10.06.2011 · Die Welt ist im Wandel, nur das Bildungssystem hält nicht Schritt. Unsere Schulen sind der letzte Hort, der sich der digitalen Revolution widersetzt. Hier vergeuden wir das Potential der Jugend.
Von Rupert MurdochWir leben in einer Zeit, da viele der führenden Wirtschaftsnationen nicht so gut dastehen, wie von ihnen zu erwarten wäre. Jeder Unternehmer wird Ihnen sagen, dass unsere Welt in einem rasanten Wandel begriffen ist. Dass der Wettbewerb schärfer geworden ist, Erfolg stärker belohnt und Scheitern unnachsichtiger bestraft wird als je zuvor. Für jedes Unternehmen geht es entscheidend um Humankapital - wie man es findet, entwickelt und pflegt. Wohin wir auch sehen, der technische Fortschritt sorgt für größere Produktivität - es entstehen Arbeitsplätze, die es vor einigen Jahren noch nicht gab und die uns aus den Fesseln von Zeit und Ort befreien. Das gilt für alle Bereiche des Lebens, ausgenommen - die Schulen.
In jedem anderen Lebensbereich würde jemand, der nach fünfzigjährigem Schlaf wieder aufwacht, die Welt um sich herum nicht mehr erkennen. Ärzte, deren Diagnoseinstrumente früher in eine Ledertasche passten, würden erstaunt sehen, dass heute Computertomographen und Magnetresonanztomographen zum Einsatz kommen. Börsenmakler, die früher altmodische Wertpapiere ausgaben, sind durch den Online-Handel verdrängt worden, so dass man weltweit rund um die Uhr Geschäfte tätigen kann. In meiner eigenen Branche: Redakteure, die ihre Zeitung am Vorabend produzieren, haben es inzwischen mit Lesern zu tun, die sich Nachrichten auf ihre Mobilgeräte liefern lassen.
Anders dagegen das Bildungswesen. Unsere Schulen sind der letzte Hort, der sich der digitalen Revolution widersetzt. Für jemanden, der heute nach fünfzigjährigem Schlaf aufwacht, sehen die Klassenzimmer nicht sehr viel anders aus als vor hundert Jahren - der Lehrer oder die Lehrerin steht vor der Klasse, unterrichtet wird mit Lehrbuch, Tafel und Kreide. Dies ist ein unglaublicher Mangel an Phantasie. Mehr noch, es ist ein Pflichtversäumnis gegenüber unseren Kindern und Enkeln - und eine Einschränkung unserer Zukunft.
Kindle und Laptop für jeden
Die alte Antwort - das Problem mit Geld lösen - funktioniert erwiesenermaßen nicht. Wir in Amerika haben die Ausgaben für Grund- und Oberschulen in den letzten drei Jahrzehnten verdoppelt, aber die Ergebnisse sind enttäuschend. Es hat nicht funktioniert, weil das Geld in ein System geflossen ist, das nicht der Bildung dient, sondern eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Lehrer und Verwaltungsleute ist. Und dann fragen wir uns, warum wir Städte wie Detroit haben, wo fast die Hälfte der Bevölkerung nicht lesen kann und die Leute immer weiter abgedrängt werden.
Die Mandarine der Mittelmäßigkeit erklären, dass die Schüler zu arm sind oder aus schwierigen Familien kommen oder Einwanderer sind, die unsere Kultur nicht verstehen. Unsinn. Eine solche Haltung ist arrogant, elitär und vollkommen inakzeptabel. Wenn ich Länder wie China und Indien besuche, stelle ich verblüfft fest, wie viel man dort bei viel geringeren Ressourcen leistet - und wie entschlossen man auf Innovation setzt. Diese Einstellung geht aus internationalen Vergleichen hervor, bei denen die ersten Plätze oft von Asiaten, die mittleren und hinteren Ränge von den westlichen Industrieländern eingenommen werden. Die asiatischen Tiger haben den unfairen Vorteil, dass die Tigermütter in ihren Kindern ein Potential sehen und nicht etwa eine Einschränkung für das eigene Leben.
Natürlich muss man kein Asiat sein, um Erfolg zu haben. In meiner Heimatstadt beeindruckt mich die Harlem Success Academy - eine überwiegend afroamerikanische Schule in einer der ärmsten Gemeinden von Amerika. Das Einzugsgebiet weist all die Probleme auf, mit denen mangelnder Erfolg im allgemeinen entschuldigt wird. Doch diese spezielle Schule stellt hohe Ansprüche. Es gibt Prüfungen. Eltern müssen die Hausaufgaben kontrollieren. Es wird moderne Technik verwendet, jedem Schüler in den höheren Klassen werden ein Kindle und ein Laptop zur Verfügung gestellt.
Und die Ergebnisse bleiben nicht aus: Die Schule braucht den Vergleich mit Schulen für Begabte nicht zu scheuen. So erzielen mehr als neunzig Prozent der Schüler in den naturwissenschaftlichen Fächern die besten Ergebnisse in New York. Das wissen die Eltern - und deswegen gibt es mehr Bewerbungen als freie Plätze. Die Harlem Success Academy beweist, dass Humankapital selbst unter schwierigen Bedingungen gefördert werden kann. Aber seien wir ehrlich - es müsste viel mehr solcher Schulen geben. Dass es sie nicht gibt, bedeutet einen ungeheuren Verlust, der fast nicht aufzuholen ist.
Bernoulli erklärt Roberto Carlos
Zum Glück haben wir die Möglichkeiten, etwas zu ändern. Die Computertechnologie, die jeden Bereich des modernen Lebens verändert hat, kann auch den Bildungsbereich transformieren und auf diese Weise unseren Unternehmen zu den Talenten verhelfen, die sie zu ihrer Entfaltung benötigen, und Millionen von benachteiligten jungen Leuten die Chance geben, sich in der globalisierten Welt zu behaupten und Erfolg zu haben. Ich möchte anhand von drei Beispielen zeigen, wie man mit Hilfe der Informationstechnik die Bildungschancen von Kindern auf der ganzen Welt deutlich verbessern kann - auch solchen, die gern als hoffnungslose Fälle abgeschrieben werden.
Zunächst einmal müssen wir die Phantasie der Schüler anregen. Der Schlüssel ist nicht ein Computer oder irgendein anderes Gerät. Der Schlüssel ist die Software, die Schüler anspricht, ihnen Kenntnisse vermittelt und ihnen eigenständiges Denken beibringt. Jede Studie zeigt: Je interaktiver und individueller der Unterricht, desto besser sind die Schüler. Angenommen, ich möchte einem Zehnjährigen die Bernoullische Gleichung beibringen, den Satz dieses berühmten Mathematikers aus dem 18. Jahrhundert. Die Gleichung besagt, dass mit steigender Geschwindigkeit der Druck sinkt. Klingt ziemlich trocken. Aber was, wenn ich eine Verbindung zu dem Fußballstar Roberto Carlos ziehe - dessen unglaublich angeschnittene Schüsse dieses Prinzip anschaulich vorführen. Und angenommen, ich lasse einen der führenden Flugzeugingenieure erklären, wie dieser Grundsatz in der Fliegerei funktioniert.
Einige zukunftsorientierte Unternehmen vermitteln uns schon, wie das aussehen könnte. In zwei kleinen kalifornischen Schulen hat sich ein traditioneller Schulbuchverlag mit Apple zusammengetan, um eine neue Form des Mathematikunterrichts anzubieten. Die Kinder bekommen kostenlose iPads, es wurde ein App mit Anleitungen, Übungen einschließlich sofortigem Feedback und Zugang zu Hunderten von Videos entwickelt. Wenn die Schüler den Stoff nicht gleich verstehen, können sie die Unterrichtseinheit so lange wiederholen, bis sie es kapiert haben. Kann es irgendjemanden überraschen, dass die Schüler, die das neue Programm benutzen, besser abschneiden als solche, die es nicht tun?
Lernen auf dem iPod
Die Schüler anregen - das bringt mich zu meinem zweiten Punkt, dem personalisierten Lernen. In Medien und Technologie haben wir gelernt, wie man gezielt kleine Gruppen erreicht, wie man die Abrufhäufigkeit von Websites maximieren kann und wie man personalisierte Newsfeeds anbietet. Jetzt müssen wir dieses Wissen auf den Bildungssektor übertragen - wir müssen Mathematik interessant machen, diejenigen Schülerinnen der Mittelstufe ansprechen, die beispielsweise Physik studieren wollen, und für jeden Schüler eine personalisierte Lektüreliste zusammenstellen.
Wenn ein begabtes Kind den Stoff von vier Jahren in zwei Jahren schafft, warum sollten wir es nicht unterstützen? Und wenn ein Kind etwas mehr Zeit braucht, sollten wir ihm auch dabei helfen. Leider wird in allzu vielen Schulen noch immer nach einheitlichen Standards vorgegangen. Fragen Sie die Lehrer, wie das gehen soll. Fragen Sie, wie es ist, mit dreißig Schüler zu tun zu haben, von denen jeder seine individuelle Lerngeschwindigkeit hat und nach einer Methode lernt, die ihm als die beste erscheint. Heute müssen die meisten Schüler den Stoff in einem für alle gültigen Tempo und in einer einzigen Form lernen. Das ist frustrierend für die Fähigeren, die Langsamen fallen zurück.
Nehmen wir das Beispiel Bruchrechnen. Es gibt viele verschiedene Methoden, diese Rechenart zu unterrichten - die bei manchen Kindern funktionieren, bei anderen nicht. Warum sollten wir diese Einschränkung akzeptieren? Warum können wir nicht eine digitale Technologie zur Verfügung stellen, so dass der Lehrer auf die unterschiedlichen Bedürfnisse eingehen kann?
Für manche Kinder wäre die beste Lösung etwa ein Online-Lehrer, der sie Schritt für Schritt begleitet. Bei anderen könnte es ein Cartoon sein, angefertigt von den besten Zeichnern, die das Prinzip des Bruchrechnens deutlich machen. Bei wieder anderen könnte die beste Lösung so aussehen, dass sie dem kompetentesten Mathematiklehrer der Nation zuhören, der Fragen entwickelt, die das Kind, unter Anleitung des Fachlehrers, in seinem eigenen Tempo beantwortet. Wir müssen herausfinden, wie die Schüler am besten lernen und was sie für ihre Entwicklung brauchen.
Wir haben bereits ein derartiges Programm, das auf einen iPod geladen wird. Es wird an einer amerikanischen Schule auf Okinawa angewendet. Mit diesem Programm kann der Lehrer sofort feststellen, wo das jeweilige Kind gerade steht und dann den Stoff für die nächsten zehn Tage maßgeschneidert zusammenstellen. Und die Eltern können jederzeit verfolgen, was ihr Kind gerade lernt.
Kauf dir die Nobelpreisstunde
Das ist erst der Anfang. Im Internetzeitalter müssen Unternehmen dem Kunden die Möglichkeit bieten, Kleidungsstücke, Lebensmittel, Informationen und nahezu alle anderen Produkte, die er haben will, entsprechend individuellen Bedürfnissen zu erwerben. Ich fordere, das Gleiche für die Ausbildung unserer Kinder zu tun. Außerhalb der Schule gibt es das schon. Früher musste man reich sein, um die beste Oper oder Symphonie hören zu können. Heute kann man die besten Aufnahmen seines Lieblingskonzerts von Mozart für rund einen Dollar herunterladen. Und man kann sie beliebig oft spielen. Stellen wir uns etwa einen Lehrer in der Bretagne vor, der den besten Kurs in französischer Geschichte entwickelt hat - es gibt keinen Grund, warum dieses Material nicht sofort für jeden Schüler in Frankreich, oder in Vietnam, zur Verfügung stehen sollte.
Es gibt auch keinen Grund, warum Schüler auf der ganzen Welt nicht Zugang zu dem Physiker Stephen Hawking haben sollten, der ihnen seine Wissenschaft erklärt, zu dem Cellisten Yo-Yo Ma, der über Harmonien spricht, zu dem Historiker Andrew Roberts, der ihnen Churchill vorstellt, zu dem Nobelpreisträger Amartya Sen, der über Wirtschaftswissenschaften spricht, und so weiter. All diese Leute könnten überall auf der Welt in einem Klassenzimmer versammelt werden für den Preis, den wir für den Download eines Songs bezahlen.
Von Kritikern wird eingewendet, dass auf diese Weise der Lehrer nur durch den Computer und die Tafel durch Bildschirme ersetzt werden. Das trifft nicht zu. Die Technik kann keinen Lehrer ersetzen. Wir können ihm aber einiges von seiner öden Routine abnehmen. Und dank besserer Hilfsmittel hat der Lehrer dann mehr Zeit für die wesentlichen Dinge, die uns menschlicher machen und unsere Kreativität verbessern.
Mein Online-Lehrer in Bombay
Wohlgemerkt, ich skizziere hier keine ferne, fiktive Zukunft. Alles, was ich anführe, habe ich gesehen. In Korea habe ich erfahren, wie ein lebhafter Nachhilfemarkt im Wert von dreißig Milliarden Dollar dafür gesorgt hat, dass die fähigsten Lehrer Prominentenstatus genießen und so viel Geld verdienen wie Spitzensportler und Filmstars. In Schweden habe ich eine innovative Schule besucht, die IKEA-Schule. Der Unterricht wird durch ein Wissensportal unterstützt, das den gesamten Lehrplan enthält. In dieser Schule wird nach den individuellen Bedürfnissen des Schülers unterrichtet - und die Lehrer haben viel Zeit für den einzelnen Schüler. Dies ist möglich dank eines Systems, das Eltern die Möglichkeit bietet, diejenige Schule auszuwählen, die ihnen als die beste für ihre Kinder erscheint, ganz gleich, ob eine staatliche oder eine private Schule. In New York habe ich die „School of One“ besucht. Täglich wird dort ausgerechnet, was jeder einzelne Schüler zu lernen hat und wie das am besten geschieht. Ich habe einen Schüler gefragt, wer ihm bei seiner Arbeit hilft, und erfuhr, dass er mit einem Online-Lehrer in Bombay zusammenarbeitet. Ein anderer Schüler war so gut in Rechnen, dass er gegen Jahresmitte in diesem Fach in die nächsthöhere Klasse aufrücken konnte.
All das sind Einzelbeispiele. Wir müssen herausfinden, was am besten funktioniert, und alles zusammentragen. Mein Unternehmen ist fest entschlossen, sich dafür zu engagieren. So werden wir der Wirtschaft all die Talente und Energien zur Verfügung stellen, die sie braucht, um zu florieren. So werden wir dafür sorgen, dass das arme Kind in Manila die gleichen Chancen hat wie ein reiches in Manhattan. So werden wir überall das Ansehen von guten Lehrern steigern, die brachliegende Phantasie der jungen Generation anregen und dafür sorgen, dass kein Kind marginalisiert zurückbleibt.
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.
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