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Veröffentlicht: 10.02.2013, 10:33 Uhr

Wissenschaftliches Publizieren Muss ich das lesen?

Utopien universaler demokratischer Ideenverbreitung gibt es viele. Wie aber funktioniert wissenschaftliches Publizieren in der vernetzten Gesellschaft tatsächlich?

von Valentin Groebner
© AKG Iwan Iwanowitsch Tworoschnikow (1848-1919), „Bauernjunge beim Lesen“

Das Netz ist eine mythische Fabel, die so oft wiederholt worden ist, dass sie ihre eigene Wirklichkeit geschaffen hat. Das ist die Erzählung vom Zusammenbruch aller Grenzen und Hierarchien, vom entfesselten Wildern und Sammeln, von der großen kreativen selbstbefruchtenden Unübersichtlichkeit. Der Radartyp, der selbstgesteuert durch das unüberschaubar gewordene Angebot driftet: „Man erkennt ihn an seinem Lässigkeitskult und an seiner Medienobsession, an rastloser Informationssammlung und an fun-morality.“ Besorgte Beobachter mahnen, dass die Bildung dabei zur „austauschbaren Ware verkommt“, aber andere feiern das endgültige Verschwinden des Autors, der in der „Geburt des Lesers“ wiederauferstehe. Nicht etwas Fertiges abliefern, sondern selbst als Schreibender wahrnehmbar bleiben in einem Prozess ohne vorher ausgemachtem Ziel, in dem der Leser zusammen mit vielen anderen die Texte ständig über- und weiterschreibt.

Hier geht es natürlich ums Bloggen, um Schreiben in den neuen sozialen Netzwerken - oder etwa nicht? Mein erstes Zitat vom rastlosen Informationssammeln und der lässigen Medienobsession stammt aus Helmut Lethens Studie über die späten 1920er Jahre, das zweite aus Hans Magnus Enzensbergers Polemik über Taschenbücher von 1962 und das dritte, vom Ende des Autors, von 1968. Es stammt von einem Professor für Literaturwissenschaft, der mit seinem unverwechselbaren Sound dafür gesorgt hat, dass sein eigener Name sich eben nicht in der von ihm so gelobten vielstimmigen „écriture“ aufgelöst hat: Er hieß Roland Barthes.

Die Erlösung ist nahe

Seither ist dieser wunderbare, vielseitig befähigte, polymorph-kollektive Autor-Leser überall, seit 45 Jahren. Es ist relativ einfach, in den programmatischen Texten zum Internet Konzepte zu finden, die sehr viel älter sind als der Personalcomputer. Sie stammen aus der linken Gegenkultur der sechziger Jahre und sind Weiterentwicklungen noch älterer Motive, die in den romantischen Jugendbewegungen um 1900 formuliert worden sind und bei den Theosophen und Esoterikern der Jahrzehnte nach 1870, inklusive Madame Blavatski und Annie Besant.

Dieser weiche warme Hippie-Kitsch wird in den Netzutopien umso unübersehbarer, je enthusiastischer sie sind. Sie versprechen nichts weniger als Erlösung durch Gemeinschaft qua medialer Vernetzung. Das Ende der Materialität, die Überschreitung aller Grenzen, die digitale Verflüssigung und Beschleunigung von allem, Körper, Zeit und Geld inbegriffen - wenn wir nur kreativ genug sind, aber hochdiszipliniert, und mit den neuen smarten tools vierundzwanzig Stunden am Tag mit allen anderen online. Wir seien, so die Botschaft, gerade nur noch zwei, drei technische Kleinigkeiten davon entfernt und sollen uns ganz offen und locker dafür machen und bereit zu allen Anstrengungen, weil sich die Utopie lohnen wird. Diese Erlösungsprophetie lese ich jetzt, in unterschiedlichen Varianten, seit 1993.

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