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Veröffentlicht: 16.01.2016, 11:24 Uhr

Kontinentale Philosophie Was ohne Deutung bleibt, ist leer

Kontinentale und analytische Philosophie gelten heute nicht mehr als unvereinbar. Doch das harmonische Bild trügt. Mit ihren Reinheitsdogmen entzieht die Analytik dem Denken das kulturelle Fundament.

von Charles Taylor
© Suhrkamp Wider den Reinheitsglauben: der kanadische Sozialphilosoph Charles Taylor

Die wichtigste Unterscheidung in der modernen Philosophie scheint mir nicht die zwischen „analytischer Philosophie“ und „Kontinentalphilosophie“ zu sein, sondern vielmehr ein Unterschied, der sich aus den verschiedenen Antworten auf die Frage ergibt, ob die Philosophie eine autarke Fachdisziplin ist; ob Philosophen also ihre Fragen ohne Rückgriff auf die Erkenntnisse anderer Fachgebiete beantworten können oder nicht.

Nun ist die Philosophie natürlich ein überaus vielschichtiges Feld, und einige ihrer Fragen lassen sich höchstwahrscheinlich rein immanent bearbeiten: in der Philosophie der Logik beispielsweise. Doch wenn es um Ethik, Geschichtsphilosophie, Religionsphilosophie oder gar um die komplizierten Angelegenheiten der menschlichen Natur - also um philosophische Anthropologie - geht, so erscheint mir das erkennbar unmöglich.

Reale Bedingungen des Denkens

Ethik ist ein gutes Beispiel. Ohne eine gewisse Rückbindung an den Reichtum der ethisch-moralischen Erfahrung, verkürzt man sie schnell auf die Beweisproblematik: Wie lässt sich zeigen, dass Moral bindend ist? Wie kann man schlüssig für eine bestimmte Position argumentieren? Dabei wird der Wettstreit zwischen einer handverlesenen Menge von Kontrahenten ausgetragen, in erster Linie zwischen Spielarten des Utilitarismus und Varianten jener Theorien, die sich von Kants kategorischem Imperativ herleiten.

Oder nehmen wir die politische Philosophie. In der Nachfolge von John Rawls ist eine Richtung der politischen Philosophie entstanden, die Politik grundsätzlich außer Acht lässt. Ihr geht es ausschließlich um das Normative. Wenn ich sage, sie lasse Politik außer Acht, meine ich damit, dass sie niemals bei den Bedingungen ihrer eigenen Verwirklichung ankommt. Für eine Theorie vom Rawls’schen Typ müsste die Verwirklichung in irgendeiner Form von liberaler Demokratie mit starkem konstitutionellen Rechtsschutz bestehen. Doch wie funktionieren diese Politikformen eigentlich? Wie bringen sie ihre Bürger dazu, sie zu bewahren? Welche Art von sozialer Vorstellungswelt setzen sie voraus? Wie sind solche Vorstellungswelten historisch entstanden?

Der Gegensatz zwischen einer derartigen und einer, sagen wir, Toqueville’schen Theorie, die auf ihre Bedingungen reflektiert, ist schlagend. Doch welche Demokratietheoretiker von heute stehen in der Tradition de Tocquevilles? Es sind allesamt Denker, die die Fachgrenzen zwischen Philosophie, Geschichte und Politik überwinden: Pierre Rosanvallon in Frankreich, Michael Sandel in den Vereinigten Staaten und Jürgen Habermas in Deutschland.

Preis des Reinheitsdogmas

Was hat das mit der Kluft zwischen Kontinentalphilosophie und analytischer Philosophie zu tun? Ziemlich viel! Das liegt an der verhängnisvollen Vorliebe vieler analytischer Philosophen für das selbstgenügsame Philosophiemodell. Diese Vorliebe ist nicht unvermeidlich. Viele analytisch geschulte Philosophen versuchen durchaus, sie zu umgehen. Doch vielleicht wird sie von einem kulturellen Selbstverständnis befördert, aus dem die analytische Philosophie einst hervorging: von einem positivistischen Weltbild nämlich, das die Hermeneutik unter Generalverdacht stellt.

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In einem interessanten Beitrag in dieser Zeitung wies Tobias Rosefeldt auf die Gretchenfrage dieses Ansatzes hin. Lässt sich eine Fachwissenschaft konstruieren, fragte Rosefeldt, deren Grundbegriffe „keiner weiteren Interpretation bedürfen“? Keine der Humanwissenschaften, die ich bisher erwähnt habe - Geschichte, Politik, das Inventar ethischer Perspektiven -, kann einen solchen Grad an Reinheit erreichen. Wenn sie es versucht, wird sie steril oder zahlt für ihre Genauigkeit - so wie die Ökonomie - den Preis, nichts mehr zu den wesentlichen Fragen sagen zu können. Will die Philosophie „rein“ sein, muss sie sich von diesen heillos verunreinigten Formen fernhalten. Doch damit ist auch sie zur Sterilität verdammt.

Weil die meisten großen, in der Tradition der Philosophie stehenden Denker die Kluft zwischen Philosophie und Humanwissenschaften überbrücken, hören ihre Werke nicht auf, unser eigenes Denken zu befruchten. Dies gilt in besonderem Maße für die Philosophen des deutschen Idealismus, doch auch für viele andere deutsche Denker der letzten beiden Jahrhunderte. Es wäre ein großer Verlust, wenn sie in Vergessenheit gerieten.

Auszug des Kontinentalen?

Die Debatte über die Verdrängung der kontinentalen Philosophie aus Europa eröffnete Manfred Frank am 30. September in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ihm antworteten Tobias Rosefeldt (14. Oktober) und Rolf-Peter Horstmann (11. November).

Glosse

Alex liest Agatha

Von Andreas Rossmann

Das Aussterben der gemütlichen, kleinen Buchläden geht weiter. Aber manche haben Kunden, die das nicht hinnehmen wollen. Und etwas dagegen tun. Mehr 1 7

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