08.08.2012 · Die Wissenschaft braucht ein anderes Urheberrecht, um Großverlage in die Schranken zu weisen. Die Balance zwischen Urhebern, Rechteverwertern und Nutzern ist gestört.
Von Wolfgang MarquardtRichtlinien für Lesermeinungen
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Nicht das Urheberrecht verletzen, aber kreativ umgehen und langfristig verändern
Wie es aussieht, wird die Bundesregierung an der von Marquardt
geschilderten Situation kaum etwas ändern. Bildung und Wissenschaft
werden beim Urheberrecht leer ausgehen, z.B. kein
Zweitveröffentlichungsrecht für Autoren, keine umfassende
Wissenschaftsklausel, kein Recht der Öffentlichkeit auf freien
Zugang zu dem mit öffentlichen Mitteln finanzierten Wissen.
Aber klagen nutzt wenig. Vielleicht sollten die
Wissenschaftsorganisationen sich noch stärker auf das
konzentrieren, was international und auch durch eine Empfehlung der
EU-Kommission von Juli 2012 der Trend wird, nämlich dafür zu
sorgen, dass WissenschaftlerInnen stärker ermutigt bzw. veranlasst
werden, ihre Werke nach Open-Access-Prinzipien für jedermann frei
zugänglich zu machen.
Das jetzige Recht mag verhindern, dass die Vorab- oder Post-Einstellung
in offene Pre-Post-Print-Server verbindlich wird, aber intensiver auf
die Vorteile von OA und auf eine "Bringschuld" gegenüber
der Öffentlichkeit hinweisen, könnte man schon.
Die Politik könnte das ganz schnell ändern. Man baut ein Online Portal, bei dem sich jeder registrieren kann. Dort kann dann jeder seine Artikel einstellen und alles kommentieren. Bei Berufungen zählt nur noch, was dort publiziert und gut bewertet wurde. Dann gibt es keine Zensur mehr durch Gutachter, es ist viel billiger und die Ergebnisse sind viel schneller verfügbar. Man kann auch gut nach Plagiaten suchen. Zeitschriften sind in der Forschung ein veraltetes Medium. Und es gibt genug begutachtete Artikel, die falsch oder Plagiate sind.
Hebe meine Hand für unabdingbares Zweitveröffentlichungsrecht
Hallo zusammen,
danke für den Artikel. Auch ich sehe das Verhältnis zwischen
Verlagen, den ursprünglichen Rechteinhabern und den Nutzern als
unausgewogen an. Neben dem wissenschaftlichen Bereich möchte ich
auf den Konsumenten/Hobbyautoren-Bereich hinweisen, die ihre Werke als
eBook veröffentlichen möchten. Diese werden von den
führenden Plattformen mit der Aussicht auf kleinere Profitanteile
in exklusivrechteinräumende Verträge gelockt, wobei die
Vertriebsleistung, wie im klassischen Verlagsgeschäft, ausbleibt.
Gelingt dem Autor dennoch eine kritische Masse zu erreichen verbleibt
ein Großteil des Profits beim neuen Rechteinhaber ohne
nennenswerte Eigenleistung.
Das unabdingbaren Zweitveröffentlichungsrecht könnte die
Potentiale solcher Urheber wahren.
Grüße, Joachim
Wissenschaftler wollen Wahrnehmung, die erreichen sie durch renommierte
Zeitschriften und diese sind teuer. Das schmeckt der öffentlichen
Hand nicht, die bei den Bibliotheken gerne spart. Von 1990 bis heute
seien die Preise einzelner Zeitschriften um 500% gestiegen? Das
entspricht einem jährlichen Anstieg von 8% was über der
Inflation liegt, ok. Aber dafür bekommt die Uni heute Print und
Digital, Ausdruckmöglichkeiten, Voltextsuche, Archivzugriff,
campusweite Nutzung, Remote Access... Und gleichzeitig sind die
Umfänge der Zeitschriften enorm gestiegen.
Effektiv haben die Bibliotheken im gleichen Zeitraum ihre Budgets
inflatiosnbereinigt gekürzt. Dass das nicht funktioniert ist klar.
An der Misere sind aber die Wissenschaftsorganisationen und nicht die
Verlage schuld.
Kartellklage, Abbestellung und Abkehr vom Bibliometrie-System. Die
Lösung wäre einfach, aber man jammert eben lieber als zu handeln.
Zum Thema "Reputation von Zeitschriften"
Ich vermute, dass es je nach Fachbereich sehr unterschiedlich ist, aber
in "meinen" universitären Kreisen (Lateinische Philologie
/ Antike / Mittelalter) gilt ein Artikel, der in einem renommierten oder
zentralen Fachblatt erscheint, für um Welten "wertvoller"
als einer, der z.B. digital veröffentlicht wird. Bei Dissertationen
ist es nicht anders, wer die elektronisch publiziert, von dem nimmt man
an, er habe einfach keine Lust, kein Geld oder keine Chance gehabt, um
von einem namhaften Verlag publiziert zu werden.
Das ist tatsächlich ein Armutszeugnis, zumal digitale
Veröffentlichungen die Rezeption der Arbeiten vermutlich
gegenüber eines "zehnmal gedruckt und dann auf Lebenszeit im
Magazin geparkt"-Verfahrens deutlich erhöhen könnten.
Aber solange sich die Meinung hält, man "müsste" als
guter Forscher in den altbekannten Verlagen publizieren, wird sich da
wohl nicht viel ändern.