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Fragen Sie Reich-Ranicki Sind mir wichtige Autoren entgangen? Vermutlich ja

16.04.2007 ·  Warum eigentlich lebt Marcel Reich-Ranicki in Frankfurt und nicht längst wieder in Berlin? Und wie hält er es mit der Literatur kleinerer Länder von Albanien bis Zypern? Sehr persönliche Antworten des großen Literaturkritikers.

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Mich würde interessieren, was Sie von der Literatur der kleineren Länder kennen und welche Autoren Sie besonders schätzen. Ich bin bulgarischer Staatsbürger, würde aber gern Ihre Meinung auch über die Literatur anderer Länder erfahren - von Albanien bis Zypern.
B. Stoyanow

Marcel Reich-Ranicki: Ich habe mich mein ganzes Leben lang mit der deutschen Literatur beschäftigt, ferner mit den angelsächsischen und den südamerikanischen Literaturen, mit der französischen, der italienischen und der spanischen, mit der russischen, der polnischen und der tschechischen. Ich glaube, das ist alles - und das ist wohl eine Menge.

Gewiss, da fehlt noch allerlei. Ich habe ja nichts aus Albanien oder Zypern gelesen, aus Island oder Finnland, aus Bulgarien oder Rumänien. Warum? Weil ich es nicht mehr zu schaffen vermochte - obwohl ich den weitaus größten Teil meines Lebens mit Lesen verbracht habe. Sind mir wichtige Autoren entgangen? Ja, vermutlich ist das der Fall. Andere mögen mehr Literatur kennen als ich.

Aber warum muss ich mich eigentlich immer wieder rechtfertigen? Ich werde auch häufig gefragt, was ich von diesem oder jenem Schriftsteller halte. Wenn ich eine solche Frage unbeantwortet lasse, dann bedeutet das, dass ich diesen Autor nicht kenne oder aber ihn zwar kenne, doch nicht öffentlich erklären möchte, warum ich mich über ihn nicht äußere. Wir leben doch in einem freien Land, nicht wahr?

Sie leben nun schon seit mehreren Jahrzehnten in Frankfurt. Liest man Ihre Erinnerungen, hätte man sicherlich zuerst auf Berlin als Ihre Wahlheimat getippt. Was fasziniert Sie an Frankfurt so sehr, dass Sie gerade dieser Stadt so lange die Treue halten? Warum sind Sie nicht in Berlin, der Stadt Ihrer Jugend, wieder sesshaft geworden?
René Kiesewetter, Wietzendorf

Marcel Reich-Ranicki: Meine Entscheidung zugunsten von Frankfurt hat nicht mit einem Faszinosum zu tun, welcher Art auch immer, sondern mit einem sachlichen und nüchternen Umstand - mit meiner beruflichen Laufbahn. Von 1959 bis 1973 habe ich in Hamburg gelebt. Denn ich hatte vierzehn Jahre als ständiger Literaturkritiker für die Wochenzeitung „Die Zeit“ gearbeitet. 1973 wurde mir ein Posten in der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung angeboten; ich sollte die Leitung des Ressorts „Literatur und literarisches Leben“ übernehmen. Dies bedeutete, dass ich nach Frankfurt übersiedeln musste. Ich zögerte keinen Augenblick. Doch ich will es nicht verschweigen: Es wäre mir lieber gewesen, wenn ich nach Berlin hätte umziehen müssen, doch dafür war die F.A.Z. nicht zu gewinnen. So bin ich nach wie vor bei der F.A.Z. Ich habe es nie bedauert, nach Frankfurt gegangen zu sein.

Inzwischen habe ich die Leitung des mir zehn Jahre unterstellten Ressorts aus Altersgründen aufgegeben, bin jedoch in der F.A.Z. für zwei Bereiche verantwortlich: Ich redigiere die „Frankfurter Anthologie“, die seit 1974 an jedem Samstag erscheint (bisher sind es 1650 deutsche Gedichte mit Interpretationen), und ich schreibe die Rubrik „Fragen Sie Reich-Ranicki“.

Beides könnte ich natürlich auch von Berlin aus tun. Aber ich habe keine Lust zu noch einem Umzug. Überdies - und das ist wichtiger - habe ich in Frankfurt einige Freunde gefunden. Es sind leider nur wenige. So war es in meinem ganzen Leben, und das ist wohl meine Schuld.

Aber wenn ich von Zeit zu Zeit für zwei oder drei Tage nach Berlin komme, dann spüre ich etwas, das man vielleicht Heimatgefühl nennen könnte. Wenn man mir, als ich vor vielen Jahren nach Deutschland zurückgekehrt bin - es war 1958 -, eine Arbeit in Berlin angeboten hätte, wäre wohl alles anders gelaufen. Ich habe über ein solches Angebot nie nachgedacht, weil es mir nie gemacht wurde.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.04.2007, Nr. 15 / Seite 29
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