In einem einzigen Laden gibt es hier alles, was der Mensch zum Leben braucht. Guns, Groceries, Gas, Guitars, so steht es draußen auf dem Schild, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Wie der ganze Ort.
Es ist ein schwermütiges Stück Amerika, ein Überbleibsel aus einer bukolisch verklärten Vergangenheit, abgewirtschaftet und nutzlos für die Gegenwart. Ein Kinderspiel also für Steve Butler. Er handelt mit Utopien. Und er ist sich sicher, dass er die Männer in den karierten Flanellhemden und blauen Latzhosen schnell auf seine Seite bringt und sie ihm in ihren zerdellten Pick-ups bald in eine wieder lukrative Zukunft folgen. Butler ist gekommen, um sie von ihrer Ausweglosigkeit zu erlösen und dafür von ihnen eine Unterschrift zu erhalten, mit der sie der Firma Global erlauben, den Boden unter ihren Füßen wegzubohren. Global will das Gas aus dem Schiefergestein tief unter ihren Äckern und Wiesen heraussprengen und herauspressen. Global will fracken.
Leute, macht mal langsam!
Das Kinderspiel des Erwerbs der Bohrungsrechte, für das Butler ein, zwei Tage angesetzt hatte, zieht sich in die Länge. Unruhe ist unter den Flanellhemdenträgern aufgekommen, die ihr Land und ihr Leben auf einmal mit anderen Augen sehen, gegen Kräfte ankämpfen müssen, von denen sie bisher nur vom Hörensagen wussten, und sich zwischen Umweltschützern und einem übermächtigen Energiekonzern zurechtfinden sollen. Am Ende gibt es kein Aufatmen. Die Sache bleibt verfahren, das Problem ungelöst. Global, kein Zweifel, ist eine Firma, die sich nicht scheut, den Weg zur Profitmaximierung mit Leichen zu pflastern. Steve Butler zieht der Geschäftskarriere die Liebe mit der supersympathischen Volksschullehrerin vor.
Aber wie geht es weiter mit dem Fracking? Überraschend wäre es freilich nicht, wenn die Bohrtrupps demnächst über die schmalen Landstraßen rumpelten. Denn mit Global ist nicht zu spaßen. Was die Firma will, setzt sie auch mit unlauteren Mitteln durch. Nur ist das, was sie will, wirklich so schlimm? Ist Fracking der Frevel an der Umwelt, die jüngste Sünde, der die Welt dringend entsagen muss? Es ist kaum zu glauben, dass Hollywood da nicht deutlich Stellung beziehen mag. In dem in Amerika gerade angelaufenen Film „Promised Land“ mischt sich Matt Damon, der nicht nur die Rolle des Steve Butler spielt, sondern gemeinsam mit seinem Schauspielerkumpel John Krasinski auch das Drehbuch geschrieben und die Produktion übernommen hat, in die wissenschaftliche Debatte so gut wie nicht ein. Über die Folgen des Fracking werden keine klaren Aussagen gemacht.
Von der Handlung und dem Gefühl her lautet die Botschaft jedoch: Leute, macht mal langsam mit der Erdgasbohrerei! Schaut euch gründlich um, was ihr damit aufs Spiel setzt, und denkt darüber nach, wie leicht das so verlockende Abenteuer schiefgehen könnte! Obwohl ein Gus Van Sant Regie führte und ein Dave Eggers an der Geschichte mitbastelte, ist „Promised Land“ ein kleiner, lächerliche fünfzehn Millionen Dollar kostender Film, dem nicht zuzutrauen ist, die alles entscheidende Revolution gegen das Fracking auszulösen.
Erdgas als mirakulöses Heilsversprechen
Er bringt auch nicht als erster das Thema auf die Leinwand. „Gasland“, ein Dokumentarfilm von Josh Fox, prangerte vor drei Jahren die Grundwasserverschmutzung an, die nach Bohrungen in den Bundesstaaten Pennsylvania, Wyoming und Colorado aufgetreten war. Die Independent Petroleum Association of America schlug daraufhin zurück mit der Gegendokumentation „Truthland“, und von Exxon Mobil über Chevron bis Conoco Phillips taten sich in den folgenden Jahren die gasgierigen Energiegiganten zusammen, um eine allmählich verunsicherte Öffentlichkeit zu beruhigen und die ökonomischen und ökologischen Segnungen des Fracking in den verführerischsten Farben zu schildern. Über „Promised Land“, einen „einfachen Lehrfilm“, wie Gus Van Sant schlitzohrig verkündete, wird nunmehr per Facebook und Twitter gestritten.
Der Streit übers Fracking weitet sich jedenfalls aus, und zwar rund um die Welt. Dass Frankreich das hydraulische Aufbrechen von Felsschichten zur Gasförderung als erste Nation verboten hat, lässt Amerikaner naturgemäß kalt und könnte sie gar zum Gegenteil inspirieren. Fracking, beruhigt die Industrie, sei ein Energiegewinnungsverfahren, das auf amerikanischem Boden seit Mitte des 19. Jahrhunderts angewandt werde. Damals habe man noch Nitroglyzerin eingesetzt, um Quellen aufzusprengen. Für den gegenwärtigen Boom gibt es allerdings keinen Vergleich. Dank neuer Gewinnungstechniken haben sich ganze Landstriche in Gasförderungsanlagen verwandelt, in Texas nicht anders als in North Dakota, wo Fracking für die niedrigste Arbeitslosenquote in der gesamten Nation gesorgt und den Haushalt des Bundesstaats saniert hat. Welcher Preis dafür zu zahlen ist, deutet sich in einem amtlichen Bericht über die Gasgewinnung in Pennsylvania an, für die mehr als achtzig verschiedene Chemikalien, unter ihnen krebserregende Substanzen wie Formaldehyd und Naphthalin, ins Gestein gepumpt wurden.
Gleichwohl will weder die Bundesregierung noch die Environmental Protection Agency, die oberste Umweltbehörde der Vereinigten Staaten, irgendeine Eile verspüren, die Gefahren des Fracking gegen seinen Nutzen abzuwägen. Nicht vor Ende 2014 sollen die Ergebnisse einer Untersuchung vorliegen, die lediglich die Auswirkungen auf die Wasserversorgung in Betracht zieht. Studien der staatlichen Umweltschützer haben es immer schwerer, sich in einem politischen Geschacher zu behaupten, das Erdgas als geradezu mirakulöses Heilsversprechen entdeckt hat. Widerstand formiert sich eher auf lokaler Ebene und dort meist auch nur an verstreuten Orten. Longmont, nahe Denver gelegen, ist die erste Gemeinde in Colorado, die sich gegen das Fracking ausgesprochen und jetzt mit einer Prozesswelle zu rechnen hat, wie zu erwarten von den Energiekonzernen, aber auch vom Bundesstaat Colorado, der das Entscheidungsrecht für sich allein beansprucht.
„Wir haben es mit einem Aufstand zu tun“
Während Andrew M. Cuomo, der populäre Gouverneur des Staates New York, noch das Für und Wider abwägt, hat seine Gesundheitsbehörde bereits das Fracking als unbedenklich fürs Wohlergehen aller städtischen und ländlichen New Yorker erklärt. Viele Leute im Bezirk Otsego wollen das aber nicht glauben und haben in neun Orten schon ein provisorisches oder permanentes Frackingverbot durchgesetzt. Flyer und Poster, die unter den Umrissen eines toten Vogels die Gleichung „Fracking = Death“ aufstellen, konkurrieren mit Schildern, auf denen gefordert wird: „Drill Here, Drill Now“ und „Let’s Boost Our Local Economy“. In der Southside Mall von Oneonta läuft „Promised Land“, aber der Film hätte hier auch gedreht werden können. Wird Fracking die Gegend verpesten oder Geld für bessere Schulen bringen? Wird es Farmen zerstören oder das Überleben unrentabler, wenn auch bildschöner Farmen finanzieren? Der Ausgang des Dramas ist ungewiss, im Kino wie in Otsego County.
Die Kinobesucher aber bekommen von einem niedergeschlagenen Matt Damon zu hören, dass die Industrie, wie Hollywood sie in der Firma Global zusammengefasst hat, kaum zu stoppen ist. Schwenk ins sozusagen wahre Leben: Auf der inzwischen berüchtigten Tonaufzeichnung einer Konferenz, zu der das Führungspersonal von Energiekonzernen vor einem Jahr ins texanische Houston gekommen war, feuert ein Teilnehmer seine Kollegen an, Bohrungsgegner mit militärischen Taktiken auszuschalten: „Ladet euch das U.S. Army Marine Corps Counterinsurgency Manual runter, denn wir haben es mit einem Aufstand zu tun.“ Matt Pitzarella, Kommunikationschef von Range Resources, brüstete sich auf derselben Veranstaltung damit, dass seine Firma Veteranen der psychologischen Kriegsführung in den Kampf schicke.
Ein Test patriotischer Gesinnung
Der Propagandakrieg setzt sich unter wissenschaftlichen Experten fort, an denen auf beiden Seiten kein Mangel herrscht. Ohio, bisher kein Erdbebengebiet, wurde von zwei Erdstößen heimgesucht, seit im Umkreis von Youngstown gefrackt wird. Zufall? So versichern es uns wenigstens jene Fachleute, die das Bohrverfahren für harmlos halten, ohne jedwede negativen Konsequenzen für Luft, Wasser, Boden, Tiere und sogar Menschen. Erhöhte Werte von Methan? Steigende Radioaktivität? Wasser, das sich als feuergefährlich erweist? Selbst wenn Wissenschaftler einer Meinung wären, hieße das noch lange nicht, Politiker müssten daraus übereinstimmende Schlüsse ziehen. Im heutigen Washington macht die Politik sich, je nach aktuellem Bedarf, die Wissenschaft gefügig. Fracking kann folglich gut und böse, nützlich und schädlich, Segen und Fluch sein. Jetzt aber überstrahlt eine riesengroße Hoffnung alle Erwartungen und Befürchtungen. Fracking soll Amerika von Grund auf sanieren, als Retter in höchster Not.
In „Promised Land“ weiß der schmierige Lokalpolitiker, dass seine Wähler für manches offene Ohren haben, nur für eines nicht, nämlich den Vorschlag, ihren Energiekonsum zu reduzieren. Fracking bannt diesen Albtraum fremdländischer Genügsamkeit. Eine nicht ganz neue Vokabel macht dafür neu die Runde, ein Zauberwort, das Herzen öffnet, den nationalen Pulsschlag beschleunigt und Umweltschutzgesetze seltsam weltfremd aussehen lässt: Energieunabhängigkeit. Womit nicht die Unabhängigkeit von fossilen Quellen gemeint ist, sondern die von Energieimporten. Eine Geschichte, die der Film sich nicht einmal anzutippen traut. Ein Wunschbild, das die Debatte über Fracking zu einem Test patriotischer Gesinnung verzerrt. Amerika, nicht länger angewiesen auf arabisches oder venezolanisches Öl, ach, Sie sind dagegen? Sind Sie auch gegen eine hausgemachte Industrie, die für die kommenden dreißig Jahre Millionen und Abermillionen von Arbeitsplätzen in Aussicht stellt? Und gegen Steuerzuwächse in Billionenhöhe, gegen einen rasanten Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von drei Prozent, gegen den dann unausweichlichen Aufschwung der Stahlindustrie?
„Unsere Gebete wurden erhört“, frohlockt im „Boston Globe“ der Rohstoffhändler Phil Flynn. Die Nation muss nur endlich zugreifen. Windräder und Solarzellen gäbe Flynn gern zur Entsorgung frei. Die nächsten hundert Jahre brauchte über Energie nicht mehr nachgedacht zu werden, sie wäre billig, in Überfülle vorhanden, immerzu bereit, den Motor Amerikas triumphal aufheulen zu lassen, genau wie in der guten alten Ölzeit.
Von unamerikanischen Kräften bedroht
Mit einer frisch florierenden Wirtschaft, so die Erzählung der Fürsprecher des Fracking, und mit dem Vorsprung, den das Land nun bei der Erdgasförderung gegenüber dem Rest der Welt gewinnt, wäre aber auch seine globale Vormachtstellung wieder gesichert. Sein Niedergang, wenn es denn einen gab, wäre nicht bloß aufgehalten, er wäre umgekehrt worden. Ein solches Szenario ist mit Hinweisen auf die noch weithin unerforschten Gefahren für Umwelt und Gesundheit schwer zu entkräften.
„True Capitalism“, die Website, deren Name Programm ist, fährt schließlich das Geschütz auf, mit dem in Amerika alles wegzudonnern ist: „Sollte dem aufgeblähten Staat erlaubt werden, Farmern und Ranchern vorzuschreiben, was sie mit ihrem Eigentum machen und nicht machen dürfen?“ Freedom, die Freiheit, soll abermals von unamerikanischen Kräften bedroht werden. „Fracking = Death“ ist auf den Schildern der Umweltschützer zu lesen. Sie stehen auf verlorenem Posten, sobald „Fracking = Freedom“ sich einzuprägen beginnt.
Zwischen normalem Erdgas und Schiefergas gibt es große Unterschiede. So handelt es sich bei Schiefergas meist um reines Methan, während konventionelles Erdgas auch viele höhere Kohlenwasserstoffe enthalten kann. Methan brennt somit „sauberer“ als Erdgas - es entstehen lediglich Wasser und Kohlendioxid. Der wichtigste Unterschied zwischen den beiden natürlich vorkommenden Gasen ist aber die Art der Lagerstätten. Herkömmliches Erdgas ist meist in porösem Sandstein gespeichert. Von dort kann es nicht entweichen, weil diese Formationen von Schichten aus Ton oder anderem undurchdringlichen Material bedeckt sind. Bohrt man eine solche Lagerstätte an, strömt das Gas meist von selbst zum Bohrloch, von dem man es abpumpt.
Das Schiefergas ist dagegen in dichtem Schiefergestein gebunden. Will man es fördern, genügt es nicht, die gasführende Schicht anzubohren und es vom Ende des Bohrlochs aus abzupumpen. Man muss es aus dem festen Gestein herauslösen. Deshalb geht man unter Tage ziemlich rabiat vor. Zunächst werden an der tiefsten Stelle des Bohrlochs kleine Sprengladungen gezündet. Anschließend pumpt man unter hohem Druck von bis zu 1000 Bar ein Gemisch aus Wasser, Sand und einigen Chemikalien in das Bohrloch hinein. Dort, wo die Explosion den Fels zerrüttet hat, sprengt das Hochdruckwasser das Gestein auf, aus dem das Gas dann strömen kann. Der Sand soll verhindern, dass sich die entstehenden Klüfte wieder schließen. Die Chemikalien helfen, das Gas aus dem Schiefer herauszulösen. Um Umweltschäden zu vermeiden, muss das Bohrloch hermetisch gegenüber dem Gestein abgedichtet sein.
Dieses Fracking ist allerdings nicht unbedenklich. So ist der Wasserverbrauch extrem hoch. Um das Gestein unter Tage zu brechen, sind pro Bohrloch bis zu dreißig Millionen Liter Wasser notwendig. Obwohl die Schiefergaslagerstätten durchweg weit unterhalb des Grundwasserspiegels liegen, können sich die im hineingepressten Wasser enthaltenen Chemikalien mit dem Grundwasser mischen. Eine größere Gefahr geht aber vom Methan selbst aus. Sobald die gashaltige Schicht angebohrt ist, kann ein kleiner Teil entweichen, entlang des Bohrlochs in höhere Gesteinsschichten wandern und schließlich ins Grundwasser gelangen. Es sind Fälle bekannt, bei denen das Methan aus privaten Brunnen zusammen mit Trinkwasser gefördert wurde und sich dann am Wasserhahn im Waschbecken entzündet hat. (mli)
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