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Veröffentlicht: 10.05.2015, 23:16 Uhr

Digitale Speicher Wie haltbar ist die Zukunft?

Im Internet, heißt es, wird alles auf ewig Platz finden. Wer heute auf viele Websites klickt, sieht jedoch massenhaft gefrorene Zeitkapseln. Warum das Internet kein Speichermedium ist.

von Valentin Groebner
© dpa Speichert oder verschleiert die digitale Wissenswolke das explodierte Wissen?

Willkommen im alexandrinischen Zeitalter, wie es der Literaturwissenschaftler Nikolaus Wegmann nach der unbewältigbar großen antiken Bibliothek benannt hat: einer Epoche, in der es mehr gelehrtes Wissen gibt, als irgendjemand irgendwann lesend bewältigen kann. Geprägt ist das alexandrinische Zeitalter durch zwei eng miteinander verbundene Empfindungen: Angst vor Informationsverlust und Angst vor Informationsüberschwemmung, overload.

So zeitgenössisch das klingt: die Wissenschaftler arbeiten dort schon seit ziemlich langer Zeit. Die Humanisten des 15. Jahrhunderts hatten Gutenbergs Buchdruck enthusiastisch als die Rettung des Wissens der Antike begrüßt. In vielen Exemplaren verbreitet, so jubelten sie, würde die kostbaren alten Texte nie wieder verlorengehen. Eine Generation später klagte Erasmus von Rotterdam, selbst ein ziemlich produktiver Autor, aber bereits über die „Schwärme neuer Bücher“. Auch wenn einzelne von ihnen Neues enthielten, seien sie doch durch ihre schiere Masse eine Gefahr für die Gelehrsamkeit. (Die Produkte seines eigenen Verlegers wollte er ausdrücklich davon ausgenommen wissen.) Eineinhalb Jahrhunderte später, 1680, wusste es Gottfried Wilhelm Leibniz dann ganz genau: Die schreckliche Masse der neuen Bücher und die ins Unendlich gewachsene Anzahl der Autoren könne nur zu allgemeiner Amnesie führen und zum „Rückfall in die Barbarei“.

Todeszone oder Paradies?

Wieso klingt das im 21. Jahrhundert so eigenartig vertraut? Das digitale Zeitalter ist in vielen Bereichen eine Revolution. Aber nicht dort, wo es um die Beschwörung der Zukunft geht. Da werden alte Motive unverändert weitererzählt. Alles Wissen für alle, Befreiung von der Materialität, Auflösung aller Hierarchien - Zungenreden (alle werden alles verstehen) und Befreiung von allen irdischen Grenzen gibt es als Dreingabe. So enthusiastisch hören sich die Vertreter der Blogosphäre an, wenn sie von der Zukunft der wissenschaftlichen Kommunikation reden. Im neuen Buch von Jeremy Rifkin, 2014 erschienen, besiegt dann auch das selbstorganisierte Wissen im Internet den Kapitalismus, diesmal aber wirklich.

Wer über die Zukunft der Wissensspeicher redet, verwendet dafür Narrative aus der Vergangenheit. Meistens religiöse. Wir Gelehrten sind nun einmal die Nachfolger der Bettelordensprediger und protestantischen Moraltheologen. Daher gibt es die ganze Techno-Eschatologie auch in einer pessimistischen Variante. Die digitalen Kanäle werden dann zur Sintflut, die alle bestehenden Strukturen unterhöhlt, zur Herrschaft von künstlichen Bildern führt und, natürlich, zum Untergang der Bücher als Gefäße schriftlicher Autorität. 1929 klagte der deutsche Verleger Eugen Diederichs bitter über den Untergang der Buchkultur und die zukünftige Herrschaft von Grammophon und Kino. Im Herbst 2014 hat ein renommierter deutscher Bibliothekshistoriker die digitalen Kanäle als „wolkenförmige Nicht-Identität“ und Todeszone für Eigentum, Leiblichkeit und gedruckte Bücher beschrieben. Ein „von Algorithmen gesteuerter insektenhafter Plan- und Überwachungsstaat“ schicke sich an, die Welt zu übernehmen. „Im Namen Gottes“ - so die letzten Worte seines Buchs.

Einmal also die frohe Botschaft vom zukünftigen grenzenlosen, selbstverwalteten digitalen Paradies; auf der anderen Seite düstere Untergangsszenarien. Geht es auch anders?

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