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Unverschämte Hochschulstudie Angsthase Lehrling?

Die Vodafone-Stiftung erhebt eine Studie, in der die Überheblichkeit mancher Akademiker mit Statistiken verschönert wird.

© dpa Will man hier sitzen? Abiturienten, die sich gegen die Uni entscheiden, sind nicht automatisch Feiglinge. Sie gebrauchen häufig nur ihren praktischen Verstand

In den sechziger Jahren wurde das deutsche Hochschulsystem, einem weltweiten Trend entsprechend, erheblich ausgebaut. Zusätzlich wurden neue Wege zur Hochschulreife eingerichtet, berufsbildende zum Abitur und solche zur Fachhochschule. Diese Öffnung des Hochschulzugangs, berichtet jetzt eine Studie des Mannheimer Soziologen Steffen Schindler im Auftrag der Vodafone-Stiftung, habe dazu beigetragen, dass heute mehr Schüler aus „bildungsfernen“ Familien eine Studienberechtigung erlangen. Machten um 1975 herum nur fünfzehn Prozent davon Abitur, so sind es heute mehr als ein Drittel. Das ist umso eindrücklicher, als ja die Kinder von Studenten mit „bildungsfernen“ Eltern ihrerseits nicht mehr als „Enkel aus bildungsfernen Familien“ gezählt werden. Die Studie erwähnt diesen Umstand allerdings nur so nebenbei.

Jürgen Kaube Folgen:

Bemerkenswerter findet sie, dass zugleich zunehmend geringere Anteile dieser Studienberechtigten ein Studium aufnehmen. Damit geht einher, dass das Abitur in immer mehr Ausbildungsberufen zur Mindestvoraussetzung wird; ein Befund, den die Studie als eigenes Forschungsergebnis mitteilt, der sich aber logisch aus dem Verzicht vieler Studienberechtigter auf ein Studium ergibt. Sie machen ja nicht gar nichts, sondern ergreifen eben statt des Studiums eine Lehre.

Lebenslanges Lernen

Damit könnte man eine Meldung über diese Forschung eigentlich schon abschließen. Denn wo sollte hier ein weiteres Problem liegen? Manche Schüler mit Abitur üben das damit verbundene Recht nicht aus. Warum auch nicht, könnte man sogar sagen: Die ständige Mitteilung, es herrsche Fachkräftemangel, bezieht sich ja größtenteils gerade auf intelligente Bewerber auf Lehrstellen. Außerdem laufen an den Universitäten ja oft ausgerechnet jene Studienfächer voll, die gewählt werden, weil den Abiturienten bei schwachen Voraussetzungen in Mathematik nichts Besseres einfällt: Jurisprudenz, Betriebswirtschaftslehre, Politikwissenschaft, Pädagogik, etwas mit Medien.

Sollte man es da nicht einfach dem praktischen Verstand von Abiturienten gutschreiben, wenn sie stattdessen lieber Industriekeramiker, Goldschmiedin, Gärtner oder Geigenbauerin werden wollen? Und hat man unter den Stichworten „lebenslanges Lernen“ und „Bologna“ nicht gerade sowieso universitäre Strukturen geschaffen, die ein späteres Studium aus dem Beruf heraus immer noch möglich und leicht zugänglich machen?

Wunschvorstellungen und Vorurteile

Sollte man denken. Aber nein, manche Soziologen haben ein ausgeprägtes Bedürfnis, selbst Personen, die eine Wahl getroffen haben, als Opfer ihrer Umstände darzustellen, so als seien sie vielmehr Objekt einer anderorts getroffenen Wahl. So auch hier. Es steige, heißt es, die „soziale Selektivität“ im Zeitverlauf an. Aber wer selektiert denn hier? Die Kapitelüberschrift „Warum werden die Studierquoten sozial selektiver?“ dokumentiert nicht nur die Bereitschaft zu seltsamem Wortgebrauch, denn natürlich sind die Quoten nicht selbst selektiv, sondern nur das Ergebnis von Selektionen, von Berufs- und Bildungswahl. Man könnte auch sagen: Sie, die Schüler, haben sich so entschieden.

Man sagt aber lieber: Menschen aus bildungsferneren Milieus neigten „eher zu konservativen Bildungsentscheidungen“. Man könnte genauso gut behaupten: Sie überlegen es sich besser. Schüler aus solchen Milieus, teilt Soziologe Schindler mit, unternähmen „zu selten den Versuch, mit dem Erwerb der Hochschulreife die erste Hürde auf dem Weg zur Hochschulbildung zu nehmen“. Wo kommt dieses „zu selten“ her? Wer begeht hier einen Fehler? Vielleicht der Soziologe, der seine eigenen, von keinerlei Forschung gedeckten Wunschvorstellungen nicht unter kognitiver Kontrolle zu halten vermag. Man wird nicht viel auf Studien geben können, die derart vorurteilsgesteuert sind.

Die Arroganz der Akademiker

Das Bild der „Hürden auf dem Weg zur Hochschulbildung“ ist nur die sich progressiv vorkommende Variante von Carl Zuckmayers Sarkasmus über die wilhelminische Artenlehre: „Vom Gefreiten aufwärts beginnt der Darwinismus, aber der Mensch, der Mensch fängt erst beim Leutnant an.“ Schüler mit Abitur, die einen Lehrberuf ergriffen, befindet die Studie, gingen „dem Hochschulsystem dadurch wieder verloren“.

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Fast hattet ihr sie schon, soll das wohl heißen, Mannheimer Ungleichheitsforscher, da biegt die Kanaille doch tatsächlich kurz vor dem Abzweig zum Bachelor ab und wird Kunstschreinerin oder Gärtner! Wie toll kommen euch denn eure Hochschulen vor, dass ihr es als „Ineffizienz“ der Hochschulöffnung bezeichnet, wenn die Leute lieber aufs Gymnasium gehen, um danach den Anforderungen einer Lehre besser gerecht zu werden. Muss denn eine Bauzeichnerin weniger können als ein Betriebswirt, eine Feinmechanikerin weniger als Bachelor der Soziologie, ein Elektroniker weniger als eine Erziehungswissenschaftlerin? Es ist, mit anderen Worten, einfach unverschämt, den Begriff „Aufstiegsangst“ mit Fragezeichen über eine Studie zu setzen, die einfach nur die Arroganz mancher Akademiker mit Statistiken dekoriert.

Quelle: F.A.Z.

 
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