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Veröffentlicht: 06.01.2014, 20:18 Uhr

Zur Linguistik des Genitiv-Apostrophs Kalb’s Leber ist eben frühneuhochdeutsch

Wenn Zettel’s Traum in Cindy’s Grill geträumt wird: Über nichts wird mehr sprachkritischer Hohn ausgeschüttet als über den Genitiv-Apostroph. Zur Linguistik eines gefährlichen Schriftzeichen’s.

von Wolf Peter Klein
© IMAGO Wer will denn hier, in Laichingen, noch humorlos vom Deppen-Apostroph sprechen, anstatt die Unwahrscheinlichkeit sprachlicher Mutationen zu bewundern?

Kein Schriftzeichen ist gefährlicher als der Apostroph. Das beginnt schon bei der Frage nach dem Artikel: Der oder das Apostroph? In der Schule mussten wir das Apostroph sagen. Die Mehrheit neigt heutzutage zum maskulinen Genus. Spezielle Gefahren lauern dann bei der Nutzung des Zeichens. Wird es abweichend von den üblichen Mustern verwendet, droht eine besonders heftige Form der Sprachdenunziation. Ganze Internetseiten widmen sich inzwischen der Verfolgung unüblicher Apostrophe. Sie finden sich in der Apostroph-Gruselgalerie, auf der Apostroph-Hass-Seite oder im Kapostropheum und dokumentieren - Apostrophenalarm! - den Deppen- beziehungsweise Idioten-Apostroph, gerne mit Bildern von den authentischen Schauplätzen der Vergehen, also etwa Ladenschildern, Speisekarten und Websites.

Das analytische Potential dieser Dokumentationen ist normalerweise beschränkt. Die fraglichen Apostrophgebräuche seien falsch, die jeweiligen Schreiber blöd. Die Dokumentare werden mithin zu Rettern in großer Not, oft grimmig und unerbittlich, wie es sich für Heilsbringer in apokalyptischen Szenarien gehört. Ganz anders hat man sich in der Sprachwissenschaft in letzter Zeit mit den beobachtbaren Apostrophschreibungen beschäftigt (Carmen Scherer: „Kalb’s Leber und Dienstag’s Schnitzeltag: Zur funktionalen Ausdifferenzierung des Apostrophs im Deutschen“, in: Zeitschrift für Sprachwissenschaft 32, 1: 2013).

Als Auslassungszeichen

Da ist zunächst die Frage, ob es sich bei der gegenwärtigen Gebrauchsvielfalt um eine sprachhistorische Innovation handelt. Man muss das in den meisten Punkten verneinen. Nachdrücklich wurde der Apostroph im siebzehnten Jahrhundert in die deutsche Rechtschreibung eingeführt. Dichter nutzten ihn, um vom Normalfall abweichende Wortformen zu verschriftlichen: Mein’ Angst statt Meine Angst. Nur so stimmte das Versmaß.

Aus solchen Formen resultierte die Redeweise, dass Apostrophe Auslassungen kennzeichnen, zunächst aber eben nur in Versen. Schon im achtzehnten, verstärkt dann im neunzehnten Jahrhundert, ergaben sich Übertragungen auf andere Fälle. Vor allem bei Eigennamen und Toponymen findet man Genitive (Bismarck’s, Mauern Jerusalem’s). Sie wurden sodann gelegentlich auf normale Appellativa übertragen. Schlegel schrieb einen Brief Anfang Mai’s, Fontane wandte sich an den Redakteur des Kunstblatt’s. Etwas später kamen dann noch zwei weitere wichtige Gebrauchsdomänen hinzu, nämlich Abkürzungen und Fremdwörter (des PKW’s, A’s Buch, auf Trainer’s Geheiß).

Zum Schutz vor Missverständnissen

Auch die Übertragung der Apostrophschreibung auf Pluralformen ist alles andere als eine neue Erscheinung. Fontane schrieb bereits über moderne Sopha’s. Grammatiker des neunzehnten Jahrhunderts notierten bei ihren Zeitgenossen Formen wie Trio’s und Tempo’s. Mit dieser kleinen Typologie liegen nun wesentliche Eckpunkte des Apostrophgebrauchs zutage: Strukturell geht es vor allem um den Apostroph vor s. Andere abgetrennte Einheiten kommen zwar - selten - vor, zum Beispiel Nudel’n, besitzen für die Gegenwartssprache aber kein Entwicklungspotential. Ferner tummeln sich die abweichenden Apostrophe oft bei besonderen nominalen Wortklassen, die keine prototypischen Substantive darstellen und ohnehin über Eigentümlichkeiten verfügen: Eigennamen, Fremdwörter, Abkürzungswörter. Auch die nur vereinzelten abweichenden Apostrophschreibungen in anderen Wortarten passen in dieses Muster.

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