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Urheberrecht in der Wissenschaft Für Fairness und Ausgewogenheit

 ·  Die Wissenschaft braucht ein anderes Urheberrecht, um Großverlage in die Schranken zu weisen. Die Balance zwischen Urhebern, Rechteverwertern und Nutzern ist gestört.

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© Caro / Baertels Vergrößern Die gegenwärtige Rechtsunsicherheit schadet auch den Universitätsbibliotheken - hier die der Humboldt-Universität in Berlin

Das Urheberrecht und seine Adaption an die digitale Realität wurden lange Zeit nur in Spezialistenzirkeln diskutiert. In den letzten Wochen erscheinen beinahe täglich große Artikel in den überregionalen Zeitungen, die sich aus der einen oder anderen Perspektive damit befassen. Überwiegend melden sich Kunstschaffende und freie Schriftsteller zu Wort, die ein Urheberrechtsgesetz fordern, das ihnen die gewohnte Vermarktung ihrer Produkte auch unter den neuen informationstechnischen Bedingungen ermöglichen soll. Dieser Anspruch ist verständlich und wird von der Wissenschaft nicht angefochten, im Gegenteil. Festzuhalten ist aber, dass Kunst und Wissenschaft zwei unterschiedliche Sektoren sind, die eines jeweils für sie funktionalen Urheberrechts bedürfen.

Auch Wissenschaftler sind kreativ, sie müssen im Regelfall aber nicht vom Verkauf ihrer Produkte leben. Vielmehr stehen sie in Diensten einer öffentlich finanzierten Hochschule, einer außeruniversitären Einrichtung oder der Wirtschaft. Dennoch leben Wissenschaftler von und mit Publikationen. Sie veröffentlichen, um ihre Forschungsergebnisse weltweit zu verbreiten und so am wissenschaftlichen Diskurs teilzunehmen und nicht zuletzt auch, um sich damit einen Ruf in der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu erarbeiten. Auf der anderen Seite sind sie als Nutzer auf den ungehinderten Zugang zu Publikationen weltweit angewiesen, um den Stand der Forschung zu kennen und ihn zur Grundlage der eigenen Arbeit machen zu können.

Unter enormem Publikationsdruck

Für die Wissenschaft ergeben sich vorrangig folgende Probleme: Verlage und andere sogenannte Rechteverwerter, die sich als Mittler zwischen Urheber und Nutzer betätigen und an die Urheber ihre Verwertungs- und Nutzungsrechte am Werk ganz oder teilweise abtreten, werden im Gesetz quasi wie der Urheber selbst behandelt. Dadurch können die Verwerter die Zugänglichkeit zu den von ihnen kontrollierten Werken restriktiver gestalten, als dies oft von den Urhebern gewünscht wird. Auch der übergeordnete Grundsatz der Vertragsfreiheit, der davon ausgeht, dass sich hier wie in anderen Geschäftsbereichen Vertragspartner auf Augenhöhe begegnen, findet gerade beim wissenschaftlichen Publizieren oft nur wenig Berücksichtigung.

In den besonders renommierten Organen zu publizieren, befördert die Wahrnehmung der Forschungsergebnisse ebenso wie das Renommee der Autoren. So stehen Wissenschaftler unter sehr hohem Druck, diese vorrangig zur Veröffentlichung zu nutzen. Die Rechteverwerter wiederum verbinden mit ihrer Tätigkeit grundsätzlich kommerzielle Erwartungen. Sie haben daher kein Interesse daran, die spezifischen Eigeninteressen unterschiedlicher Urhebersphären vom Gesetzgeber berücksichtigt zu sehen, vor allem dann nicht, wenn diese - wie in der Wissenschaft - ureigentlich nicht kommerzieller Natur sind oder die kommerzielle Verwertbarkeit gar einschränken könnten.

Mit einer extremen Preissteigerung

An der Beschaffung dieser renommierten Organe kommen auch Hochschul- und Institutsbibliotheken nicht vorbei. Daher funktioniert der Wettbewerb im Markt für wissenschaftliche Publikationen nur eingeschränkt - mit den entsprechenden Folgen für die Preisbildung. Die Europäische Kommission hat vor einigen Jahren festgestellt, dass sich im Bereich der Wissenschaftsverlage quasi-monopolistische Angebotsstrukturen herausgebildet haben. Da das Geschäft sehr stark von einigen wenigen international agierenden Großverlagen bestimmt wird, die ihren Blick seit Jahren kompromisslos in Richtung der Mehrung des Shareholder-Value richten, steigen die Preise gerade der zentralen Zeitschriften mittlerweile in nahezu astronomische Höhen.

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Wolfgang Marquardt ist Vorsitzender des Wissenschaftsrates und Sprecher der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen.

Quelle: F.A.Z.
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08.08.2012, 14:26 Uhr

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