27.10.2005 · Dr. Sommer gab es wirklich: Von 1969 bis 1984 beantwortete Dr. Martin Goldstein alias Dr. Sommer unzählige Briefe in der „Bravo“. Ein Gespräch mit dem Mann, der zahllose Jugendliche aufklärte.
Dr. Sommer gab es wirklich: Von 1969 bis 1984 beantwortete Dr. Martin Goldstein alias Dr. Sommer unzählige Briefe in der „Bravo“. Den heute achtundsiebzigjährigen Arzt und Psychotherapeuten haben wir in seiner Wohnung in Kaarst bei Düsseldorf getroffen.
Erklären Sie uns doch bitte die Sache mit den Bienen und Blumen.
Die Bienen sind beweglich und bewegen sich von Blume zu Blume, und das ist anders als bei den Schmetterlingen.
Gibt es dumme Fragen?
Diese hier vielleicht.
Sie haben sogar die Umschläge der „Bravo“-Zuschriften zur Analyse bekommen.
Ja. Man konnte sehen, ob jemand vom Dorf kommt oder in einer großen Stadt wohnt, wo die Disko um die Ecke ist. Einmal bekamen wir eine ernste Sache auf einem Bierdeckel mit Briefmarke zugeschickt. Ein Junge drohte sich umzubringen. Wir haben überlegt, will der uns testen, macht der sich lustig über uns oder ist er ernsthaft in Gefahr. Vor lauter Überlegen haben wir dann übersehen, daß gar kein Absender drauf stand.
Wann ist Sexualität jugendgefährdend?
Überhaupt nie. Gefährdend ist, Jugendliche vor sexuellen Erfahrungen zu warnen und ihnen das Recht abzusprechen, Sexualität zu praktizieren.
Sind Jugendliche heute glücklicher als in der Anfangszeit von „Bravo“?
Den Eindruck habe ich nicht.
Wer stellt die forscheren Fragen? Jungen oder Mädchen?
Es schreiben mehr Mädchen. Ein Mann ist ein Mann, wenn er keine Probleme hat und mit niemandem über so was spricht. Er liest „Bravo“, aber verleugnet es. Mädchen zeigen ihr Interesse unbefangener.
Sex sells. Stimmt das?
Die Gesellschaftsschicht, die das Thema Sexualität eigentlich an die Jugendlichen weitergeben müßte, tut es nicht. Die wirtschaftlich Gesonnenen tun es und stoßen in eine Marktlücke.
Welche Zuschrift ging Ihnen besonders nahe?
Es ging um ein jugendliches Mädchen, das körperbehindert geboren wurde. Die schrieb aus der tiefen Provinz und ist dort aufgewachsen in der Bettritze ihrer Eltern. Die war noch nicht ins Leben eingetreten. Sie wurde gar nicht rausgebracht aus dem Haus. Das Mädchen ist von ihren Eltern beinahe versteckt worden. Das ist uns sehr nahe gegangen.
Worüber müßten die Deutschen heute noch aufgeklärt werden?
Das Wort Aufklärung ist falsch. Das würde bedeuten, daß jemand vorher ahnungslos gehalten wurde. Aber Sexualität wird von Erwachsenen schon verheimlicht und versteckt. Man sollte möglichst viel entdecken und nicht gleich alles können.
Wächst der Druck auf Jugendliche, was sexuelle Erfahrungen betrifft?
Wenn ich höre, welche Diktatur die Jugendlichen unter sich aufbauen, welches Mode-Label man trägt, dann kann ich mir nicht vorstellen, daß sie auf dem Gebiet von Liebe und Sexualität liberal sind. Die abträglichste Vorstellung ist, möglichst cool zu sein. Cool und sexuelles Leben sind die größten Gegensätze die es gibt, daraus kann kein Feuer kommen.
Wer hat Dr. Sommer aufgeklärt?
Er hat sehr viel sich selbst aufgeklärt. Er hat viel gesucht, gesammelt, sortiert und überlegt. Da hatte ich Übung, weil ich behaftet war von einem unglaublichen Wust an Aufklärungsideologie, was mich in meiner Jugend sehr belastet hat. Die Aussagen und meine Bedürfnisse paßten nicht zusammen. Ich dachte, entweder die sind doof oder ich. Dann habe ich zwanzig Jahre damit verbracht, das zu sortieren. Ja, und natürlich Frauen haben mich für mein Leben aufgeklärt. Da gab es Frauen, die Aussagen machten über das, was sie wollen oder nicht und was sie erwarteten. Sie haben mir Richtungen angegeben. Ich hatte etwas getan bei Frauen, wo ich eigentlich in meiner Jugend gelernt habe, daß man das nicht tut. Zum Beispiel ein Ertasten, um den weiblichen Körper zu erleben und kennen zu lernen. Ich wollte gerade aufhören, weil ich mir dachte, das kann ich nicht machen. Dann rief die Frau „Mehr!“ und das war für mich ein Stück Aufklärung. Ich habe 20 Jahre gebraucht, um mich aus der Verklemmung zu lösen. Ich war nicht fixiert auf ausschließlich koitalen Geschlechtsverkehr. Alle Sinne - Augen, Ohren, Nase, Fingerspitzen - habe ich eingesetzt.
Fürchteten Sie um Ihre Reputation in Fachkreisen?
Hätte ich können. Habe ich aber nicht. Für mich war es wichtig, daß ich beraten und informieren konnte und das dann möglichst weit gestreut wurde. Ich habe nie Kritik von Kollegen mitbekommen, das hätte mich aber auch nicht bewegt.
Sie waren die Wunderwaffe gegen sinkende Auflagenzahlen. Wie stark übte der Verlag Druck auf Sie aus?
Überhaupt nicht. Ich konnte alles mit dem Chefredakteur verhandeln.
Welche Frage möchten Sie gern noch beantwortet bekommen?
Eine Frau zu lieben und zu begehren ist leicht. Ich habe mich aber gefragt, wie es ist, eine Frau zu begehren, aber nicht zu lieben. Ich hatte keine Antwort, bis ich es ausprobierte. Es reizte mich aber nicht. Ich habe auch keine Ahnung, welche Vorteile Homosexualität hat und was daran reizvoll ist. Ich habe mich entschlossen, es nicht auszuprobieren. Die Frage ist aber geblieben.