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Arbeitsbedingungen an Unis : Wir flexibilisieren uns zu Tode

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Während die Verwaltung wuchert, müssen sich Nachwuchswissenschaftler auf befristete Verträge und enormen Publikationsdruck einstellen. Bild: dpa

Gegen das wachsende Wissenschaftsprekariat an den Universitäten gibt es ein einfaches Mittel: Verschlankt die Verwaltungen und gebt Wissenschaftlern feste Verträge!

          Kürzlich beschrieb Noam Chomsky die Ursachen für den Niedergang der ökonomisierten amerikanischen Universitäten. Werde eine Universität in ein Unternehmen umfunktioniert, so habe dies regelmäßig mehrere Folgen: Das Prekariat der zeitlich befristeten Universitätsangestellten wächst, die Verwaltung wuchert und die Verschuldung der Studenten steigt. Am Ende steht der Verlust der finanziellen Unabhängigkeit aller Beteiligten und der Abschied vom aufklärerischen Bildungsideal.

          Chomsky erinnerte auch daran, dass eine klassische Strategie der Kostensenkung und Kontrolle die Verunsicherung der Angestellten sei. Er zitierte aus einer Rede von Alan Greenspan vor dem amerikanischen Kongress, in der dieser offen die Unsicherheit des Angestellten als Faktor der Produktivitätssteigerung empfahl. Es ist exakt das Geschäftsmodell, nach dem auch die staatseigene deutsche Universität handelt. Unter dem schönfärberischen Schlagwort Flexibilisierung schafft sie Unsicherheit bei den Wissenschaftlern, und zu deren Kontrolle fördert sie das Wachstum eines unabhängigen Verwaltungsapparats.

          In der deutschen Hochschuldiskussion wird oft scheinheilig über den Atlantik geblickt und wahlweise das amerikanische Ideal hochgehalten oder vor „amerikanischen Verhältnissen“ gewarnt. Was wir brauchen, ist eine an Tatsachen orientierte Politik. Die deutsche Hochschulentwicklung der letzten Jahre schlägt sich in den Zahlen des Statistischen Bundesamtes nieder, besonders in der unterschiedlichen Entwicklung von Wissenschafts- und Verwaltungspersonal.

          Mangel an Kontinuität

          Das löbliche Ziel der Exzellenzinitiative und des Hochschulpaktes war, dass es den Universitäten endlich einmal bessergehen sollte - und nicht von Jahr zu Jahr schlechter wie in der Vergangenheit. Die Politik kündigte zusätzliche Mittel an, zum einen für exzellente Forschung, zum anderen, um dem Anstieg der Studentenzahlen gerecht zu werden. In der Tat stieg die Studentenzahl von 2005 bis 2012 um eine gute halbe Million auf 2,5 Millionen. Die blanken Zahlen des hauptberuflichen Personals in Forschung und Lehre mit Vollzeitbeschäftigung wirken zunächst erfreulich: Ihre Zahl stieg um mehr als 26 000 auf über 142 000. Prozentual sank aber die Zahl der Wissenschaftler pro Student. Ein Wachstum von 18 Prozent steht hier gegen eines von 25 Prozent.

          Besonders brisant werden die Zahlen, wenn man die Mitarbeiter nach Beschäftigungsverhältnis aufschlüsselt und nach der Art ihres Arbeitsvertrags fragt. Hier stieg die Zahl befristeter Verträge von fünfzig Prozent auf fast 58 Prozent. Das wirkt überschaubar, aber der fatale Trend setzt sich beschleunigt fort. Von 2005 bis 2012 wurden durchschnittlich zehn befristete für jede unbefristete wissenschaftliche Stelle geschaffen. Bald sind zwei Drittel aller Vollzeitwissenschaftler an deutschen Universitäten in prekären Anstellungsverhältnissen. Und schließlich alle.

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