Universitätsprofessor Volker Rieble schreibt, Bezug nehmend auf den Vorschlag von Privatdozent (PD) Stefan Laube, mit der Privatdozentur stets den Anspruch auf eine unbefristete Stelle zu verbinden, zu Recht von einer „nicht mehr zeitgemäßen Versorgungsmentalität“. Rieble selbst aber klammert sich in seiner Argumentation an diese überzogene und realitätsferne Forderung, die zugegebenermaßen aus Privatdozenten-sicht ein reizvoller Gedanke ist.
Mindestens ebenso realitätsfern erscheint allerdings die Verknüpfung von Privatdozentenstatus und besonders ausgeprägter Versorgungsmentalität. Die Versorgungsmentalität, die Rieble ausmacht, kann bei den üblichen wissenschaftlichen Beschäftigungsverhältnissen am allerwenigsten von den PDs ausgelebt beziehungsweise speziell diesen zugeschrieben werden. Viel eher findet sie sich bei denjenigen, die es im Wissenschaftsbetrieb geschafft haben, eine unbefristete, fast unkündbare Stelle besetzen zu dürfen, wie etablierten Universitätsprofessoren oder den zahlenmäßig stark reduzierten akademischen Räten und Oberräten. Diese können sich dann, wenn erst einmal die Arbeitsverträge unterschrieben sind, viel eher zurücklehnen und ihre Versorgungsmentalität gegebenenfalls befriedigen, sofern sie dies denn wollten.
Pauschale Verknüpfungen von Arbeitseinstellung und Personenkreis sind also sicherlich unzutreffend. Es kommt wohl vor allem auf die persönliche Einstellung des einzelnen Wissenschaftlers an, allerdings mit dem Unterschied, dass die PDs im Gegensatz zu Professoren und Räten in der Regel gar keine Gelegenheit bzw. Handhabe haben, eine Versorgungsmentalität zu entwickeln und auszuleben.
Gleichermaßen fragwürdig ist das Auseinanderdividieren von Versorgungsmentalität und innovatorischer Unruhe. Würde nämlich die von Rieble angedeutete Verknüpfung zutreffen, so würden ja gerade diejenigen, die ihre Versorgungsmentalität ausleben dürfen, wie die etablierten Professoren und Räte, nicht mehr zur Innovation in Forschung und Lehre beitragen. Es gibt Beispiele für beides, positive und negative, dass sich Wissenschaftler in abgesicherter Position zurücklehnen, gesetzter werden, Dienst nach Vorschrift machen, auf Kosten der Allgemeinheit und insbesondere der Studierenden und Kollegen. Und es gibt andere, die dann noch eifriger und hingebungsvoller Wissenschaft betreiben und sich bis an ihre Grenzen verausgaben und aufarbeiten.
Überlastung mit Sekundäraufgaben
Auch hier gilt: Es liegt an dem einzelnen Stellenbesetzer und dessen Mentalität, wie er die zu übernehmenden Aufgaben ausfüllt - nur erneut mit dem Unterschied, dass Privatdozenten sich das Nichtwünschenswerte in aller Regel auch nicht leisten können. Darüber hinaus steht außer Frage, dass gerade auch Habilitationen und Privatdozenten zur Innovation in der deutschen Forschungslandschaft beitragen. Höchst fraglich scheint dabei allerdings die These, dass die innovatorische Unruhe, die gerade auch von den PDs ausgeht, primär der Versorgungsunsicherheit zu verdanken ist. Wenn sie von abhängig Beschäftigten aus, die nur unter Anreizen von außen und dem Druck, noch keinen Anspruch auf ein langfristig gesichertes Einkommen erworben zu haben, Höchstleistung erbringen, unter gesicherten Bedingungen dagegen abschlaffen - warum sollte das dann nicht auch für Professoren und akademische Räte gelten?
Die exzellenz-unversitäre Realität betrachtend, erscheint allerdings zurzeit die große Belastung etablierter und insbesondere sich etablierender junger Professoren mit Sekundäraufgaben problematischer als übermäßig vorhandene Versorgungsmentalität: Immer weiter ausufernde Verwaltungstätigkeit, Umstrukturierung bewährter Studiengänge, aktive und passive Evaluation, Gremien- und Gutachtertätigkeit, Drittmitteleinwerbung, Öffentlichkeitsarbeit, Aufbau und Pflege von persönlichen und digitalen Netzwerken gehen zu Lasten der primären Aufgaben in Forschung und Lehre, vom privaten, familiären Bereich ganz zu schweigen. Verbunden sind diese sekundären Anforderungen mit häufiger Ortsabwesenheit und Klagen über nichtexzellente Lehre.
Delegation der Lasten
Die notwendige Entlastung wäre gut möglich durch den Ausbau qualifizierter Arbeitskapazität in einem dynamischen Mittelbau mit leistungs- und bedarfsorientierten Einstellungen. Sie kann gerade durch jene Nachwuchswissenschaftler erbracht werden, die keine der begrenzt vorhandenen Professuren erwerben konnten. Der Beitrag, den Privatdozenten dazu heute schon liefern, ist durchaus vielerorts willkommen, allerdings nur selten angemessen finanziell wertgeschätzt im Sinne einer leistungsgerechten Entlohnung. Zugleich werden wichtige Aufgaben wissenschaftlichen Hilfskräften übertragen - übrigens zum Teil mit Vergütungen, denen ein Privatdozent nicht unbedingt abgeneigt wäre.
Hohe Kündigungshürden, die insbesondere Universitätsjuristen aufs vorsichtigste handhaben, sind für einen dynamischen Mittelbau kontraproduktiv und abzulehnen. Im Extrem werden sie nämlich zu Anstellungshindernissen, indem zum Beispiel Personalmittel, die für sachlich und zeitlich klar begrenzte Aufgaben zur Verfügung stehen, nicht im Rahmen einer befristeten Anstellung ausgegeben werden können, da eine Einstellung versagt wird.
Es zählt nicht nur die Forschungsleistung
Vor dem Hintergrund, dass bei der Besetzung von Professorenstellen „der Wettbewerb auch nicht immer fair sein und die Bestenauslese gelegentlich anderen Kriterien weichen“ mag, wie Rieble selbst formuliert, ist es darüber hinaus sehr kurzsichtig, die Berufung auf eine Professur als Hauptkriterium für Qualität und Erfolg in der Wissenschaft anzuführen. Zur wissenschaftlichen Fähigkeit in Forschung und Lehre gesellen sich eine ganze Reihe anderer Kriterien, die im Berufungsverfahren entscheidend sein können. Zu nennen sind: Ankündigungs-, Antrags-, Präsentations- und Selbstvermarktungs-Exzellenz, die Fähigkeit zum Akquisiteur, die Publikationsstrategie sowie mehr oder weniger zufällige Übereinstimmungen von Ausschreibungs- und Bewerberprofil, Frauenquote und Netzwerkpassung.
Der Erfolg und die Qualifikation eines Wissenschaftlers bemessen sich bei weitem nicht alleine nach dem Besetzen einer Professorenstelle, der Höhe eingeworbener Drittmittel oder der Anzahl der Publikationen, sondern vor allem auch nach seinem primären wissenschaftlichen Wirken, den Ergebnissen seiner innovatorischen Unruhe, seinem unbeirrten Streben nach Erkenntnis sowie nach seiner wissenschaftlichen Wirkung, auch als Lehrer und Vorbild, in der Vermittlung von Wissen und bei der Prägung des Nachwuchses.
Für eine gerechte Bezahlung des Mittelbaus
Mag Rieble die Leistung der PDs im deutschen Hochschulsystem für entbehrlich halten, so übersieht er bei der Forderung nach deren frühzeitiger Selektion, dass für einen echten Wettbewerb und eine effektive Auslese bei der Besetzung von Professuren ein Überangebot an Habilitierten unentbehrlich ist. Nicht nur vor diesem Hintergrund wäre es wohl kaum als mutig zu bezeichnen, wenn eine Fakultät Habilitationen versagen würde, um damit „das Ende der Karriere zu bedeuten und Forschungsjahre mit einem Federstrich zu entwerten“, wie Rieble es genüsslich formuliert. Abgesehen davon, dass sich jahrelange erfolgreiche Forschungsleistungen auf diese Weise gar nicht entwerten ließen, wofür es auch überhaupt keinen rationalen Grund gibt, wäre dies wohl eher als eine wissenschaftliche wie gesamtgesellschaftliche Dummheit zu bezeichnen. Als Verzicht nämlich auf Leistungen, die die PDs kostenlos oder mit unangemessener Vergütung erbringen, als Verschwendung von wertvollem, sogenanntem „Humankapital“.
Wenn ein qualifizierter, dynamischer Mittelbau wirklich gebraucht wird und durch ihn wertvolle Arbeit geleistet wird, was zweifellos der Fall ist, sollte man ihn auch leistungsgerecht bezahlen, was zweifellos bei vielen PDs nicht der Fall ist. Eine Vergütung von 510 Euro für eine einstündige Lehrveranstaltung, die ein Semester lang wöchentlich durchgeführt wird, also 14 bis 16 Wochen lang, ist davon weit entfernt. Hält man seine Lehrveranstaltungen auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand, so muss man in Bereichen der Biologie mindestens noch einmal dieselbe Zeit zur Vorbereitung veranschlagen, neben weiterem Zeitaufwand für Organisatorisches, für die Kommunikation mit den Studierenden sowie für Prüfungsabnahme et cetera.
Im Übrigen erfolgt eine derartige Vergütung der Lehre in Form eines bezahlten Lehrauftrages für die PDs erst dann, wenn zugleich eine zweistündige Semesterveranstaltung als kostenlose Pflicht-PD-Titelerhaltungslehre abgehalten wird. So wäre es schon ein großer Fortschritt, wenn die PDs angemessen, arbeitsmarktüblich bezahlt würden - wovon so mancher von ihnen dann auch sehr wohl gut leben könnte.
Strukturelle Problematik
Erich Jansen (Nonosus)
- 17.06.2012, 14:00 Uhr
Fragen
Nicole Nesvadba (nicole.nesvadba)
- 17.06.2012, 11:59 Uhr
Geraede wurde wieder
Patrick Grüneberg (orluma)
- 17.06.2012, 07:35 Uhr
Die alte Idee von Universität ist längst tot - entsprechend
hoffnungslos ist die Lage der PDs
Winfried Böhme (WBoehme2)
- 16.06.2012, 23:25 Uhr