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Fotografie Am frühen Morgen hell wie am Mittag

 ·  Die Russen nennen St. Petersburg liebevoll „Piter“. Thomas Struth hat die Schönheit der Stadt auf sanften Fotografien eingefangen. Die Bilder sind jetzt in München zu sehen.

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Vielleicht musste es gar nicht erst hell werden, als Thomas Struth in aller Herrgottsfrühe seine Kamera mitten auf die Ulica Truda in St. Petersburg postierte, vielleicht war er zur Zeit der Sommersonnenwende und der weißen Nächte in Russlands schönster Millionenstadt. Dann scheint die Sonne, die nicht untergegangen ist, schon am frühen Morgen hell wie am Mittag, aber es ist noch kein Mensch und nicht ein einziges Auto unterwegs: Perfekte Bedingungen für einen, der Stadtraum fotografieren will und nicht das Gewusel.

Dass die Ulica Truda auf seinem Bild rosig daliegt, als würde die Morgenröte sie streicheln, bewirken die Pastellfarben der Fassadenanstriche; kosmetisch war ja 2005, als Struth in St. Petersburg fotografierte, schon einiges aufgehübscht, tatsächlich aber bestand - wie noch heute - enormer Restaurierungsbedarf an der zu Sowjetzeiten verwahrlosten Bausubstanz.

An der Schönheit von „Piter“, wie die Bewohner ihre Stadt so nett nennen, kommt jedoch keiner vorbei. Zwar stellte Struth die Kamera auch in schäbige Viertel, vor Ecken, wo der Putz plackenweise bröselt oder nur noch von Graffiti zusammengehalten wird. Doch auf der Mehrzahl der Bilder verfolgt Struth schnurgerade Achsen des außergewöhnlich harmonischen Stadtbildes mit seiner gewohnten Objektivität einer Tiefenschärfe, die auf der langen Strecke zwischen Vordergrund und Fluchtpunkt beziehungsweise Blickende jedes Detail gleich aufmerksam behandelt.

Wer schon mal in St.Petersburg war, erkennt die Stadt vor dieser Bildreihe schnell, obwohl Winterpalast und andere berühmte Monumente nicht zu sehen sind: Die perfekten Proportionen und die Geschlossenheit der architektonischen Ensembles von Frühbarock und Klassizismus bringen den Betrachter auf die Spur. Bekanntlich verdankt sich die Einheitlichkeit des Stadtkörpers den exakten Vorgaben der drakonischen, ja brutalen Baupolitik seines Gründers. Mit eiserner Faust ging Zar Peter der Große 1703 seinen Beschluss an, hier an der Newa-Mündung in die Ostsee innerhalb weniger Jahre ein „Fenster zum Westen“ zu öffnen und seine neue Hauptstadt aus dem Sumpf zu stampfen; Tausende zwangsrekrutierte Leibeigene starben während der Bauerei unter extremsten Bedingungen.

Derweil verließ der Adel fluchend Moskau, gezwungen, auf eigene Kosten Häuser nach den Stilvorstellungen des Zaren zu errichten; gerne lebte man dort erst später, als durch Zar Peters Nachfolgerinnen Kunst und Kultur richtig Fuß gefasst hatten. Sie bauten und planten weiter, genauso wie NikolausI. Der bewunderte während eines Besuchs in München König Ludwigs I. Bilderhaus, die Alte Pinakothek, und beauftragte deren Architekt, Leo von Klenze, mit dem Bau der Neuen Eremitage in St. Petersburg.

Dass Thomas Struth sich die Weltpremiere seiner Petersburg-Fotografien im Showroom des Schirmer/Mosel Verlags wünschte, geschah nicht von ungefähr, liegen doch die Galerieräume in den Münchner Hofgartenarkaden, auch sie erbaut von Leo von Klenze in seinem wohlproportionierten Klassizismus.

Die Ausstellung schlägt vorab schon mal ein Kapitel in Struths neuestem Buch auf. Unter dem Titel „Unconscious Places“ wird es seine bereits zu Studienzeiten bei Bernd und Hilla Becher begonnene und seit fast vier Jahrzehnten fortgeführte Werkgruppe der Straßenbilder vereinen. Als Erstes nahm der 1954 geborene Fotokünstler Düsseldorfer Straßen ins Visier, damals in Schwarzweiß, aber bereits nach demselben Prinzip der Objektivität, das sämtliche weiteren, überall auf der Welt entstandenen Serien verfolgen. „Unconscious Places“, also unbewusste Orte, weil Struth nicht nur Prachtstraßen und berühmte Architekturensembles aufnahm, sondern auch Orte und Straßen, die der Passant, vielleicht auch der Bewohner selbst eher unterbewusst wahrnimmt. Ende August, zur Architektur-Biennale in Venedig, an der auch Thomas Struth teilnimmt, erscheint der Band im Verlag Schirmer/Mosel. Sämtliche ausgestellten Bilder wurden in einer Auflage von 10 Exemplaren produziert. Zwei Diasecs kosten 68.000 und 90.000 Euro, die Übrigen sind Pigmentdrucke auf Papier und für je 10.000 Euro zu haben.

Thomas Struth - St. Petersburg. Im Schirmer/Mosel-Showroom in München. Bis zum 5. September. Der Band kostet 58 Euro.

Quelle: F.A.S.
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