Home
http://www.faz.net/-gsn-vwcd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Universitätsreform Die Lehrsklaven kommen

27.11.2007 ·  Trotz der an deutschen Universitäten vielfach aufgebrochenen Einheit von Forschung und Lehre wird das Humboldtsymbol weiter wie eine Monstranz vorangetragen. Aber wie lange noch - und wie könnte die Zukunft der Lehre aussehen?

Von Jürgen Kaube
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (10)

Die eine Seite sieht so aus: „Achtzehn Stunden Lehre pro Woche, zunächst auf zwei Jahre befristet, Habilitation vorausgesetzt, Vergütung nach TV-L E 12 oder 13 (das war einmal BAT IIa, ist aber um verschiedene, etwa familienabhängige Zusatzzahlungen bereinigt und liegt deutlich unter dem Einstiegsgehalt von Gymnasiallehrern)“. Oder: „Befristet zunächst für jeweils ein Jahr sind zu besetzen: vier halbe Stellen für Lehrkräfte für besondere Aufgaben (4 × 0,5 Vergütungsgruppe TVL 13) für Alte (0,5), Mittelalterliche (2 × 0,5) und Neuzeitliche (0,5) Geschichte“. Solche und noch weniger attraktive Stellenausschreibungen findet man in Hochschulanzeigen immer öfter. Das Überschussangebot an wissenschaftlichem Personal in vielen Fächern lässt manche Privatdozenten für 1600 Euro brutto Lehraufträge annehmen, die ihm oder ihr gerade noch die Miete am Hochschulort erbringen.

Die andere Seite hört sich so an: Kein hochschulpolitisches Podium, auf dem nicht die Einheit von Forschung und Lehre beschworen wird. Nur der gute Forscher könne auch gut lehren. Zwar weiß jeder Student, wie locker die Zusammenhänge zwischen dem einen und dem anderen sind: Der Spitzenforscher als Lehrkatastrophe ist so bekannt wie der kaum forschende große Pädagoge und Didaktiker des kanonischen Stoffes seines Faches. Auch alle möglichen Zwischenstufen hat man schon erlebt, etwa den Professor, der bedeutende Vorlesungen hält, aber zu Seminaren kein Verhältnis findet. Oder es gibt Fächer wie die Jurisprudenz, die sich fragen lassen müssen, wie es um eine Lehre bestellt ist, die so gut wie alle Studierenden zum privaten Nachhilfeunterricht zwingt. Schließlich unterrichten unter dem Druck der Bachelor-Reform inzwischen sogar Master-Studenten, und zwar häufig in Gebieten, deren Grundstoff sie zwar vermitteln können, zu denen sie selber durch Forschung aber noch nicht beigetragen haben.

Das heilige Deputat

Trotz solcher vielfältigen Indizien dafür, wie kompliziert es sich mit jener Einheit von Forschung und Lehre verhält, trägt die deutsche Universität dieses Humboldtsymbol wie eine Monstranz vor sich her. Weshalb? Nicht zuletzt, weil es dem Standesinteresse an einem überschaubaren Lehrdeputat Rückhalt gibt. Denn Einheit von Forschung und Lehre heißt: Die Wochenarbeitszeit der Professoren darf nicht durch Lehre erschöpft werden. Dass ihre Wochenarbeitszeit noch durch ganz andere Aktivitäten erschöpft wird – Herausgeberschaften, Gutachtertätigkeit, Evaluieren und Akkreditieren, Anträgeschreiben und Auf-Tagungen-Herumsitzen –, geht in die Berechnung nicht mit ein.

Wie aber kann das Wunder eines gleichbleibenden Deputats bei gestiegenen Belastungen und allenfalls konstantem Lehrpersonal bewirkt werden? Anfang diesen Jahres veröffentlichte der Wissenschaftsrat seine Empfehlungen zu einer lehrorientierten Reform der universitären Personalstruktur. Darin empfahl er die Einrichtung von Professuren mit Schwerpunkt in der Lehre und entsprechend erhöhten Stundendeputaten (zwölf Wochenstunden statt acht) sowie entsprechender Junior-Lehrprofessuren.

Parallel dazu erlebt an den Universitäten noch eine andere Personalkategorie einen Aufschwung, die „Lehrkraft für besondere Aufgaben“. Dabei handelt es sich um jene schon erwähnten Stellen für wissenschaftlich qualifizierte Leute, die bis zu achtzehn Stunden pro Woche in der Bachelor-Tretmühle engagiert werden. Einheit von Forschung und Lehre heißt für sie: Sie haben keine aktuellen Forschungsaufgaben, sollen aber einmal geforscht haben, sprich: habilitiert sein.

Der Lehrprofessor als Sozialarbeiter

Im Mitgliederorgan der „Deutschen Gesellschaft für Soziologie“ ist jetzt der elektronische Briefwechsel dreier Soziologen zum Thema abgedruckt worden (Soziologie, Jg. 36, Heft 3/2007). Trutz von Trotha (Universität Siegen) bezeichnet darin die neuen Lehrkräfte als universitäre „Mindestlohnreserve“. Im Grunde seien die Hochschulpolitiker ohnehin der Ansicht, dass Bachelor-Studenten „Forschung weder benötigen noch sie ihnen zuzumuten ist“. Aus nordrhein-westfälischen Erfahrungen weist Trotha überdies darauf hin, dass die neuerdings erhobenen Studiengebühren ausdrücklich nur zur Verbesserung der Lehre eingesetzt werden dürfen. Auch dies treibe die Trennung von Forschung und Lehre voran – denn aus solchen Einnahmen beispielsweise eine normale Assistentenstelle zu schaffen verstieße gegen die reine Zweckbindung an Lehre. Die Lehrkraft für besondere Aufgaben könnte auf diese Weise zum Favoriten sowohl – weil billig – der Hochschulverwaltung werden wie – weil ganz zu Unterricht und Prüfungsvorbereitung eingesetzt – zu dem der studentischen Fachschaften.

Armin Nassehi, Soziologe an der Ludwig Maximilians Universität München, steigert diese Diagnose ins Grundsätzliche. Für ihn liegt der gegenwärtigen Wissenschaftspolitik das Bestreben zugrunde, der Bildung den Garaus zu machen. An die Stelle der Forderung nach „Selbstsozialisation“ der Studierenden trete ihre Behandlung als Leistungsempfänger. Der Lehrprofessor sei insofern der Sozialarbeiter des reformierten Universitätssystems. Die Leistungen, die er abgibt, sind vorwegdefiniert und bedürfen eben darum auch keiner fortlaufenden Forschung.

Eine riesige komplizierte Sparmaßnahme

An dieser Beschreibung lässt sich gut erkennen, worin eine Schwierigkeit des Streits um gute Universitäten besteht. Denn Nassehi gibt zu, dass man im alten, vom Humboldtidealen bestimmten Betrieb „der Lehre nicht genügend Aufmerksamkeit widmete“, nur dass er dies zur Tugend erklärt: Die Studenten wurden eben als selbständige „Bürger der Gelehrtenrepublik“ angesprochen, die sich ihren eigenen, freien Reim auf die Forschung machen.

Das geschah, darf man ergänzen, kontrafaktisch, und zwischen „jemanden nicht als Kind behandeln“ und „jemanden sich selbst überlassen“ liegen eine Menge Zwischenstufen des Interesses daran, vor wem man seine Forschung vorträgt, um das schon für ihre Einheit mit Lehre zu halten. Das Dilemma der Universitätsreform im Bereich der Lehre ist, mit anderen Worten, dass die einen „Trennung von Forschung und Lehre“ sagen und „Sparen“ meinen, die anderen „Einheit von Forschung und Lehre“ sagen, aber die eigene Freiheit meinen, ihrer Forschungspräferenz zu folgen.

Frauen, ab in die Reproduktion

Diesseits solcher Manöver sind aber zwei Prognosen des Briefverkehrs der Soziologen bemerkenswert: Jo Reichertz (Universität Duisburg-Essen) sagt voraus, dass jene Lehrbeauftragten – die mal so, mal „Lecturer“, mal eben „Lehrkräfte mit besonderen Aufgaben“ heißen – allmählich in die Kapazitätsberechnungen der Fächer aufgenommen werden. Bislang ist das ausdrücklich nicht vorgesehen, um eine Umwidmung normaler Stellen in solche für Lehrsklaven zu verhindern. Das kameralistische Geschick der Universitätsverwaltungen aber lässt den Soziologen vermuten, dass ein solches Verbot über kurz oder lang aus Gründen der Mittelknappheit umgangen wird.

Die interessante Prognose Trutz von Trothas gilt der Besetzung von ganz oder doch in erster Linie auf Lehre gerichteten Stellen. Er vermutet, „dass die Lehrprofessur das Feld von Professorinnen sein wird. So haben es Männer schon immer gemacht – von der Krankenpflegerin über die Lehrerin bis zur Kinderärztin. Sie haben die im Status geminderten Positionen stets den Frauen überlassen beziehungsweise die Positionen im Status gemindert, die sich Frauen erobert haben.“ Für die Politik und die Universitätsverwaltungen „werden die Lehrprofessuren die goldenen Lettern der Statistiken des universitären Gender Mainstreaming“, also der Gleichstellungsvorgabenerfüllungsberichte sein.

Beide Prognosen haben für sich, beizeiten überprüfbar zu sein. Denn die Folgen der Bachelor-Reform machen sich jetzt an den Universitäten mit großer Geschwindigkeit bemerkbar. Und je mehr sie es tun, desto weniger wird sich der eigentliche Charakter dieser Reform leugnen lassen: Eine riesige komplizierte Sparmaßnahme zu sein.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Nachtreten gegen Günter Wallraff

Von Michael Hanfeld

Alles, was der Logistikfirma GLS zur RTL-Reportage „Günter Wallraff deckt auf“ einfällt, ist mehr als lahm. „Einseitige Berichterstattung“, heißt es. Das ist reiner Zynismus. Mehr 4 33