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Reform des Urheberrechts : Was freie Autoren brauchen

  • -Aktualisiert am

21. Die Naturwissenschaftler müssen davon absehen, ihre Mehrheiten in den relevanten universitären und Fördergremien dazu zu gebrauchen, die bei ihnen üblichen Publikationsvorstellungen auf die Geisteswissenschaften zu projizieren und diese auf ihr Modell verpflichten zu wollen. Die Priorität von Geschwindigkeit der Zirkulation bei gleichzeitiger Stilindifferenz (Englisch) und politischer Unauffälligkeit mag für einen Physiker heute (anders als früher) ausgemacht sein. Nicht so für einen Geisteswissenschaftler.

22. Die spezifischen Probleme im Publikationssystem der Naturwissenschaften mit der in Kauf genommenen Bildung von Monopolverlagen sind von den Naturwissenschaftlern in ihrem eigenen Feld („science“) verursacht worden und ebendort und nicht bei ihren Nachbarn zu bekämpfen.

23. Die Politik der großen forschungsfördernden Einrichtungen läuft Gefahr, anstelle der existierenden Quasi-Monopole in den naturwissenschaftlichen Publikationsorganen ein staatlich kontrolliertes Wissenschaftskommunikationsmonopol in allen Wissensbereichen zu errichten.

24. Dazu bedienen sie sich des Open-Access-Modells, bei dem nicht die Leser, sondern die wissenschaftlichen Autoren beziehungsweise deren Trägerinstitutionen für die Publikation eines Forschungsbeitrages finanziell aufkommen. Verlage als vermittelnde, auch schützende Instanzen zwischen individuellem Forscher und dem Allgemeinen des Staates werden dabei aus dem Markt gedrängt.

Naturwissenschaftliche Forschung im Verbund: Hier eine geochemische Untersuchung im Potsdamer Helmholtz-Laboratorium.
Naturwissenschaftliche Forschung im Verbund: Hier eine geochemische Untersuchung im Potsdamer Helmholtz-Laboratorium. : Bild: dpa

Freie Verlage für freie Autoren

25. Man beruhigt die Wissenschaftler, indem man ihnen verspricht, auf Antrag die Kosten für die Publikation (bei Aufsätzen bis zu 2000 Euro) zu erstatten (die DFG zahlt derzeit 75 Prozent davon, den Rest die Universität, in absehbarer Zeit wird sich das Verhältnis umkehren). Das funktioniert freilich nur so lange, wie es noch alternative Publikationsmöglichkeiten gibt und mehr Geld zur Verfügung steht, als für die Förderung des unattraktiven Open-Access-Publizierens notwendig ist.

26. Gäbe es aber keine unabhängigen Wissenschaftsverlage mehr - was in der Fluchtlinie der gegenwärtigen Politik der Wissenschaftsorganisationen als Ziel möglich erscheint - und reichen die Mittel nicht mehr aus, um alle Wissenschaftler für die notwendigen Publikationsgebühren zu alimentieren, werden am Ende paritätisch aus allen Fächern besetzte inneruniversitäre Gremien die Zuschüsse verwalten.

27. Ob das auch für die naturwissenschaftliche Forschung der Exitus ist, weiß ich nicht. Wohl aber ist er es für die geisteswissenschaftliche. Der aktuelle Mainstream wird dann zur sechsspurigen Autobahn planiert werden und querfeldein auf Expedition zu gehen ausgeschlossen sein - obwohl vielleicht dort im Feld die blaue Blume blüht. Das ist der Tod substantieller Dissidenz.

28. Nicht vergessen werden darf: Der größte Feind der Geisteswissenschaften ist nicht die Zeit, sondern die Zensur. Der Argwohn ihr gegenüber unterscheidet humanities von science (C. P. Snow).

29. Zensur vollendet sich in Selbstzensur. Vor ihr im Sinne einer oktroyierten, aber als autonom fingierten Entscheidung schützen dann kein Grundgesetz, keine europäischen und internationalen Grundrechte mehr.

30. Was unter den Bedingungen gremienüberwachten Publizierens und bei Ausfall einer unabhängigen Verlagslandschaft nicht mehr würde publiziert werden können: die überfällige Studie über eine radikal zu reformierende Universität; die kritische Untersuchung über die Fehlallokation von Geldern durch die großen Wissenschaftsorganisationen; die gründliche Analyse der Destruktion freien wissenschaftlichen Publizierens durch Open-Access-Zwang und die Darlegung der Kosten, die durch Forced Publishing entstehen; eine systematische, postkapitalistische Wirtschaftstheorie, deren politische Konsequenzen vielen weh tun könnten.

31. Nichts ist teurer und für die Entwicklung einer freien Gesellschaft schädlicher als eine wichtige Erkenntnis, die die Öffentlichkeit nicht erreicht, weil ihr Dissenspotential größer ist als die Toleranz des nächsten mittelvergebenden Gremiums. Das Gemeinwesen zahlt dafür à la longue mit Transformationsversagen.

32. Freie Autoren brauchen unabhängige Verlage, sie brauchen eine wahrhaft freie, nicht kontrollierte Öffentlichkeit - und einen Staat mit Wissenschaftsförderinstitutionen, die sich bescheiden und die Selbständigkeit des Wissenschaftssystems achten und schützen.

Quelle: F.A.Z.

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