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Veröffentlicht: 22.03.2013, 19:47 Uhr

Wissenschaftsphilosophie Forschung über Wahrheiten

Philosophie der Physik setzt Physik voraus: In Hannover trafen sich die Wissenschaftsphilosophen, um über die Aufgaben und die Leistungsfähigkeit ihrer Disziplin zu diskutieren.

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© Warner Bros. Pictures Kann man sich so die heutigen Wissenschaftsphilosophen vorstellen? Zumindest der Physiker Freeman Dyson sieht in ihnen einen Haufen Zwerge. Im Bild: Szene aus dem Film „The Hobbit“

Als Wissenschaftsphilosoph sollte man ein dickes Fell haben. Von Seiten des Forschungsobjektes ist schließlich oft alles andere als Gegenliebe zu erwarten. „Wissenschaftsphilosophie ist für die Wissenschaftler ähnlich nützlich wie die Ornithologie für die Vögel“, wird der berühmte Physiker Richard Feynman zitiert. Sein Kollege Stephen Weinberg widmete ein ganzes Kapitel seines Buches „Dreams of a Final Theory“ dem Schlachtruf „Against Philosophy“, in dem er feststellt, dass seit dem Zweiten Weltkrieg Fortschritt innerhalb der Physik durch philosophische Ideen nie befeuert und meist gebremst worden ist. Der theoretische Physiker Freeman Dyson schreckt nicht einmal vor persönlicher Beleidigung zurück. Im Vergleich zu den Riesen der Vergangenheit seien die heutigen Philosophen ein jämmerlicher Haufen Zwerge.

Sibylle Anderl Folgen:

Dabei hat die Wissenschaftsphilosophie sich in den vergangenen fünfzig Jahren redlich bemüht, auf die Wissenschaftler zuzugehen. Um 1930 sah die Philosophie ihre Aufgabe noch in einer von den empirischen Wissenschaften unabhängigen, logischen Analyse von Wissenschaftssprachen. Behandelt wurde die Wissenschaft als eine Unternehmung, deren Kriterien und Begriffe allgemein gültig herauszuarbeiten sind. Es wurde weniger gefragt, wie Wissenschaft faktisch funktioniert, sondern vielmehr, wie sie idealerweise funktionieren sollte.

In der Rechterfertigungsfalle

Das dahinter stehende Bild einer überzeitlichen, prinzipiell einheitlichen Wissenschaft, repräsentiert in der Physik als Leitwissenschaft, wurde in den 60er Jahren grundlegend erschüttert. Seit Thomas S. Kuhn den Blick auf die historische Entwicklung von Wissenschaft mit all ihren Brüchen und soziologischen Abhängigkeiten lenkte, hat sich die Wissenschaftsphilosophie sehr viel stärker den faktisch existierenden Wissenschaften zugewendet.

Die Wissenschaftsphilosophie, wie sie heute betrieben wird, setzt sich aus einer Vielzahl weitgehend unabhängiger Teildisziplinen zusammen. Fragen der Metaphysik und allgemeine wissenschaftstheoretische Fragestellungen werden genauso behandelt wie sehr konkrete Probleme der Fachwissenschaften, beispielsweise der Biologie, Chemie oder Physik. Letztere Diskussionen werden dabei mitunter auf einem fachlich so hohen Niveau geführt, dass für Außenstehende die Wissenschaftsphilosophie manchmal kaum noch von fachwissenschaftlicher Reflexion zu unterscheiden ist.

kant © picture-alliance/ dpa Vergrößern Ein Wegbereiter der Wissenschaftsphilosophie? Immanuel Kant

Wenn beispielsweise in der Philosophie der Physik die Details des Higgs-Mechanismus oder der Quantengravitation analysiert werden, demonstriert sie damit zwar eine große Wissenschaftsnähe, gleichzeitig tut sich aber ein neues Rechtfertigungsproblem auf, diesmal in Richtung der traditionellen Philosophie. „Es gibt Traditionalisten in der Philosophie, die dieses Wissenschaftsnahe der Wissenschaftsphilosophie als etwas Philosophie-Fremdes empfinden“, beschreibt Holger Lyre von der Universität Magdeburg, „gleichzeitig wird aber beispielsweise ein Physiker, egal, wie technisch eine wissenschaftstheoretische Arbeit ist, sehen, dass es auch nicht Physik ist. Also sitzt man buchstäblich zwischen den Stühlen.“

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