http://www.faz.net/-gqz-82y8w

Digitale Speicher : Wie haltbar ist die Zukunft?

  • -Aktualisiert am

Speichert oder verschleiert die digitale Wissenswolke das explodierte Wissen? Bild: dpa

Im Internet, heißt es, wird alles auf ewig Platz finden. Wer heute auf viele Websites klickt, sieht jedoch massenhaft gefrorene Zeitkapseln. Warum das Internet kein Speichermedium ist.

          Willkommen im alexandrinischen Zeitalter, wie es der Literaturwissenschaftler Nikolaus Wegmann nach der unbewältigbar großen antiken Bibliothek benannt hat: einer Epoche, in der es mehr gelehrtes Wissen gibt, als irgendjemand irgendwann lesend bewältigen kann. Geprägt ist das alexandrinische Zeitalter durch zwei eng miteinander verbundene Empfindungen: Angst vor Informationsverlust und Angst vor Informationsüberschwemmung, overload.

          So zeitgenössisch das klingt: die Wissenschaftler arbeiten dort schon seit ziemlich langer Zeit. Die Humanisten des 15. Jahrhunderts hatten Gutenbergs Buchdruck enthusiastisch als die Rettung des Wissens der Antike begrüßt. In vielen Exemplaren verbreitet, so jubelten sie, würde die kostbaren alten Texte nie wieder verlorengehen. Eine Generation später klagte Erasmus von Rotterdam, selbst ein ziemlich produktiver Autor, aber bereits über die „Schwärme neuer Bücher“. Auch wenn einzelne von ihnen Neues enthielten, seien sie doch durch ihre schiere Masse eine Gefahr für die Gelehrsamkeit. (Die Produkte seines eigenen Verlegers wollte er ausdrücklich davon ausgenommen wissen.) Eineinhalb Jahrhunderte später, 1680, wusste es Gottfried Wilhelm Leibniz dann ganz genau: Die schreckliche Masse der neuen Bücher und die ins Unendlich gewachsene Anzahl der Autoren könne nur zu allgemeiner Amnesie führen und zum „Rückfall in die Barbarei“.

          Todeszone oder Paradies?

          Wieso klingt das im 21. Jahrhundert so eigenartig vertraut? Das digitale Zeitalter ist in vielen Bereichen eine Revolution. Aber nicht dort, wo es um die Beschwörung der Zukunft geht. Da werden alte Motive unverändert weitererzählt. Alles Wissen für alle, Befreiung von der Materialität, Auflösung aller Hierarchien - Zungenreden (alle werden alles verstehen) und Befreiung von allen irdischen Grenzen gibt es als Dreingabe. So enthusiastisch hören sich die Vertreter der Blogosphäre an, wenn sie von der Zukunft der wissenschaftlichen Kommunikation reden. Im neuen Buch von Jeremy Rifkin, 2014 erschienen, besiegt dann auch das selbstorganisierte Wissen im Internet den Kapitalismus, diesmal aber wirklich.

          Wer über die Zukunft der Wissensspeicher redet, verwendet dafür Narrative aus der Vergangenheit. Meistens religiöse. Wir Gelehrten sind nun einmal die Nachfolger der Bettelordensprediger und protestantischen Moraltheologen. Daher gibt es die ganze Techno-Eschatologie auch in einer pessimistischen Variante. Die digitalen Kanäle werden dann zur Sintflut, die alle bestehenden Strukturen unterhöhlt, zur Herrschaft von künstlichen Bildern führt und, natürlich, zum Untergang der Bücher als Gefäße schriftlicher Autorität. 1929 klagte der deutsche Verleger Eugen Diederichs bitter über den Untergang der Buchkultur und die zukünftige Herrschaft von Grammophon und Kino. Im Herbst 2014 hat ein renommierter deutscher Bibliothekshistoriker die digitalen Kanäle als „wolkenförmige Nicht-Identität“ und Todeszone für Eigentum, Leiblichkeit und gedruckte Bücher beschrieben. Ein „von Algorithmen gesteuerter insektenhafter Plan- und Überwachungsstaat“ schicke sich an, die Welt zu übernehmen. „Im Namen Gottes“ - so die letzten Worte seines Buchs.

          Einmal also die frohe Botschaft vom zukünftigen grenzenlosen, selbstverwalteten digitalen Paradies; auf der anderen Seite düstere Untergangsszenarien. Geht es auch anders?

          Weitere Themen

          Vor ihm die Sintflut

          Geschichtsphilosophie : Vor ihm die Sintflut

          Der Berliner Gelehrte Wilhelm Schmidt-Biggemann hat keine Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie. Sein Lebenswerk ist die Rettung einer Überlieferung, die nicht veraltet sein muss, bloß weil sie uralt ist.

          Frisches Blut für die Wisente Video-Seite öffnen

          Population in Russland : Frisches Blut für die Wisente

          Sie sind seit Beginn des 19. Jahrhunderts vom Aussterben bedroht: Die Wisente, auch Europäischer Bison genannt. Der WWF hat ein Projekt gestartet, um die Population zu vermehren – nun soll der Genpool im Nordkaukasus weiter aufgefrischt werden.

          Topmeldungen

          Man kennt ihn noch: Barack Obama, hier bei einer Zeremonie zum Gedenken an Nelson Mandela in Südafrika vergangenen Monat.

          Zwischenwahlen in Amerika : Demokraten hoffen auf Obama

          Für viele Demokraten ist Trumps Amtsvorgänger nach wie vor ein Star. Sie hoffen, dass Barack Obama in den Wahlkampf eingreifen wird. Noch hält sich Obama zurück – aber er denkt schon an 2020.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.