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Veröffentlicht: 11.05.2016, 11:04 Uhr

Bürgernahe Wissenschaft Die Freiheit der Forschung

Die Politik will die Wissenschaften stärker auf gesellschaftliche Ziele verpflichten. Wer darunter klare politische Vorgaben versteht, ist blind für den Gang der Erkenntnis.

von Wilfried Hinsch
© (c) The Gallery Collection/Corbi Wissenschaft als Dienst an der Gesellschaft: Joseph Wright of Derbys „The Orrery“ (1763-1765)

Unsere Gesellschaft steht vor großen Herausforderungen: weltweite kriegerische Konflikte, globale Finanzkrisen, Migration, demographischer Wandel, Klimawandel. Probleme, die ohne wissenschaftliche Forschung und Reflexion nicht zu bewältigen sind. Die Größe dieser Herausforderungen lässt Forderungen nach einer Neubestimmung des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik laut werden. Staatlich finanzierte Wissenschaftler sollen ihre Forschung darauf ausrichten, zur Bewältigung der Probleme beizutragen. Nur so könne die Wissenschaft ihrer Verantwortung gerecht werden.

Uwe Schneidewind vom Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie hat sich in diesem Sinne für eine „transformative Wissenschaft“ ausgesprochen. Die weltverändernde Kraft der Wissenschaft ist offensichtlich. Eine wahrhaft transformative Wissenschaft soll nach Schneidewind jedoch nicht lediglich gesellschaftsverändernde Konzepte hervorbringen. Sie soll auch gesellschaftlichen Zielen in ihren Forschungen Rechnung tragen. Eben dazu ist nach Schneidewind das bestehende Wissenschaftssystem ungeeignet. Als von der Gesellschaft losgelöstes Teilsystem sei es durch eine zu enge Forschungsorientierung in seiner „Eigenlogik“ erstarrt und ignoriere die Wirkungen dieser Forschung auf andere Teilsysteme. Schneidewind plädiert für eine „Bürgeruniversität“, die der Politik mehr Möglichkeiten der Steuerung bieten und die Wissenschaft zwingen soll, bei der Festlegung ihrer Gegenstände auf gesellschaftliche Bedürfnisse einzugehen.

Schneidewinds Plädoyer findet in Wissenschaftsministerien aufmerksame Zuhörer. In der Wissenschaft selbst stößt es auf Widerstand. DFG-Präsident Peter Strohschneider setzt Schneidewinds auf die Lösung (vermeintlich) vorgegebener gesellschaftlicher Probleme ausgerichtetem „Solutionismus“ ein reflexives Wissenschaftsverständnis entgegen. Innovative Forschung löse nicht lediglich schon bekannte Probleme, sondern generiere auch neuartige Fragestellungen, deren gesellschaftliche Relevanz nur selten vorab beurteilt werden kann. Wissenschaftlicher Fortschritt dürfe nicht durch vordefinierte Ziele begrenzt werden. Andere geben zu bedenken, dass Durchbrüche gerade eigensinnigen Denkern zu verdanken seien. Und hat die Wissenschaft nicht schon immer transformative Wirkungen entfaltet, nicht nur in den Natur- und Technikwissenschaften, sondern auch in Theologie und Philosophie? Man denke an die Reformation oder die Idee der sozialen Gerechtigkeit.

Legitime gesellschaftliche Erwartungen

Wissenschaftsfreiheit, verstanden als individuelle Freiheit der Forscher, und Hochschulautonomie als institutionelle Voraussetzung dieser Freiheit (Horst Dreier, Würzburg), ist keine bloße Stütze von Elfenbeintürmen, sondern wesentliche Voraussetzung erfolgreicher Wissenschaft. Damit stellt sich die Frage, wie die Instrumentalisierung der Wissenschaft mit der Idee ihrer Freiheit zu vereinbaren ist.

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