12.01.2010 · Sie wird zwar nicht evaluiert, aber die Gruppenforschung ist schon spitze. Bloß die Volksfront und Ulrich Herbert sehen das anders: In Marbach wurde über die Förderung geisteswissenschaftlicher Forschung diskutiert. Dabei war sich das Spitzenpersonal darin einig, dass es seine Sprüche von gestern auch nicht mehr hören kann.
Von Caspar HirschiIch kann mit dem Begriff der Exzellenz nichts anfangen“, sagt Peter Strohschneider und beteuert, er rede stattdessen lieber von Qualität. Wenig später verrät Axel Horstmann, beim Studium von Förderanträgen lese er über die drei „I“s - innovativ, international, interdisziplinär - konsequent hinweg, handle es sich doch nur um leere Worthülsen. Und schließlich verkündet Ulrich Herbert, sobald er das Wort „Interdisziplinarität“ höre, packe ihn ein unwiderstehlicher Fluchttrieb.
Die drei Herren machten diese Bekenntnisse vergangene Woche in der Podiumsdiskussion eines Symposiums über „Wissenschaftsplanung und Förderpolitik“, das vom Arbeitskreis „Geschichte der Germanistik“ des Literaturarchivs Marbach veranstaltet wurde. Man hätte das Gesagte gleich als Gemeinplatzsammlung der wissenschaftspolitischen Gegenwartskritik verbucht und vergessen, wären es nicht eben diese drei Herren gewesen.
Herbert ist Direktor der „School of History“ am Freiburg „Institute of Advanced Studies“, das sich die „Erschließung neuer interdisziplinärer Kompetenz- und Forschungsfelder“ auf die Fahne geschrieben hat. Horstmann amtet als Geschäftsführer für Geisteswissenschaften in der Volkswagenstiftung, die ihr Fördergefäß „Pro Geisteswissenschaften“ 2007 in einer „Zeitschrift für Innovation“ lanciert hat, für deren Verfasser drei „I“s eins zuwenig waren: „interkulturell“ hatten dort die Geisteswissenschaften auch zu sein. Und Strohschneider ist Vorsitzender des Wissenschaftsrats, der wie keine andere Institution hinter der Exzellenzinitiative steht und der im November 2008 stolz berichtete: „Die nachhaltige Prägung, die die Exzellenzinitiative in der öffentlichen Wahrnehmung für die gesamte Hochschullandschaft hat, wird häufig mit der markanten Redewendung ,in Zeiten der Exzellenzinitiative' ausgedrückt.“
Das Risiko: Meine Forschung ist anspruchsvoll, aber ungewiss
Wie kann es kommen, dass die Führungskräfte der deutschen Wissenschaftspolitik dem Vokabular ihrer eigenen Institutionen den Krieg erklären? Offenbar ist die Halbwertszeit der förderpolitischen Floskeln noch kürzer als jene der Forschungsergebnisse, die in ihrem Namen erzielt werden. Die jüngste Parole heißt beispielsweise „Risikoforschung“, und ihr jüngster Profiteur ist Rudolf Schlögl, der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eine halbe Million Euro für ein Projekt über die „Vergesellschaftung unter Anwesenden“ in der Frühen Neuzeit erhalten hat - ein Thema, das der Konstanzer Großordinarius unter wechselnden Titeln seit Jahren erfolgreich von einem Fördergefäß ins nächste gießt. „Die Risiken des Projekts“, so erfahren wir, „liegen in seinem konzeptionellen Anspruch, in den ungeklärten theoretischen Fragen, in der Verbindung von Theorieentwicklung und den Unwägbarkeiten der historischen Forschung und in der Herausforderung einer angemessenen Darstellung.“ Es ist beruhigend zu wissen, dass die Förderkriterien mit jedem Schlagwortwechsel präziser werden.
Wer so flink die rhetorischen Register wechselt, schaut ungern auf sein eigenes Tun zurück, und so überraschte es nicht wirklich, dass von den drei Herren auf dem Podium nur der Historiker Herbert ein paar wenige Worte über seine persönliche Rolle in den Universitätsreformen der vergangenen Jahre verlor. Verblüffend an der über zwei Stunden vorgeführten Ausblendungskunst war vielmehr, dass sie den Abschluss eines Symposions bildete, dessen erklärtes Ziel es war, durch eine historisierende Betrachtung der geisteswissenschaftlichen „Großforschung“ neue Bewegung in eine festgefahrene Hochschuldebatte zu bringen.
Wie der Marbacher Germanist Marcel Lepper eingangs erklärte, gehe es nicht darum, die teils berechtigte Kritik an der gegenwärtigen Förderpolitik aufzukochen, sondern die historische Genese der umstrittenen Fördergefäße - Sonderforschungsbereiche, Graduiertenkollegs, Exzellenzcluster - aufzuarbeiten. Dieses Vorhaben wurde auf vielversprechende Art in Angriff genommen, aber natürlich hatten die späteren Podiumsdiskutanten da noch Wichtigeres zu tun, als sich die Forschung zu ihrem Thema anzuhören.
Ursprung der Großforschung
Den interessantesten Beitrag bot der Kieler Germanist und Wissenschaftstheoretiker Carlos Spoerhase. Er zog einen systematischen Vergleich zwischen der geisteswissenschaftlichen Kollektivarbeit und „big science“ - der in der Regel um teure Geräte gruppierten Großforschung in den Naturwissenschaften. Spoerhase ging zuerst der wissenssoziologischen Auseinandersetzung um „big science“ seit den frühen Sechziger Jahren in Nordamerika nach, wobei er hervorhob, dass neben den neuen Arbeitsformen und Abhängigkeiten schon früh die veränderten Werte und Rollenideale der wissenschaftlichen Akteure thematisiert wurden. Für die attraktive Figur des genial-tugendhaften Einzelerfinders à la Darwin und Einstein war Ersatz zu besorgen.
Spoerhase nutzte diese Diskursgeschichte dazu, die jüngst von Stefan Rebenich und Rüdiger vom Bruch erzählte Geschichte vom Ursprung der naturwissenschaftlichen Großforschung in der Geistesgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts in Frage zu stellen. Denn beiden Autoren zufolge begann alles mit den historisch-philologischen Grundlagenwerken, die Theodor Mommsen und andere in der Berliner Akademie der Wissenschaften nach 1858 „generalstabsmäßig“ geplant und geleitet hätten. Spoerhase sah in Mommsens Beschreibung jener Vorhaben durchaus eine großwissenschaftliche Modernisierungsrhetorik am Werk; eine direkte Verbindung zur fast hundert Jahre später einsetzenden Reflexion über die teuren Spielzeuge der Naturwissenschaften vermochte er jedoch ebenso wenig zu erkennen wie zur Beschäftigung mit der geisteswissenschaftlichen Großforschung seit der Einführung der Sonderforschungsbereiche 1968.
Anstieg der Antragsprosa
Anders als im neunzehnten Jahrhundert bezwecke die jüngere geisteswissenschaftliche Großforschung nicht mehr „sammelnde und erschließende“ Aktivitäten wie Editionen und Wörterbücher, sondern „themenorientierte“ Projekte. Zudem habe sich die Wertehierarchie zwischen Individual- und Verbundsforschung verschoben: Hätten Mommsen und Co. die kollektive Knochenarbeit an den Quellen noch als hilfswissenschaftliche Dienstleistung für große Einzelne verstanden, so erfolge die „innerwissenschaftliche Reputationsausschüttung“ heute direkt über die Geldbeschaffung für und die Leitung von Großunternehmen.
Damit verbunden, so Spoerhase weiter, sei eine allgemeine Tendenz zur Produktionssteigerung von „grauer Literatur“ (Anträge, Berichte, Werbebroschüren usw.), zur Umfunktionierung von Nachwuchsforschern in Auftragsarbeiter und zur rituellen Verkündigung wissenschaftlicher „turns“ (semiotic, performative, iconic, topographic etc.), die während der Laufzeit eines Projekts vollzogen würden. Bei aller Demonstration kollektiver Betriebsamkeit bleibe aber im Unterschied zu den Naturwissenschaften noch immer unklar, inwieweit großwissenschaftliche Strukturen den Grad an kooperativer Forschungstätigkeit in den Geisteswissenschaften tatsächlich verändert hätten.
Spoerhase verband diesen Problemaufriss mit der Hypothese, dass „die Drittmittel-Großforschung gerade diejenigen Informations- und Evaluationsprobleme lösen soll, die von der Größe der Geisteswissenschaften insgesamt aufgeworfen werden“. Sonderforschungsbereiche und Exzellenzcluster wirkten demnach als „Aufmerksamkeitsattraktoren“ in Zeiten des gesteigerten information overload: „Ist die Drittmittelforschung angesichts des Problems, die große Menge fremder Forschungsleistungen kompetent zu evaluieren, nicht ein willkommenes neues Evaluationsinstrument, das diese Quantitäts- und Kompetenzprobleme durch eine Verantwortlichkeitsverlagerung auf die forschungsfördernden Institutionen zu lösen verspricht?“ So wie die preußische Forstwissenschaft im achtzehnten Jahrhundert ihren eigenen Wald angepflanzt habe, um die Wirksamkeit ihrer wissenschaftlichen Messmethoden zu demonstrieren, so versuchten die Geisteswissenschaften des 21. Jahrhunderts ihrer epistemischen Probleme über eine strukturelle Umstellung auf naturwissenschaftlich inspirierte Großbetriebsverhältnisse Herr zu werden.
Auswüchse des Quantitativen
Im ersten Korreferat zu diesem bemerkenswerten Vortrag ergänzte der Hamburger Literaturtheoretiker Hans-Harald Müller, das eigentliche Skandalon liege nicht in der Umstellung auf geisteswissenschaftliche Großwissenschaft selbst, sondern im nahezu flächendeckenden Fehlen von wissenssoziologischen Studien zu den Arbeitsformen in Sonderforschungsbereichen und in der Bevorzugung von quantitativen vor qualitativen Kriterien bei ihrer Auswertung. So ließen sich weder über ihre Praxis noch über ihren wissenschaftlichen Ertrag verlässliche Aussagen machen.
Im zweiten Korreferat brachte der Kasseler Sprachwissenschaftler Andreas Gardt das gegenwärtige Dilemma der Geisteswissenschaften mit dem Hinweis auf den Punkt, sie seien in zwei sich gegenseitig hochschraubenden Angstgebilden gefangen: Man fürchte zugleich, die Geisteswissenschaften kämen wegen der Ausrichtung der Fördereinrichtungen auf die Naturwissenschaften zu kurz und verlören wegen ihrer Anpassung an die Naturwissenschaften ihre Eigenheit.
Verbundforschung besteht aus zusammengebundenen Einzeltexten
Mit dem Beginn der Podiumsdiskussion kam dann das Bemühen um Differenzierung zu einem Ende. Horstmann beschrieb die Geisteswissenschaftler als traurige Gesellen, die, vor vollen Forschungstöpfen stehend, über ihr beständiges Zukurzkommen jammerten, und Herbert meinte, man müsste die vergangenen hundert Jahre, würde man die Befindlichkeiten der geisteswissenschaftlichen Professorenschaft zum Maßstab nehmen, als eine einzige Krise beschreiben. Derweil stellte Strohschneider ein „neues Selbstbewusstsein“ in den Geisteswissenschaften fest und nannte als Beispiel das Münsteraner Cluster über „Religion und Politik“, das die Forschung „gravitiert“ habe. Herbert wandte dagegen ein, die wegweisenden Werke der letzten Jahrzehnte seien in Eigenregie geschriebene Qualifikationsarbeiten gewesen, während die Verbundsforschung bald soweit sei, einen „Gott und die Welt-SFB“ oder ein „Ich und Du-Cluster“ ins Leben zu rufen. Es dürfe nicht sein, dass die Individualforschung unter die Räder der Großforschung gerate.
Das konnte Strohschneider so nicht stehen lassen. Die Unterscheidung von Einzel- und Kollegialforschung sei rein ideologisch, das Problem herbeigeredet. Horstmann pflichtete bei und fügte an, auch der Bürokratievorwurf an die Großforschung sei an den Haaren herbeigezogen. Einigkeit herrschte schließlich darüber, dass Exzellenz und Bologna „der Verlotterung der Universität“ Einhalt geboten hätten, was „die Volksfront von Kaube bis Köhler“ (Herbert) einfach nicht einsehen wolle.
Perspektiven für Nachwuchskräfte
Ihren Höhepunkt erreichte die verquere Debatte, als Herbert, der sich vor den anderen darin auszeichnete, die Spieße nicht bloß umzukehren, auf die nicht so komfortable Lage des Mittelbaus aufmerksam machte. Wer nicht tollkühn sei im deutschen Wissenschaftsbetrieb, meinte er, könne vor vierzig nicht heiraten, und die Exzellenzinitiative habe die Schere zwischen Selektivität und Sicherheit noch weiter geöffnet. Als darauf aus dem Publikum die junge Germanistin Sandra Richter, die ein paar Stunden zuvor einen gelungenen Vortrag in kleinerer Runde gehalten hatte, entgegnete, sie könne das Alibi-Gerede über die Verelendung des Mittelbaus nicht mehr hören, unterbrach sie Strohschneider mit der Bemerkung, jetzt, wo sie Professorin sei, kümmere sie sich nicht mehr um ihre alten Leidensgenossen.
Zum Glück gibt es da noch den Wissenschaftsrat, der in seinem Bericht zur Exzellenzinitiative Lehrvertretungen als „neue Karriereoptionen“ für Nachwuchswissenschaftler gepriesen und das Thema Mittelbau dann mit dem Satz ad acta gelegt hat: „Zu bedenken ist auch, welche langfristigen Karriereperspektiven den Nachwuchskräften geboten werden können, die innerhalb kurzer Zeit in großer Zahl befristet eingestellt wurden.“
Das britische Beispiel
Man wäre schlecht beraten, die inkonsistente Argumentation von wissenschaftspolitischer Seite als Ausdruck von Hilflosigkeit abzuhaken. Die Sache hat System. Wie dieses funktioniert, erschließt sich allerdings erst, wenn man die in der deutschen Förderpolitik spielenden Mechanismen tatsächlich einmal mit der staatlichen Wissenschaftsorganisation in jenen Ländern vergleicht, die für Deutschland angeblich eine Vorbildfunktion erfüllen: Großbritannien und die Vereinigten Staaten. Hier lässt sich leicht feststellen, dass sich die deutschen Geisteswissenschaften mit der Exzellenzinitiative von den „humanities“ an angelsächsischen Eliteuniversitäten weiter entfernt haben als je zuvor.
Abgesehen davon, dass in den beiden Cambridge der Weg von Geisteswissenschaftlern zu hoher Reputation über einflussreiche Monographien, nicht über eingeworbene Millionen erfolgt und dass großen Gelehrten nicht ein Heer von Mitarbeitern und eine Sekretärin, sondern bloß viel Forschungszeit zur Verfügung gestellt wird, beruht die Vergabe von Drittmitteln auf ganz anderen Verfahren. In Großbritannien, das mit Deutschland besonders gut vergleichbar ist, erfolgt die wichtigste Drittmittelausschüttung durch die qualitative Evaluation publizierter Forschungsergebnisse, nicht durch die Einschätzung beantragter Forschungsvorhaben. Das ist nicht ohne Risiken für die Geisteswissenschaften, wie die jüngste Neudefinierung der Qualitätskriterien gezeigt, hat, die die Britische Regierung zugunsten der angewandten Wissenschaften vollzogen hat. Es hat allerdings die Vorteile, dass ein Bezug zwischen wissenschaftlicher Leistung und finanzieller Belohnung gewahrt bleibt, dass sich der bürokratische Aufwand in Grenzen hält und der Drang zu publizistischer Betriebsamkeit entfällt. Vor allem aber gibt es keinen Zwang zu thematischer Großforschung, und die Ausbildung personenzentrierter Machtstrukturen ist erschwert.
Ein deutscher Sonderfall
Genau darum aber geht es in Deutschland. Anders als die Exzellenzrhetorik verspricht, sorgt die Exzellenzinitiative weniger für eine „Differenzierung“ zwischen den Universitäten als innerhalb der Universitäten. Es ist wahrscheinlicher, dass in ein paar Jahren an jeder zweiten Universität irgendetwas „exzellent“ ist, als dass sich in Deutschland ein neues Oxbridge herausgeschält hat. Hingegen wird sich die deutsche Universität von einem lockeren Verbund professoraler Duodezfürstentümer in einen zentralistischen Verband aus wenigen Großherzogtümern verwandeln.
Die Exzellenzinitiative bewirkt in erster Linie eine Hierarchiebildung unter Ordinarien und hilft dabei jenen, die schon zuvor Freude und Fähigkeit beim Aufbau persönlicher Herrschaftsgebilde bewiesen haben. Als Kanonfutter bei dieser Ausmarchung steht einmal mehr der Mittelbau bereit, dessen Überproduktion zu professoralen Distinktionszwecken nochmals massiv gesteigert worden ist. Der wissenschaftliche Wettbewerb wird durch die Exzellenzinitiative eher erschwert als erleichtert, denn nun können - wie bereits geschehen - die Vorsteher „exzellenter“ Großbetriebe das neue Machtgefälle dazu nutzen, in Berufungsverfahren per Telefonanruf oder per externer Kommissionsmitgliedschaft landesweit Leute aus ihrem Hofstaat auf den Schild zu heben.
Die Dominanz thematischer Großforschung in den Geisteswissenschaften ist, das ging in Marbach völlig unter, ein deutscher Sonderfall. Entsprechend welkt das Ruhmesblatt der Drittmittelanhäufung trotz aller Beschwörung von Internationalität gleich an der deutschen Grenze. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob Deutschland Vorreiter oder Irrläufer ist. Die Hoffnung sagt letzteres, der Verstand ersteres.