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Zugang zur medizinischen Datenbank : Mehr Lesefreiheit für Oberärzte!

  • -Aktualisiert am

In Deutschland haben Medizinstudenten freien Zugriff auf die wissenschaftliche Datenbanken. Manchen Oberärzten hingegen sind diese versperrt. Bild: Henner Rosenkranz

Wenn der Doktor es genau wissen will: In Norwegen haben Ärzte und Laien jetzt offenen Zugang zu medizinischen Fachzeitschriften. Nun fordern deutsche Ärzte dieselben Rechte.

          Es ist ein klassischer Bettelbrief - das Schreiben, das Bildungsministerin Johanna Wanka und Gesundheitsminister Daniel Bahr unlängst vom Netzwerk für evidenzbasierte Medizin e.V. erhalten haben. Darin setzen sich die rund achthundertfünfzig Mitglieder des Netzwerkes, Wissenschaftler, Ärzte und Vertreter aus Gesundheitsberufen, dafür ein, dass es in Deutschland einen kostenlosen Zugang zu den Veröffentlichungen der Cochrane Collaboration geben soll. Das Netzwerk, das sich für eine „wissensbasierte, transparente und Patienten-orientierte Gesundheitsversorgung“ starkmacht, kann den Zugang zum vollständigen Wortlaut der Cochrane-Studien nämlich in Zukunft nicht mehr bezahlen. Diese Studien enthalten fortlaufend aktualisierte Berichte, die medizinische Therapien bewerten.

          Während man in der Berliner Geschäftsstelle noch auf eine Antwort aus den Ministerien wartet, meldet derweil der „New Indian Express“ als Schlagzeile, dass Indien sich genau dies für die nächsten drei Jahre geleistet hat: einen landesweiten Zugang zu den systematischen Cochrane-Arbeiten. Die Hälfte der Weltbevölkerung hat ebenfalls einen solchen Zugang.

          Deutsche Ärzte im Wissensniemandsland

          Dass es ihn in Deutschland nicht gibt, ist Symptom einer weit größeren Misere: Mediziner und Vertreter der Gesundheitsberufe kommen nur selten an die vollständigen Texte in medizinischen Fachjournalen heran. „Deutsche Ärzte stehen im Wissensniemandsland“, kommentiert Gerd Antes, Leiter der Cochrane Collaboration Deutschland an der Universität Freiburg, die hiesige Situation. Nicht ohne Neid blicken diejenigen, denen das ein Ärgernis ist, nach Norwegen, dem gelobten Land, in dem medizinische Informationen fließen wie Milch und Honig. „Einige Leute haben sich damals zusammengesetzt“, beschreibt Kjell Tjensvoll bescheiden den unspektakulären Planungsbeginn der „Norwegian Electronic Health Library“ oder NEHL vor knapp einem Jahrzehnt. Es handelt sich um einen öffentlich finanzierten medizinischen Informationsservice von überragender Qualität.

          Tjensvoll arbeitet an der Helsebibloteket in Oslo, wo dieser Service verortet ist, und erläutert, dass man lediglich eine norwegische IP-Adresse benötigt, um sich online von zu Hause aus oder am Arbeitsplatz die besten Quellen für medizinisches Wissen zu erschließen. Dazu zählen die „Big Five“, die führenden Fachzeitschriften der Medizin: „New England Journal of Medicine“, „British Medical Journal“, „Journal of the American Medical Association“, „Lancet“ und „Annals of Internal Medicine“. Das norwegische Portfolio bietet darüber hinaus „up-to-date“ ein gigantisches, quasi ständig aktualisiertes Online-Medizinlehrbuch, zudem Arzneidatenbanken, internationale Leitlinien und neben vielen anderen Quellen nicht zuletzt die besagten Cochrane-Veröffentlichungen.

          Zugang nur für Universitäten

          „Die Nutzung ist seit den Anfängen deutlich angestiegen, vor allem die Top-Journale sind massiv gefragt“, weiß Tjensvoll zu berichten. Allen voran nutzen Ärzte und Vertreter aus Gesundheitsberufen diesen elektronischen Wissensservice: Die letzte Erhebung zeigte, dass fünfunddreißig Prozent der Ärzte, und fast die Hälfte der Hausärzte sich mindestens einmal wöchentlich bei diesem kostenlosen elektronischen Wissensservice schlaumachen. Fast drei Viertel tun dies, um sich bei einer konkreten Frage zur Therapie eines Patienten auf den neuesten Stand zu bringen („Lancet“, Bd. 375). Inzwischen beraten die Norweger andere Länder, beispielsweise Schweden, wo ein ähnliches Projekt geplant ist.

          Hierzulande werden hingegen gestandene Oberärzte schon mal zu Tagedieben oder Bittstellern, wenn sie an den Originaltext einer wichtigen medizinischen Studie herankommen wollen. Sie fragen zum Beispiel einen Studenten, der noch an eine Universitätsbibliothek Anbindung hat, ob er die Studie, die zu seiner Ausbildung hilfreich wäre, herunterladen kann. Denn der Oberarzt kann es oft nicht, ihm sind die digitalen Pforten zur Universitätsbibliothek im Zweifel verschlossen.

          Das hängt nicht zuletzt mit den Bedingungen der Förderer zusammen, wie Sylvia Weber, die Leiterin der Geschäftsstelle des HeBIS-Konsortiums an der Universitätsbibliothek in Frankfurt am Main, erläutert: „Nur diejenigen, die tatsächlich an der Universität lehren oder ihr in irgendeiner anderen Form angehören, sind berechtigt, digital den vollen Zugriff auf die Zeitschrifteninhalte zu nutzen.“ Lizenzen, die etwa die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert, sollen eben nicht dazu dienen, Fachliteratur an peripheren Krankenhäusern zu subventionieren.

          Mitunter finden Ärzte sich nach dem Wechsel an ein Krankenhaus plötzlich von allen Quellen abgeschnitten. Wenn etwa ein Onkologe vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg andernorts eine Stelle antritt, ist die DKFZ-Bibliothek digital für ihn tabu.

          Not macht erfinderisch. So bitten Ärzte auch hie und da Medizinjournalisten um Hilfe bei der Beschaffung, weil diese nicht selten über Sonderkonditionen, sprich Passwörter von Verlagen, verfügen, denn die Fachjournalisten zitieren die Zeitschriften und sorgen so für Bekanntheit.

          Karsta Sauder, die Leiterin der Geschäftsstelle des EBM-Netzwerkes, weiß zu berichten, dass auch große Institutionen, zum Beispiel das Bundesinstitut für Risikobewertung, schon um Cochrane-Arbeiten gebeten hatten, als diese über das Netzwerk noch zu haben waren. Manche Einrichtung kam die Mitgliedschaft schließlich billiger als ein Abonnement. Wer in der Nähe einer medizinischen Universitätsbibliothek wohnt, kann sich als Arzt immerhin einen Ausweis besorgen, sich an die Öffnungszeiten halten und schließlich den Artikel gedruckt lesen, der schon Wochen, wenn nicht Monate zuvor erschienen ist. Bis sich hier „einige Leute“ zusammensetzen, um konzertiert Zeitschriftenlizenzen einzukaufen, wird sich daran wohl nichts ändern. Am besten, man hat Verwandtschaft in Norwegen.

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