http://www.faz.net/-gqz-755rr
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 22.12.2012, 08:31 Uhr

Vegetarier Sensibel, klug - und ausgegrenzt?

Die Zahl der Vegetarier nimmt zu; ihr Lebensstil ist zum Trend avanciert. Doch wie sie sich in psychologischer Hinsicht von anderen unterscheiden, ist noch wenig erforscht.

von
© mauritius images Das perfekte vegetarische Weihnachtsdinner: Pilze und Nüsse im Blätterteigmantel (“Mushroom Wellington“)

Als Matthew Ruby im Jahr 2004 als Austauschstudent aus Kanada an die Universität Tübingen kam und seinen deutschen Kommilitonen erzählte, er sei Vegetarier, hatte er noch mit Missverständnissen zu kämpfen. „Einmal trafen wir uns bei einer Kommilitonin zum Essen, und sie sagte: Schau, Matthew, extra wegen dir habe ich Nudelsalat mit Hühnchen gemacht“, erinnert sich der 29-Jährige, der inzwischen Psychologe ist und in diesem Sommer seine Promotion an der University of British Columbia in Vancouver abgeschlossen hat. Seit Oktober ist Ruby zurück in Deutschland, er ist jetzt Post-Doc in der „Group for Society and Animals Studies“ an der Universität Hamburg. In dem Land, in das er nach acht Jahren zurückgekehrt ist, wird ihm wohl niemand mehr Geflügel als vegetarische Kost anbieten.

Christina Hucklenbroich Folgen:

Vegetarismus ist inzwischen Trend in Deutschland. Im internationalen Vergleich leben hier auffallend viele Vegetarier, neun Prozent der Bevölkerung sind es nach Angaben der Europäischen Vegetarier-Union; in den Vereinigten Staaten und Großbritannien sollen jeweils drei, in Kanada acht, in Irland sechs, in Israel 8,5 Prozent und in Portugal nur 0,3 der Bevölkerung Vegetarier sein. Vor einem Jahr veröffentlichte Forsa eine Umfrage, der zufolge fast zwei Drittel der Frauen und knapp vierzig Prozent der Männer in Deutschland sich schon als „Teilzeitvegetarier“ sehen.

Rar gesäte Forscher

Auch als Wissenschaftler ist Matthew Ruby deshalb richtig in Deutschland. Rubys Forschungsgebiet ist die Motivation von Menschen, auf Fleisch zu verzichten oder andere ethische Maßstäbe an ihre Mahlzeiten anzulegen. „Essen und Kultur“, fasst Ruby seine Forschungsinteressen ganz grob zusammen. Speziell interessiert er sich aber für Vegetarier, deren emotionale Besonderheiten und psychologische Charakteristika und wie Vegetarier vom Rest der Gesellschaft wahrgenommen werden.

Damit ist Ruby einer der rar gesäten Forscher weltweit, die sich mit dem Phänomen Vegetarismus auf Ebene der Psychologie und Psychiatrie auseinandersetzen. Schon während seiner Promotion über Vegetarismus in Vancouver hat er deshalb mehr mediale Aufmerksamkeit erhalten als die meisten Doktoranden: Mehrere seiner in Fachmagazinen publizierten Forschungsergebnisse schafften es in den vergangenen zwei Jahren in die internationalen Medien.

Vegetarismus als soziologisches Phänomen

In der Forschung sei sein Thema trotz des gewaltigen Interesses der Öffentlichkeit noch immer dramatisch unterrepräsentiert, sagt Ruby. „Lange Zeit hat man den Vegetarismus vor allem medizinisch hinterfragt und Studien darüber angefertigt, ob es gesundheitliche Nachteile gibt“, sagt auch Sebastian Zösch, stellvertretender Vorsitzender des Vegetarierbundes Deutschland. Die Frage ist inzwischen geklärt: Vegetarier haben seltener Übergewicht, ein geringeres Diabetes-Risiko und sterben seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen - das war etwa das Fazit eines Ärztekongresses für vegetarische Ernährung in der Gesundheitsversorgung der Charité Hochschulambulanz für Naturheilkunde Anfang Dezember in Berlin. „Erst seitdem man sicher ist, dass vegetarische Ernährung viele Vorteile für die Gesundheit hat, beginnt man langsam, auch die psychologisch-kulturelle Komponente zu betrachten“, sagt Zösch.

Was es bisher an Studien hierzu gibt, liest sich wie ein buntes, unvollständiges Puzzle. An vielen Stellen sind Themen angerissen, aber es ist dann nicht in dieser Richtung weitergeforscht worden. Ruby hat Anfang 2012 im Fachmagazin „Appetite“ eine Übersicht über bisher erschienene Studien zu soziologischen und psychologischen Themen rund um Vegetarier veröffentlicht. Mehrfach zeigten amerikanischen Studien beispielsweise, dass Vegetarismus offenbar mit einer linksliberalen politischen Haltung assoziiert ist. Fleischesser, die sich mit dem Fleischkonsum gern und bewusst identifizieren, bekennen sich hingegen meist zu autoritären und hierarchisch geprägten Gesellschaftsstrukturen. Im Jahr 2007 zeigte eine Studie mit 8000 Probanden im „British Medical Journal“ dass Kinder mit höheren IQ-Werten dreißig Jahre später mit größerer Wahrscheinlichkeit vegetarisch leben.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Genforschung Der Grund des Lebens

1832 formulierte Johann Wolfgang von Goethe in einem Gespräch mit Eckermann: Die Fragen der Wissenschaft sind sehr häufig Fragen der Existenz. Dies gilt im Zeitalter der Zauberscheren und der Genomeditierung ganz besonders. Mehr Von Professor Dr. Jörg Hacker

17.05.2016, 12:08 Uhr | Politik
Veganismus Aus der Nische zum lukrativen Wirtschaftszweig?

Burger ohne Fleisch, eifreie Kuchen und Sojamilch im Kaffee. Nirgendwo in Europa ist tierfreie Ernährung so beliebt und die vegane Szene so lebendig wie in Berlin. Veganismus ist Trend und der einstige Gegenentwurf zum massiven Fleischkonsum hat sich längst zu einem lukrativen Wirtschaftszweig gewandelt. Mehr

04.05.2016, 10:40 Uhr | Wirtschaft
Debatte um Glyphosat Dann steht doch dazu

Die Rückwärtsrolle der Regierung im Glyphosatstreit zeigt einen Richtungsstreit. Es geht um ökologische Moral und die Versprechen auf Nachhaltigkeit. Mehr Von Joachim Müller-Jung

19.05.2016, 11:42 Uhr | Wissen
Leipzig Breakdance mit Prothesen

In Leipzig haben beinamputierte Sportler eine beeindruckende Show abgeliefert. Beide Männer waren an Knochenkrebs erkrankt, wollten sich aber von ihrer Leidenschaft, dem Breakdance nicht abhalten lassen. Mehr

24.05.2016, 19:10 Uhr | Gesellschaft
Diabetes Arznei als Krebsrisiko

Der Verdacht steht seit mehr als zehn Jahren im Raum: Der Kampf gegen Diabetes könnte zu unerwünschten Kollateralschäden geführt haben. Gibt es trotzdem Hoffnung für ein altes Anti-Diabetesmittel? Mehr Von Martina Lenzen-Schulte

14.05.2016, 11:11 Uhr | Wissen
Glosse

Hut ab!

Von Thomas Thiel

Vorsicht Unfallgefahr: In England soll jetzt Schluss sein mit der kollektiven Unsitte, beim Universitätsabschluss Doktorhüte in die Luft zu werfen. Und noch andere Maßnahmen zum Schutze aller tun Not. Mehr 4 15