste, wohl nichts mehr hinzufügen.

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