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Fragen Sie Reich-Ranicki Das wichtigste Werk dieses Autors war kein Buch

10.05.2006 ·  Der Name Hans Werner Richter darf in keiner Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts fehlen. Dennoch möchte sich Marcel Reich-Ranicki mit einzelnen Romanen dieses Schriftstellers nicht befassen: Bücher waren seine Stärke nicht.

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Gibt es ein Werk von Stefan Andres, das Sie auch heute noch zur Lektüre empfehlen würden?
Rene Schneider, Genf

Reich-Ranicki: Einige Bücher von Andres habe ich in den fünfziger und sechziger Jahren gelesen. Den stärksten Eindruck hat die Novelle „El Greco malt den Großinquisitor“ aus dem Jahre 1936 hinterlassen, eine Auseinandersetzung mit der Kunst im Terrorstaat. Sie ist, glaube ich, noch heute durchaus lesenswert.

Ich erinnere mich auch an die Novelle „Wir sind Utopia“ aus dem Jahre 1942. Von seinen Romanen habe ich nur einen einzigen gelesen: „Im Taubenturm“. Ein ziemlich scheußliches Buch, dessen Kritik ich in meinem Sammelband „Lauter Verrisse“ nachgedruckt habe.

Warum führt die Lyrik heutzutage ein Schattendasein?
Gertraude Schön, Gelnhausen

Reich-Ranicki: Daß die Lyrik heute ein Schattendasein führt, ist aus der Luft gegriffen, ist absolut falsch, um nicht zu sagen: barer Unsinn. Noch nie in der Geschichte der deutschen Poesie wurden so viele Lyrikbände publiziert wie in diesen Jahren. Noch nie gab es in Deutschland so viele Lyrikpreise. Noch nie gab es eine Rubrik wie die „Frankfurter Anthologie“, die in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seit 1974 allwöchentlich ein deutsches Gedicht mit einem Kommentar veröffentlicht. Noch nie gab es, wie gerade jetzt, eine fünfzig Bände umfassende Kanonbibliothek der deutschen Literatur. In dem Teil, der in dieser Bibliothek der Lyrik gewidmet ist, finden sich in sieben Bänden 1370 Gedichte von 270 Autoren. Also bitte . . .

Wie beurteilen Sie heute die zwischen 1949 und 1958 erschienenen Romane „Die Geschlagenen“, „Sie fielen aus Gottes Hand“ und „Linus Fleck“ von Hans Werner Richter?
Dr. Hans Prescher, München

Reich-Ranicki: Ungern beantworte ich diese Frage. Warum soll ich eigentlich schlecht über einen Autor schreiben, dessen Bücher nichts taugen, dem man jedoch wichtige Verdienste nachrühmen kann und sollte? Hans Werner Richter, der 1908 geboren wurde und 1993 gestorben ist, hat 1947 die „Gruppe 47“ gegründet oder mitbegründet. Jedenfalls hat er sie viele Jahre umsichtig geleitet. Ich weiß, wovon ich rede, ich gehörte ab 1958 der „Gruppe“ an. Ohne ihn wäre sie - dessen bin ich sicher - rasch eingegangen.

Auf die Geschichte der deutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg hat diese „Gruppe 47“ einen so starken wie günstigen Einfluß ausgeübt. Es genügt, einige Namen damals wenig bekannter Schriftsteller zu nennen, die den Preis der Gruppe erhalten haben: Heinrich Böll, Günter Eich, Ingeborg Bachmann, Martin Walser, Ilse Aichinger, Günter Grass und andere.

Allerdings gibt es noch einen anderen Grund, der mich hindert, diese drei Romane heute zu beurteilen. Sie stammen aus den späten vierziger und fünfziger Jahren. Ich habe damals alle drei aufmerksam gelesen, richtiger gesagt, zu lesen versucht. Ich habe mich furchtbar gelangweilt. Um mich jetzt über diese längst vergessenen Bücher zu äußern, müßte ich sie noch einmal lesen.

Niemand wird mich dazu zwingen. Wozu sollte ich das eigentlich tun? Nur um die Frage des Lesers aus München zu beantworten, eines gebildeten Mannes, von dem gerade ein interessantes Buch über die Kultur nach 1945 veröffentlicht wurde? Wir leben doch in einem freien Land. Aber die „Gruppe 47“ ist ein hochbeachtliches Werk, das in allen vernünftigen Geschichten der Literatur nach 1945 gebührend gewürdigt werden sollte.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.05.2006, Nr. 18 / Seite 29
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