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François Hollandes historischer Auftritt Kleiner Mann, große Rede

24.01.2012 ·  Symbole mit Stilgefühl: Am Sonntag ist François Hollande, dem Kandidaten der Sozialisten bei der französischen Präsidentenwahl, eine außergewöhnliche Rede geglückt.

Von Nils Minkmar
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© AFP Gelungene Inszenierung: Francois Hollande in Le Bourget

François Hollande ist die dreidimensionale Version einer Zeichnung von Sempé: Mann im grauen Anzug blinzelt ratlos der Welt entgegen. Er war somit der Albtraum aller Politikberater, Werbeheinis und Spindoktoren; einer, der Alphatiere nur aus dem Jardin des Plantes kennt, wo er sie in Gesellschaft seiner Kinder bestaunt.

Dann hat er am Sonntag diese Rede gehalten, seitdem ist alles anders. Der Zeitpunkt war perfekt gewählt: Sarkozy hat sich erwartungsgemäß verausgabt, die Herabstufung hat ihm geschadet, die Leute sind seiner überdrüssig. Hollande hat sich lange im Stillen vorbereitet, hat die Mitarbeiter zuliefern lassen und dann die Rede neu geschrieben, mit der Hand.

Er begann mit einem Satz von geradezu literarischer Schlichtheit: „Ich bin gekommen, um über Frankreich zu sprechen.“ Das hat er sich bei Proust abgeschaut, den Trick mit dem erschütternd einfachen Eingang zur Suche nach der verlorenen Zeit: „Lange bin ich früh schlafen gegangen.“ Und dann betritt man ein ganzes Labyrinth.

Distanz zum großen Geld

Hollande eröffnet mit Stilfragen: Die Bezüge des Präsidenten und der Minister wird er um dreißig Prozent kürzen. Nicht auf Paläste und Entourage komme es ihm an, sondern auf Überzeugungskraft: „Echte Autorität zeichnet sich durch Bescheidenheit aus.“ Es ist eine Abrechnung mit dem derzeitigen Amtsinhaber, den er nicht ein einziges Mal beim Namen nennt. Sein wahrer, sein einziger Gegner, sagte er, habe kein Gesicht, keinen Namen und keine Partei, das seien die Finanzmärkte. Distanz zum großen Geld kommt gut an, und sosehr sich Sarkozy auch müht, man nimmt sie ihm nicht mehr ab, seit er am Anfang seiner Amtszeit seiner Neigung zu Gold und Glitzer so hemmungslos nachgegeben hat.

Hollande kann demgegenüber mit dem in Frankreich so über alle Maßen wertgeschätzten symbolischen Kapital der Bildung und der Kenntnis des Landes glänzen. Wenn er Camus zitiert oder etwas zur Résistance erzählt, wirkt es nicht, als lese er von einem Post-it ab oder erwarte Fleißpunkte für Belesenheit. Er erwartet nichts. Das ist sein Mantra: Es geht nicht um mich. Für die Franzosen, die schon das Gefühl hatten, mit dem anstrengenden Sarkozy im Aufzug eingeschlossen zu sein, ist das eine wahre Wohltat.

Ewig hat der Präsident seinen Rivalen unterschätzt. Bei Terminen im Élyséepalast versäumte er es nie, dem Sozialisten ein Speiseeis servieren zu lassen, als wäre der von allzu kindlichem Gemüt. Das dürfte sich seit Sonntag geändert haben. Solche Perfektion in der Rede ist in der Politik eine altmodische, seltene und entscheidende Waffe.

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Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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