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Foxconn in China : Die Roboter kommen

Foxconn-CEO Terry Gou mit Roboter „Pepper“. Bild: AFP

Das umstrittene Unternehmen Foxconn will in China zehntausend Roboter einsetzen. Das Land steht vor einem Dilemma: Arbeiterstaat oder Wirtschaftsmacht?

          Mit Menschen hat der Foxconn-Konzern, der unsere iPhones zusammensetzt, keine so guten Erfahrungen gemacht. Die 1,2 Millionen Fertigungsarbeiter, die das taiwanische Unternehmen in China beschäftigt, waren ursprünglich zwar kostengünstig und brachten in der Kombination mit dem teuren amerikanischen Design ein lange Zeit profitables Geschäftsmodell zustande. Aber die Leute machten zusehends Probleme: Sie beschwerten sich über niedrige Löhne, über schikanöse Vorarbeiter, über unbegrenzte Überstunden und darüber, dass sie nur ein oder zwei Tage im Monat frei bekamen. Einige brachten sich auch um. Das machte schlechte Stimmung; Auftraggeber wie Apple sahen ihr Image in Gefahr und schickten Kontrolleure.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Im Ergebnis wurden zahlreiche Zusatzinvestitionen notwendig: Auffangnetze (Neuangestellte mussten sich vertraglich verpflichten, dass sie sich nicht umbringen würden), mehr Einstellungen, um die Arbeitslast zu verteilen, einen Lohnanstieg innerhalb von drei Jahren um siebzig Prozent. Kein Wunder, dass Terry Gou, der CEO von Foxconn, beim Besuch eines Zoos den berühmten Ausspruch tat: „Insofern menschliche Wesen auch Tiere sind, macht es mir Kopfschmerzen, eine Million Tiere zu managen.“

          Montagemaschinen für 25.000 Dollar das Stück

          Nun aber gibt es Aussicht auf Besserung. Wie die chinesische Website „IT Home“ meldet, hat Gou auf einer Aktionärsversammlung den Einsatz von zehntausend Robotern (genannt „Foxbots“) bis zum Ende des Jahres angekündigt, unter anderem für die Fertigung des kommenden iPhone 6. Die Montagemaschinen, von denen jede einzelne 25000 Dollar kosten und dreißigtausend Elektrogeräte im Jahr fertigen soll, befänden sich in ihrer letzten Testphase.

          Das ist die bislang konkreteste Aussage, zu der sich das notorisch verschwiegene Unternehmen zum Roboterthema bereitgefunden hat. Vor drei Jahren hatte Gou in vagerer Form noch von ganz anderen Zahlen gesprochen: Bis 2014, sagte er damals, werde Foxconn eine Million Roboter beschäftigen, während die Arbeiter „die Wertschöpfungskette weiter nach oben“ klettern würden. Danach hatte man lange nichts mehr von dem vollmundigen Projekt gehört.

          So lässt sich spekulieren, ob es vor allem technische, finanzielle oder aber politische Probleme waren, die zu der dramatischen Herabstufung der Foxconn-Ambitionen führten, oder ob diese von vornherein nicht so ernst gemeint waren. Die Bestellung von einer Million Roboter hätte alle bisherigen Dimensionen des globalen Robotermarkts um ein Vielfaches übertroffen.

          China ist größter Robotermarkt der Welt

          Doch auch in der jetzigen bescheideneren Version der Pläne würde Foxconn zu einem umfassenderen Umbruch beitragen, zumal auch jetzt schon zehntausend Roboter auf seinen Fertigungsstraßen tätig sind: Mit den 36 560 Industrierobotern, die vergangenes Jahr laut der „International Federation of Robotics“ in China gekauft wurden, hat sich das Land zum größten Robotermarkt der Welt entwickelt. Die Zuwachsraten von durchschnittlich 36 Prozent im Jahr gingen bisher vor allem auf das Konto multinationaler Autofirmen, die auf ihren Fertigungsstraßen schon seit langem Roboter einsetzen. Doch je intelligenter und empfindlicher die Apparate werden, desto mehr eignen sie sich auch für den Einsatz in anderen Industriebereichen.

          So glaubt zum Beispiel der Unternehmensberater Jamie Wang aus Taipeh, dass sich die hochgradig strukturierten 325 Arbeitsschritte bei der Zusammensetzung eines iPad gut für Automatisierung eignen. Ein rund um die Uhr tätiger Roboter könne dabei zwei bis vier Arbeiter ersetzen - allerdings nicht so schnell, da die Umstellung des Fertigungsprozesses einige Zeit benötige. Bislang hat Foxconn nichts darüber gesagt, wie es sich diesen Übergangsprozess vorstellt, ob es künftig mehr in anderen Ländern produzieren wird, inwiefern es Arbeiter umschulen will und wie viele von ihnen entlassen werden.

          Unternehmen werden  menschliche Arbeit durch Roboter ersetzen

          Klar ist nur, dass die Gründe, die das Unternehmen zur Automatisierung führen, mittelfristig die gesamte chinesische Industrie betreffen: Eine alternde Bevölkerung und der damit einhergehende Arbeitskräftemangel lassen die Löhne steigen, wodurch der ursprüngliche Wettbewerbsvorteil Chinas allmählich verschwindet.

          Unternehmen würden menschliche Arbeit durch Roboter ersetzen, wenn die Kosten der Roboter niedriger sind, sagte der Pekinger Ökonom Yang Heqing kürzlich ungerührt. Wie man an vielen Industrieländern im vergangenen Jahrhundert gesehen habe, sei dies gut für Wirtschaftswachstum und Innovation. Ganz so bedenkenlos sehen andere Regierungsberater diesen Trend nicht. Drohende Destabilisierung durch Arbeitslosigkeit ist in der chinesischen Politikplanung ein im Zweifel entscheidendes Argument gegen technische Neuerungen.

          In den Kommentaren im Internet zu der jüngsten Foxconn-Ankündigung spiegeln sich beide Haltungen. Die einen murren: „Vorher hat Foxconn die Arbeiter als Quelle seines Profits ausgenutzt, jetzt sieht es sie auf einmal als Belastung an.“ Und sie fragen sich, ob das Unternehmen, wenn es erst all seine Roboter angeschafft habe, überhaupt noch in China bleiben werde. Die anderen meinen, die Automatisierung sei unvermeidlich, da „das Zeitalter der unerschöpflichen Arbeitskraft in China endet“. Wenn die „Revolution der intelligenten Maschinen“ hin zu geringeren Kosten, höherer Produktivität und einer entwickelten Dienstleistungsökonomie gelinge, meint einer gar, werde China „ein hundertjähriges Blühen begrüßen dürfen“.

          Noch setzt die chinesische Ökonomie freilich, trotz der hohen absoluten Zahl an Roboter-Käufen, vergleichsweise wenig auf Maschinen: Während in Südkorea auf zehntausend Arbeiter 396 Roboter kommen, sind es in China nur 23. Doch der Foxconn-Vorstoß öffnet plötzlich den Blick auf eine nur zu gut mögliche Zukunft, wenn das ehemalige Niedriglohnland sich tatsächlich an die Spitze der Automation stellen und die Weltwirtschaft ein weiteres Mal auf den Kopf stellen würde.

          Quelle: F.A.Z.

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