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Lage der Politikwissenschaft : Wird die Jugend immer schlimmer?

Geht die Politikwissenschaft auf Distanz zu ihrem Forschungsobjekt? Bild: Barbara Klemm

Frank Decker und Eckhard Jesse halten den jungen Politologen ihre Gedankenblässe vor. Doch es sind die Kriterien der älteren Generation, die sie zur Anpassung zwingen. Eine Replik.

          Ist die deutsche Politikwissenschaft noch zu retten? In ihrem jüngsten Beitrag für diese Zeitung  beklagen die Professoren Frank Decker und Eckhard Jesse die Entwicklung der Disziplin zu einem „Fach ohne Ausstrahlung“, das in der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen werde. War es denn je anders? Immerhin geht es lediglich um die Wissenschaft von der Politik und nicht um Politik selbst. Doch folgt man den Autoren, die sich selbst zur „älteren Generation“ zählen, war früher alles besser: In den guten alten Zeiten gab es noch wahrhaft kluge Politologenköpfe, die etwas zu sagen hatten und das Fach mit „bedeutenden Beiträgen“ bereicherten. Politikwissenschaft wurde noch richtig, nämlich als eine „Königswissenschaft“ verstanden und von so wichtigen Männern wie Theodor Eschenburg vorangetrieben.

          Dass Jesse und Decker sich für ihr eigenes Fachverständnis ausgerechnet auf Eschenburg berufen, um sogleich das Klagelied vom angeblichen Verfallsprozess der politikwissenschaftlichen Gegenwart zu singen, ist bemerkenswert. Sie übergehen damit nicht nur die historischen Erkenntnisse, die über Eschenburgs Verstrickungen im nationalsozialistischen Regime mittlerweile aktenkundig und breit analysiert vorliegen, sondern reiten auch einen toten Gaul. Denn mit dem letzten Kongress der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) im Herbst 2015 hatte die Eschenburg-Debatte bereits ein Ende gefunden.

          Wurde bereits in der letzten Zusammenkunft der Politologen auch jenseits von Eschenburg ein Geltungsproblem der Zunft sichtbar, setzen die Autoren jetzt noch einen drauf: Die „Versozialwissenschaftlichung“ und Amerikanisierung der Politikwissenschaft hat aus ihrer Sicht zu einer Selbstreferentialität geführt, die dem Fach seine inhaltliche Substanz genommen und seiner Außenwirkung massiv geschadet habe. Es würden keine Bücher mehr geschrieben, sondern nur noch hochspezialisierte Aufsätze in hochspezialisierten Fachzeitschriften mit einem sehr überschaubaren Leserkreis. Der Zwang zu Drittmittelanträgen verhindere eigensinnige Ansätze. Anders als Historiker, Soziologen und Juristen meldeten sich Politologen zu zentralen politischen Fragen kaum mehr zu Wort. Und wer ist schuld an alledem? Der akademische Nachwuchs! Denn, so ist von Jesse und Decker zu erfahren: „Die jüngere Generation schweigt.“

          Verlust an Eigensinn?

          Bei aller Plausibilität, mit der Jesse und Decker die, man möchte fast schon sagen, innere Aushöhlung des Fachs angesichts von Rankings, Drittmittelwahn und Bologna beschreiben, werden sie mit ihrem Versuch, eine Frontstellung zwischen Jung und Alt aufzubauen, der Realität nicht gerecht. Wenn die Autoren schon die längst ausgereizte Eschenburg-Debatte bemühen, dann hätten sie auch erwähnen müssen, dass die jüngere Generation in den Auseinandersetzungen über Eschenburg nicht im Traum daran dachte, zu schweigen. Von vielen aus der älteren Generation, darunter auch Jesse und Decker, wurde genau das aber nicht goutiert. Was also meinen die beiden Professoren, wenn sie den Verlust an Eigensinnigkeit beklagen? Es hat sehr den Anschein, dass nicht tatsächliche Eigenwilligkeit gewünscht ist, sondern akademische Schüler, die alles genau so machen und verstehen wie sie.

          Richtig ist die Beobachtung, die man sowohl auf Tagungen als auch in zahlreichen Aufsätzen machen kann, dass der Politikwissenschaft - zumindest in einigen Bereichen - fast jegliche Lebendigkeit und Kreativität abhandengekommen ist; kaum einer eckt noch an, Ideen und Analysen jenseits des politologischen Mainstreams sind eine Seltenheit, das Verständnis von Wissenschaft scheint sich grundlegend in das eines strategisch orientierten Managements verwandelt zu haben.

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