Home
http://www.faz.net/-gsn-yj1n
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wissenschaftsförderung Selbstbedienung ist ausgeschlossen

12.01.2010 ·  Wie Forschung in den Geisteswissenschaften am besten zu fördern wäre, ist umstritten. Vor allem der Sinn der sogenannten „Verbundforschung“ wird kontrovers diskutiert: eine Erwiderung auf Kritik aus Sicht der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Von Luise Schorn-Schütte
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Was brauchen die Geisteswissenschaften, um exzellente Forschung zu betreiben? Diese Frage bewegt die Wissenschaftler nicht erst seit dem Bericht, den Caspar Hirschi an dieser Stelle unlängst über ein Symposion zu „Wissenschaftsplanung und Förderpolitik“ im Literaturarchiv Marbach geschrieben hat. Verbundforschung aber kann es wohl kaum sein – so jedenfalls das Fazit des in Cambridge forschenden Schweizer Neuzeithistorikers siehe (Das Kulissenbewusstsein der „Gott und die Welt“-Cluster). Hirschis Begründung: Selbst die Mitverantwortlichen für Exzellenzinitiative und geisteswissenschaftliche Verbundforschung, die als Vertreter etwa von Wissenschaftsrat und VW-Stiftung auf dem Marbacher Abschlusspodium saßen, seien auf Distanz zu ihren Aktivitäten gegangen. Floskeln wie Verbund, Exzellenz, Internationalität und Interdisziplinarität könne niemand mehr hören.

Nun ist es schon müßig, darüber zu streiten, ob die so zu Zeugen der Anklage Genommenen diese Wirkung selbst beabsichtigten; die Reflexion der unterschiedlichen Wahrnehmungen ein und desselben Vorganges ist tägliches Brot der Geisteswissenschaftler. Auch deswegen ist es verwunderlich, dass das Urteil des Historikers Hirschi so apodiktisch daherkommt.

Nachfrage beweist Nachfrage

Noch wichtiger aber ist die Konfrontation von Hirschis Verdikt mit der Realität – und damit seine Widerlegung. Denn geisteswissenschaftliche Forschung findet sehr wohl auch in größeren Verbünden statt, in vielfältiger Form und mit vielfältigem Ertrag. Sonderforschungsbereiche, Internationale und nationale Graduiertenkollegs, Forschergruppen und anderes mehr gibt es seit mehreren Jahren. Ihre Vorzüge und Nachteile sind nicht zuletzt in der seit 2006 tätigen „Förderinitiative Geisteswissenschaften“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bedacht und erörtert worden. Als Ergebnis sind unter anderem in der aktuellen Runde der Exzellenzinitiative einige Instrumente vornehmlich für Geistes- und Sozialwissenschaften in Gestalt von „Kollegforschergruppen“ etabliert worden.

Das Wissen darüber, dass geisteswissenschaftliche Forschung immer wieder auch einmal andere Instrumente braucht als Natur- und Lebenswissenschaften für ihre Arbeiten ist in der DFG ebenso verbreitet wie unter den zahlreichen privaten Stiftungen. Es geht um Zeit für individuelle Forschung, Muße zum ungestörten Schreiben, zum Lesen, zum gelehrten Gespräch. Für all das werden keine Forschungsgroßgeräte benötigt, aber doch auch Gelder für die Kosten der Lehrstuhlvertretung, für Archiv- und Bibliotheksreisen, Nachwuchsförderung und Forschungsliteratur. Wenn diese Förderinstrumente für die Forschung so wenig passend wären, wie dies Caspar Hirschi vermutet, so wäre die Nachfrage zum Beispiel nach den Kollegforschergruppen unverständlich groß. Auch die Bilanz, die die Internationalen und nationalen Graduiertenkollegs aufweisen können, sei es im Urteil der Promovierenden und Postdocs selbst, sei es in der Sichtbarkeit der Forschungsergebnisse, ist beachtlich und widerspricht dem Tenor Hirschis.

Der Faktor Zeit

Fazit all dieser Debatten ist: Die Geisteswissenschaften (und vermutlich nicht nur diese) brauchen Forschungszeit, auch diese aber muss finanziert werden. Die Konsequenzen, die die Wissenschaftsorganisationen für ihre Förderprogramme gezogen haben, sind zu besichtigen. Dabei ist eine Kombinationsvielfalt entstanden, die die Wissenschaftler je nach ihren Bedürfnissen nutzen können. Dass die Universitätsverwaltungen leider viel zu häufig auf die Höhe der Bewilligungssummen schielen, steht auf einem ganz anderen Blatt, es sollte möglich sein, diese beiden Bereiche gerade in der Kritik zu trennen!

Diese Vielfalt wird auch und besonders in der Exzellenzinitiative sichtbar, die Verbundforschung ebenso wie Einzelkooperation ermöglicht und damit zugleich den Blick der Geisteswissenschaften über ihre hin und wieder engen Blickwinkel hinaus erleichtert. Was ist zum Beispiel gegen die Kooperation zwischen Juristen und Historikern oder zwischen Ökonomen und Ethnologen einzuwenden? Dass diese unter zunächst noch wenig präzisen Überschriften begonnen wurde, ist absolut kein Beleg dafür, dass die Zusammenarbeit nicht fruchtbar sein kann oder sein wird. Die unverbindlich erscheinenden Formulierungen sind wohl eher ein Beleg dafür, dass sich die in langen Jahrzehnten etablierten Fachsprachen der verschiedenen Disziplinen erst noch genauer miteinander vertraut machen müssen – das braucht Zeit.

Förderung des nicht Belanglosen

Zu den vielfältigen Förderinstrumenten gehört schließlich auch das, was von Caspar Hirschi als „Risikoforschung“ so überaus negativ konnotiert wird. Die Vermutung , dass es sich bei den vor Jahresfrist erstmals vergebenen Koselleck-Projekten der DFG um eine Floskel für einen neuen Fördertopf handelt, der denjenigen offensteht, die für ihre immer gleiche Forschung lediglich neues Geld brauchen, unterstellt einen „Selbstbedienungsladen DFG“; das muss man nicht kommentieren. Jeder ernsthafte Forscher weiß, dass die Grenze zwischen riskanter und belangloser Forschung durchaus existiert. Es ist zudem allseits bekannt, dass es auch in den Geisteswissenschaften Modeströmungen gibt, die dazu führen, dass Themengebiete, die nicht zu diesen zu passen scheinen, ausgespart bleiben.

Die Benennung der Koselleck-Projekte für im positiven Sinne „risikoreiche“ Forschungen ist deshalb höchst passend, sie ist Programm. Sie sollen erfahrenen Forschern die Unabhängigkeit sichern, die sie brauchen, um eine lange bewegte Forschungsidee zu bearbeiten, die sich durchaus auch den gegenwärtigen Thesen des eigenen Fachgebietes zu widersetzen versucht. Eine Aussage zur Erfolgschance müssen die Gutachter vorlegen; darüber, ob der Erfolg dann in der geplanten Richtung auch eintritt, muss aber nicht schon zu Beginn der Forschung Verbindliches gesagt werden. Gerade in dieser Absicht sind die Koselleck-Projekte ein Instrument, das den Bedürfnissen der Geisteswissenschaften nach Förderung der individuellen Kreativität sehr entgegenkommt. Ebendeshalb ist es sinnvoll, in einem Koselleck-Projekt über die Epochengrenzen der Neueren Geschichte zu arbeiten, diese Abgrenzungen in Frage zu stellen, sie vom dominierenden Modernisierungsdenken zu lösen. Auch so wird Risikoforschung betrieben – auch und gerade ein nicht intendiertes Ergebnis wird die Wissenschaften weiterbringen.

Luise Schorn-Schütte ist Lehrstuhlinhaberin für die Geschichte der Neuzeit an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und derzeit Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 1 3