19.06.2005 · Während in Brüssel ein Streit über Milchquoten tobte, feierte eine junge Forscherin ihren Abschied aus Berlin. Zwischen beiden Ereignissen scheint ein Zusammenhang zu bestehen. Über Europa, Nanoröhrchen und Genies.
Von Christian SchwägerlDie Krise Europas ist nicht nur in Brüssel zu besichtigen. Zwar war es kein Verzweiflungsgipfel, der im Magnus-Haus direkt gegenüber dem Berliner Pergamon-Museum stattfand, sondern eine hübsche, beschwingte Feierstunde. Es gab Wein und Häppchen, und man plauderte munter. Doch der Lebensweg der Gefeierten, der Nanophysikerin Stephanie Reich, versinnbildlicht, woran Europa krankt.
Die junge Frau ist, zumindest legten das die ehrfürchtigen Lobreden und der Small talk nahe, ein Genie auf ihrem Feld. Von den Kohlenstoff-Nanoröhrchen, die sie erforscht, heißt es, sie seien die Grundbausteine der nächsten industriellen Revolution. Das frühere Wohngebäude des Physikers Gustav Magnus, zugleich das erste physikalische Institut in Deutschland, war deshalb der angemessene Ort, um die Wissenschaftlerin zu feiern. Siemens und Schering haben hier bei Magnus gebüffelt und anschließend die letzte industrielle Revolution entscheidend geprägt.
Wieder ein Genie weniger auf dem alten Kontinent
Über die ein millionstel Millimeter dünnen Nanoröhrchen, mit denen Kleinstkosmen gebaut werden können, hat Reich in ihrer kurzen Karriere sechzig Publikationen veröffentlicht. Gemeinsam mit zwei Kollegen hat sie ein Buch geschrieben, das inzwischen als Standardwerk gilt und von Nachwuchsforschern auch in Asien und Amerika verschlungen wird. Sie hat ihre Laufbahn an der TU Berlin begonnen und im britischen Cambridge fortgeführt. Doch als sie sich bemühte, in Deutschland eine feste Anstellung zu bekommen, erwies sich dies als mühsam bis unmöglich.
Zuwenig Stellen, verknöcherte Strukturen, Angst des akademischen Establishments vor der Exzellenz des Nachwuchses. So stellte sich die Lage dar. Bis nun der Anruf aus Amerika kam, vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). Dort hatte sich Stephanie Reich nie beworben, doch man hatte von ihr gehört und wollte sofort in ihre weitere Entwicklung investieren.
Die MIT-Strategen boten ihr eine Professur an, sie unterschrieb und erhielt binnen Minuten Dutzende Willkommensmails ihrer neuen Kollegen. Wieder ein Genie weniger auf dem alten Kontinent. Und so war die Verleihung des Nachwuchspreises der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin zugleich eine Abschiedsfeier. Zu den Gästen zählte Vater Jens Reich, der Bioinformatiker.
Ein Unsittengemälde der Retrokultur
Bisher hatte es geheißen, die EU wolle der Abwanderung solcher jungen Talente entgegenwirken. Doch just als der Nanoforscherin zum Abschied aus Europa gratuliert wurde, fielen in Brüssel sämtliche Beschwörungsformeln der Verjüngung und der technologischen Erneuerung Interessen zum Opfer, die dem neunzehnten Jahrhundert entstammen. Nicht darum wurde gestritten, wer den größten Batzen an den Forschungsausgaben der EU erhält, sondern darum, wer seine Schafzüchter und Milchbauern am großzügigsten alimentieren kann.
Um das Unsittengemälde dieser Retrokultur zu vervollständigen, fehlten eigentlich nur die historischen Accessoires - Chirac mit der Mistgabel, Schröder mit Holzpantoffeln. So ausgerüstet könnte man sie in das Europa-Disneyland stellen, das die amerikanischen und asiatischen Fern- und Vergangenheitsreisenden in Zukunft aufsuchen dürfen. Soeben hat ein indischer Magnat vier Großraum-Airbusse gekauft. An Publikum wird es also nicht mangeln.
Die Gemeinschaft als Groteske
Europa ist eine große Idee, nicht nur eine Geldverteilungsmaschine. Doch wofür das gemeinschaftliche Geld ausgegeben wird, wirkt zurück auf die Wahrnehmung der EU. Daß Forschung und Technologie, die man getrost unter „Zukunft“ rubrizieren kann, den Regierungschefs der Staaten bisher 4,4 Prozent ihrer Ausgaben wert sind und eine Steigerung auf sechs Prozent nun für unmöglich gehalten wurde, weil Chirac und Schröder das Geld ihren Bauern versprochen haben, erscheint grotesk. Natürlich ist die EU-Krise größer als diese Frage, und natürlich hat das Scheitern in Brüssel zahlreiche Gründe.
Doch eine Gemeinschaft, deren Strategen zwar wie von Naturgesetzen sprechen, wenn sie Indien und China als künftige Weltmächte bezeichnen, die aus diesen Ländern schwärmerisch zurückkommen ob der vielen jungen Hochqualifizierten, denen die Alterungsstatistiken Europas von ihren Stäben stets aktualisiert vorgelegt werden, die dann aber die Wettbewerbsfähigkeit der Milchbauern als Krisengrund akzeptieren, steht als Groteske da. Nichts anderes als eine Umkehr der Verhältnisse, also sechzig Prozent Ausgaben für Forschung, 4,4 Prozent für Agrarisches, würde beweisen, daß die erhöhte Umdrehungsgeschwindigkeit des Planeten und das, was sie für die Jungen in Europa bedeutet, verstanden ist.
Es ist keineswegs sicher, daß eine junge Frau wie Stephanie Reich nicht nach Amerika ginge, wäre das deutsche oder das europäische Forschungsbudget höher. Doch daß die Interessen der jungen Generation, von Forscherinnen wie Reich, so gar keine Rolle spielen, wenn die älteren Herren sich zur Krise treffen, daß die „Lissabon-Strategie“ und wie all die Innovationspläne heißen, schlicht vergessen wurden, dürfte ankommen. Wer so behandelt wird, mag sich ideell von Europa abwenden - oder nach Cambridge/Massachusetts ziehen.