http://www.faz.net/-gqz-77rrx

Wissenschaftsphilosophie : Forschung über Wahrheiten

Kann man sich so die heutigen Wissenschaftsphilosophen vorstellen? Zumindest der Physiker Freeman Dyson sieht in ihnen einen Haufen Zwerge. Im Bild: Szene aus dem Film „The Hobbit“ Bild: Warner Bros. Pictures

Philosophie der Physik setzt Physik voraus: In Hannover trafen sich die Wissenschaftsphilosophen, um über die Aufgaben und die Leistungsfähigkeit ihrer Disziplin zu diskutieren.

          Als Wissenschaftsphilosoph sollte man ein dickes Fell haben. Von Seiten des Forschungsobjektes ist schließlich oft alles andere als Gegenliebe zu erwarten. „Wissenschaftsphilosophie ist für die Wissenschaftler ähnlich nützlich wie die Ornithologie für die Vögel“, wird der berühmte Physiker Richard Feynman zitiert. Sein Kollege Stephen Weinberg widmete ein ganzes Kapitel seines Buches „Dreams of a Final Theory“ dem Schlachtruf „Against Philosophy“, in dem er feststellt, dass seit dem Zweiten Weltkrieg Fortschritt innerhalb der Physik durch philosophische Ideen nie befeuert und meist gebremst worden ist. Der theoretische Physiker Freeman Dyson schreckt nicht einmal vor persönlicher Beleidigung zurück. Im Vergleich zu den Riesen der Vergangenheit seien die heutigen Philosophen ein jämmerlicher Haufen Zwerge.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dabei hat die Wissenschaftsphilosophie sich in den vergangenen fünfzig Jahren redlich bemüht, auf die Wissenschaftler zuzugehen. Um 1930 sah die Philosophie ihre Aufgabe noch in einer von den empirischen Wissenschaften unabhängigen, logischen Analyse von Wissenschaftssprachen. Behandelt wurde die Wissenschaft als eine Unternehmung, deren Kriterien und Begriffe allgemein gültig herauszuarbeiten sind. Es wurde weniger gefragt, wie Wissenschaft faktisch funktioniert, sondern vielmehr, wie sie idealerweise funktionieren sollte.

          In der Rechterfertigungsfalle

          Das dahinter stehende Bild einer überzeitlichen, prinzipiell einheitlichen Wissenschaft, repräsentiert in der Physik als Leitwissenschaft, wurde in den 60er Jahren grundlegend erschüttert. Seit Thomas S. Kuhn den Blick auf die historische Entwicklung von Wissenschaft mit all ihren Brüchen und soziologischen Abhängigkeiten lenkte, hat sich die Wissenschaftsphilosophie sehr viel stärker den faktisch existierenden Wissenschaften zugewendet.

          Die Wissenschaftsphilosophie, wie sie heute betrieben wird, setzt sich aus einer Vielzahl weitgehend unabhängiger Teildisziplinen zusammen. Fragen der Metaphysik und allgemeine wissenschaftstheoretische Fragestellungen werden genauso behandelt wie sehr konkrete Probleme der Fachwissenschaften, beispielsweise der Biologie, Chemie oder Physik. Letztere Diskussionen werden dabei mitunter auf einem fachlich so hohen Niveau geführt, dass für Außenstehende die Wissenschaftsphilosophie manchmal kaum noch von fachwissenschaftlicher Reflexion zu unterscheiden ist.

          Ein Wegbereiter der Wissenschaftsphilosophie? Immanuel Kant

          Wenn beispielsweise in der Philosophie der Physik die Details des Higgs-Mechanismus oder der Quantengravitation analysiert werden, demonstriert sie damit zwar eine große Wissenschaftsnähe, gleichzeitig tut sich aber ein neues Rechtfertigungsproblem auf, diesmal in Richtung der traditionellen Philosophie. „Es gibt Traditionalisten in der Philosophie, die dieses Wissenschaftsnahe der Wissenschaftsphilosophie als etwas Philosophie-Fremdes empfinden“, beschreibt Holger Lyre von der Universität Magdeburg, „gleichzeitig wird aber beispielsweise ein Physiker, egal, wie technisch eine wissenschaftstheoretische Arbeit ist, sehen, dass es auch nicht Physik ist. Also sitzt man buchstäblich zwischen den Stühlen.“

          Weitere Themen

          Vor ihm die Sintflut

          Geschichtsphilosophie : Vor ihm die Sintflut

          Der Berliner Gelehrte Wilhelm Schmidt-Biggemann hat keine Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie. Sein Lebenswerk ist die Rettung einer Überlieferung, die nicht veraltet sein muss, bloß weil sie uralt ist.

          Schlammlawine rollt durch Bergdorf Video-Seite öffnen

          Handyvideo : Schlammlawine rollt durch Bergdorf

          Im Schweizer Kanton Wallis ist nach heftigen Regenfällen eine Schlammlawine durch die Straßen eines Bergdorfes gerollt. Zuvor hatten Videos schon Schlammfontänen aus dem Dorf gezeigt.

          Topmeldungen

          Laut einer Postbank-Studie mögen viele Deutsche von der alten Währung D-Mark noch nicht ganz ablassen.

          Nach 16 Jahren Euro : Jeder dritte Deutsche rechnet noch in D-Mark um

          Der Mensch ist ein Gewohnheitstier: Fast zwei Jahrzehnte bezahlen wir nun schon in Euro – in die alte Währung umgerechnet wird trotzdem noch. Den Namen „Teuro“ trägt die Gemeinschaftswährung aber zu unrecht.
          Pastor Friedhelm Blüthner schöpft beim Pfingstgottesdienst der Bremischen Evangelischen Kirche einen Krug Wasser aus der Weser. Die Evangelische Kirche verzeichnet längst nicht so viele Taufen wie Todesfälle.

          Mitgliederverluste der Kirchen : Entscheidungschristentum

          Die Kirchen verlieren Mitglieder ohne Ende. In wenigen Jahren droht eine doppelte Zäsur. Aufhalten lässt sich das Ganze nicht – aber die Grundhaltung wird entscheidend sein. Ein Kommentar.

          Zwischenwahlen in Amerika : Demokraten hoffen auf Obama

          Für viele Demokraten ist Trumps Amtsvorgänger nach wie vor ein Star. Sie hoffen, dass Barack Obama in den Wahlkampf eingreifen wird. Noch hält sich Obama zurück – aber er denkt schon an 2020.
          Am 9. Januar 2007 hat Steve Jobs das erste iPhone der Welt vorgestellt.

          Die Billion-Frage : Wirtschaftswunder Apple

          Warum ist eigentlich gerade Apple als erstes privates Unternehmen der Welt mehr als 1 Billion Dollar wert? Wieso nicht Facebook oder Amazon oder Google? Jetzt unseren neuen Podcast hören.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.