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Veröffentlicht: 14.01.2013, 16:40 Uhr

Fracking Amerikas fatale Rettung

Die Vereinigten Staaten erleben einen neuen Goldrausch: Fracking lautet das Zauberwort. Doch die Technik birgt auch gewaltige Risiken. Deswegen formiert sich der Protest.

von , New York
© dpa Fluch oder Verheißung: Fracking könnte die Vereinigten Staaten von Energieimporten unabhängig machen. Doch welche Gefahren birgt dieses Verfahren?

In einem einzigen Laden gibt es hier alles, was der Mensch zum Leben braucht. Guns, Groceries, Gas, Guitars, so steht es draußen auf dem Schild, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Wie der ganze Ort.

Jordan Mejias Folgen:

Es ist ein schwermütiges Stück Amerika, ein Überbleibsel aus einer bukolisch verklärten Vergangenheit, abgewirtschaftet und nutzlos für die Gegenwart. Ein Kinderspiel also für Steve Butler. Er handelt mit Utopien. Und er ist sich sicher, dass er die Männer in den karierten Flanellhemden und blauen Latzhosen schnell auf seine Seite bringt und sie ihm in ihren zerdellten Pick-ups bald in eine wieder lukrative Zukunft folgen. Butler ist gekommen, um sie von ihrer Ausweglosigkeit zu erlösen und dafür von ihnen eine Unterschrift zu erhalten, mit der sie der Firma Global erlauben, den Boden unter ihren Füßen wegzubohren. Global will das Gas aus dem Schiefergestein tief unter ihren Äckern und Wiesen heraussprengen und herauspressen. Global will fracken.

Leute, macht mal langsam!

Das Kinderspiel des Erwerbs der Bohrungsrechte, für das Butler ein, zwei Tage angesetzt hatte, zieht sich in die Länge. Unruhe ist unter den Flanellhemdenträgern aufgekommen, die ihr Land und ihr Leben auf einmal mit anderen Augen sehen, gegen Kräfte ankämpfen müssen, von denen sie bisher nur vom Hörensagen wussten, und sich zwischen Umweltschützern und einem übermächtigen Energiekonzern zurechtfinden sollen. Am Ende gibt es kein Aufatmen. Die Sache bleibt verfahren, das Problem ungelöst. Global, kein Zweifel, ist eine Firma, die sich nicht scheut, den Weg zur Profitmaximierung mit Leichen zu pflastern. Steve Butler zieht der Geschäftskarriere die Liebe mit der supersympathischen Volksschullehrerin vor.

Film Review-Promised Land © dapd Vergrößern Szene aus dem Film „Promised Land“ mit Matt Damon als Steve Butler

Aber wie geht es weiter mit dem Fracking? Überraschend wäre es freilich nicht, wenn die Bohrtrupps demnächst über die schmalen Landstraßen rumpelten. Denn mit Global ist nicht zu spaßen. Was die Firma will, setzt sie auch mit unlauteren Mitteln durch. Nur ist das, was sie will, wirklich so schlimm? Ist Fracking der Frevel an der Umwelt, die jüngste Sünde, der die Welt dringend entsagen muss? Es ist kaum zu glauben, dass Hollywood da nicht deutlich Stellung beziehen mag. In dem in Amerika gerade angelaufenen Film „Promised Land“ mischt sich Matt Damon, der nicht nur die Rolle des Steve Butler spielt, sondern gemeinsam mit seinem Schauspielerkumpel John Krasinski auch das Drehbuch geschrieben und die Produktion übernommen hat, in die wissenschaftliche Debatte so gut wie nicht ein. Über die Folgen des Fracking werden keine klaren Aussagen gemacht.

Von der Handlung und dem Gefühl her lautet die Botschaft jedoch: Leute, macht mal langsam mit der Erdgasbohrerei! Schaut euch gründlich um, was ihr damit aufs Spiel setzt, und denkt darüber nach, wie leicht das so verlockende Abenteuer schiefgehen könnte! Obwohl ein Gus Van Sant Regie führte und ein Dave Eggers an der Geschichte mitbastelte, ist „Promised Land“ ein kleiner, lächerliche fünfzehn Millionen Dollar kostender Film, dem nicht zuzutrauen ist, die alles entscheidende Revolution gegen das Fracking auszulösen.

Erdgas als mirakulöses Heilsversprechen

Er bringt auch nicht als erster das Thema auf die Leinwand. „Gasland“, ein Dokumentarfilm von Josh Fox, prangerte vor drei Jahren die Grundwasserverschmutzung an, die nach Bohrungen in den Bundesstaaten Pennsylvania, Wyoming und Colorado aufgetreten war. Die Independent Petroleum Association of America schlug daraufhin zurück mit der Gegendokumentation „Truthland“, und von Exxon Mobil über Chevron bis Conoco Phillips taten sich in den folgenden Jahren die gasgierigen Energiegiganten zusammen, um eine allmählich verunsicherte Öffentlichkeit zu beruhigen und die ökonomischen und ökologischen Segnungen des Fracking in den verführerischsten Farben zu schildern. Über „Promised Land“, einen „einfachen Lehrfilm“, wie Gus Van Sant schlitzohrig verkündete, wird nunmehr per Facebook und Twitter gestritten.

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