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Universitätsreform in Frankreich Die Regierung befürchtet eine Revolte

 ·  Seit Wochen schon streiken Frankreichs Studenten und Universitätsangehörige gegen die desolaten Zustände an den Hochschulen und die umstrittene Universitätsreform. Ein Bericht über einen Rückzug auf Raten.

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Die Studenten kamen am Montagnachmittag. Sie zerschlugen die Glasscheiben, drangen in das Gebäude ein und besetzten das Foyer. Der Präsident der Universität von Rennes, Marc Gontard, rief die Polizei per Telefon um Hilfe: „Wir sind eingeschlossen und warten auf unsere Befreiung.“ Seit zehn Wochen gibt es in Rennes keine Lehrveranstaltungen mehr. Am Wochenende forderte Präsident Marc Gontard die Wiederaufnahme der Vorlesungen. Darauf kam es zur Besetzung durch eine radikale Minderheit - denn die Vollversammlung der Studenten hat sich für eine partielle Aufgabe der Blockade ausgesprochen.

In Grenoble waren die streikenden Studenten versucht, sich an der Geiselnahme der Caterpillar-Chefs durch die entlassenen Angestellten zu beteiligen. In Korsika kam es am Wochenende zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die Regierung befürchtet eine neue Revolte. Die Situation ist explosiv. Die revolutionäre Lust und Leidenschaft flammt wieder auf. Die Szenen vom Nato-Jubiläumsgipfel aus Strassburg haben den Franzosen gezeigt, was sie erwarten könnte. Brennende Autos, Barrikaden, Straßenschlachten und Streiks erinnern an den Mai 68. An den Aufstand der Studenten, dem sich das ganze Land anschloss.

Studenten ohne Studium

Sarkozy war gewarnt. Sein schärfster Rivale im Kampf um die Präsidentschaft, Premierminister Dominique de Villepin aus der eigenen Partei, war am Widerstand der Jugendlichen gegen den CPE-Arbeitsvertrag für Berufseinsteiger, der eine kurzfristige Entlassung ohne jegliche Begründung vorsah, gescheitert und musste seine Ambitionen auf das höchste Amt begraben. Seit dem Mai 68 hat kaum eine Regierung je einen Machtkampf gegen die Jugend gewonnen. „Die Gefahr einer neuerlichen Auseinandersetzung wird immer akuter“, hatte Bruno Julliard, der Sprecher des Studentenverbandes, dem neuen Staatschef schon im Frühsommer vor zwei Jahren geschrieben. Damals schickte sich der frisch gewählte Sarkozy an, seine im Wahlkampf versprochene Reform der französischen Universitäten zu verwirklichen. Die Warnungen, die in erreichten, schlug er keineswegs in den Wind.

Frankreichs Universitäten sind in einem desolaten Zustand. Nur in wenigen Fächern ist ein Studium an einer Universität sinnvoll. Meist sind die elitären Grandes Ecoles - und entsprechende Vorbereitungsjahre, die „classes préparatoires“ - die sinnvollere Lösung. Wer es schafft und es sich leisten kann, entscheidet sich für sie. Die Universitäten haben zu viele Studenten und zu wenig Professoren. Sie platzen aus allen Nähten.

Weniger Stellen, mehr Lehrstühle

Sarkozy will sie flexibler und leistungsfähiger machen. Er versprach ihnen mehr Autonomie: der Staat bezahlt - will aber nicht mehr befehlen. Die Universitäten sollen ihr Budget selber verwalten, die Gebühren und die Gehälter bestimmen. Sie entscheiden über die Lehrpläne und wählen ihre Präsidenten, die sehr viel mehr Macht bekommen. Auch für die Gebäude und ihre Nutzung sollen sie zuständig sein. Eine kleinere Verwaltung war vorgesehen - und keineswegs weniger Mitbestimmung für die Studenten.

Diese Reform, die im Sommer 2007 vom Parlament verabschiedet wurde, sollte von weiteren Maßnahmen begleitet werden. An ihnen entzündete sich der Widerstand. Und praktisch in jedem Fall hat sich die für die Universitäten zuständige Ministerin Valérie Pécresse in den vergangenen Wochen zum geordneten Rückzug entschlossen. In Frankreich wird jede zweite freigewordene Beamtenstelle nicht neu besetzt. Vor einem Monat gab der Premierminister bekannt, dass diese Regel für die Universitäten aufgehoben werde. Jetzt wird nur noch um tausend für 2009 gestrichene Stellen gestritten. Die Regierung will darauf nicht verzichten, hat aber im Gegenzug 4,5 Millionen für neue Lehrstühle bewilligt.

Nicht vor und nicht zurück

Am meisten Empörung löste die geplante Evaluation der Professoren aus. Über dieses Evaluieren und seine Kriterien ist ein eigentlicher Kulturkampf entbrannt. Umstritten bleiben die Zuständigkeiten für die Karrieren. Aber auch hier gibt es Zugeständnisse: Die Aufteilung seiner Arbeit - zwischen Lehrtätigkeit, Forschung, Verwaltung - kann nicht ohne die „Zustimmung des Betroffenen“ verändert werden. Grundschullehrer sollen zukünftig nach dem Abitur fünf Jahre die Uni besuchen und einen Master erwerben. Die Lehrerseminare will man abschaffen. Das erscheint wenig sinnvoll. Denn ein akademisches Vollstudium ohne jede pädagogische Ausbildung bringt keine besseren Lehrer hervor. Zumindest für ein Jahr wurde diese Reform ausgesetzt.

Niemand bezweifelt die Notwendigkeit einschneidender Reformen. Und zumindest zu Beginn hat die Ministerin auch geschickt verhandelt. Doch nach zwei Jahren stecken sie in der Sackgasse - und die Regierung gerät in Panik. In einer Fernsehansprache zitierte Sarkozy den angesehenen Genetiker Axel Kahn als Kronzeuge für seine Pläne, die er resolut verteidigte. Doch am Tag darauf äußerte Kahn seine grundsätzliche Kritik am Projekt und dem Versuch, ihn zu instrumentalisieren. Die Mehrheit der Universitäts-Präsidenten ist inzwischen gegen die Reform.

Prüfungsphase

An vielen Universitäten wird seit Februar ununterbrochen gestreikt. Die Lebensbedingungen vieler Studenten sind extrem schwierig. Dass die Automobilindustrie und die Banken mit Milliarden gefüttert werden, war für die armen Universitäten und ihre Mitglieder eine zusätzliche Provokation.

Am Montag stellte nicht nur Marc Gontard fest, die Regierung habe inzwischen genügend Konzessionen gemacht. Am gleichen Tag erklärte ein Kollege, europäische Partneruniversitäten - Namen nannte er keine - hätten mit der Aufkündigung der Austauschprogramme gedroht. Die Absolventen der landesweit als links und rot bekannten Universitäten, die nicht unbedingt zu den leistungsschwachen gehören, haben gemerkt, dass ihre Aussichten auf Stellen schlechter sind. Das gilt für Montpellier, Toulouse und Rennes. „Ich brauche jedes Jahr 4.000 Plätze für Praktikanten“, stöhnt Marc Gontard: „Es wird immer schwieriger, sie zu bekommen. Denn die Chefs der Unternehmen halten unsere Studenten für gefährliche Revoluzzer.“

Vor vier Jahren studierten 22.000 Studenten in Rennes. Inzwischen sind es nur noch ganze 16.500. Auch für solche Entwicklungen ist ein Universitäts-Präsident in Zukunft verantwortlich. Die Regierung hat an vielen Fronten Zugeständnisse gemacht. Auf das rechtskräftige Gesetz von 2007 kann und will sie nicht zurückkommen. Über Ostern könnte sich die Lage dennoch entspannen: Ferien und Feiertage sind Streikbewegungen noch nie förderlich gewesen. Und nach jedem Mai kommt der Juni: dann stehen die nächsten Prüfungen auf dem Programm.

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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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