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Universitäre Lehre : Der Online-Angriff auf den Unterricht

  • -Aktualisiert am

Was kommt da auf uns zu? In einem Erklär-Clip stellt die Mooc-Plattform Iversity die Entwicklung als kunterbunten Tsunami dar Bild: Iversity

Ein Zug, von dem in den Vereinigten Staaten die Ersten schon wieder abspringen, soll hierzulande erst noch Fahrt aufnehmen: Die universitäre Lehre im Internet. Eine Warnung.

          Akademische Selbstverwaltung heißt das Recht der deutschen Universität, ihre Umwandlung in eine ökonomische Anstalt durch Mitglieder aus den eigenen Reihen betreiben zu lassen. Natürlich lagen Wissenschaft und Bürokratie schon immer im Clinch, ohne je voneinander lassen zu können. So innig und unheilvoll wie heute war ihre Beziehung aber nur selten. Noch nie gab es so viele Qualitätssicherungsmaßnahmen; noch nie beteiligten sich so viele Wissenschaftler so flächendeckend an Zielvereinbarungen, Evaluationen, Optimierungskonzepten oder elaborierten Entwicklungsplänen, in denen Leistungen und Zukunftsperspektiven dokumentiert werden sollen, für die eigentlich niemand mehr Zeit hat.

          Unzählige dieser Aktivitäten sind von den Universitäten selbst generiert, erfunden und implementiert von Dekanaten, Rektoraten, Präsidien und Senatsausschüssen, die vor allem mit Wissenschaftlern besetzt sind. Daneben hat sich ein ganzer akademischer Servicemarkt herausgebildet mit Großindustrien wie dem Akkreditierungswesen: privatrechtliche Agenturen, die sich von Hochschulen erhebliche Geldsummen dafür bezahlen lassen, dass sie Professoren anderer Hochschulen für den Gegenlohn der Reise- und Unterkunftkosten rekrutieren, um aufwendige Erhebungs- und Bewertungsverfahren durchzuführen. Man macht mit, weil man hofft, dass es sich ja vielleicht doch um ein wissenschaftliches Geschehen handelt, um eine Peer Review statt um die Datensammlung zur nächsten Spar- und Umverteilungsrunde.

          Kampf mit den Sachzwängen

          Eigentlich wissen alle Beteiligten um die Absurdität solcher Abläufe. Auch in den Verwaltungsbüros mangelt es nicht an gutem Willen, die schlimmsten bürokratischen Exzesse durch persönlichen Einsatz abzuwenden. Dem wissenschaftlichen Personal bleibt, resigniert von Pflichtübung zu sprechen. Viele sind einfach nur erleichtert, nach Jahren der Selbstausbeutung auf einer Stelle zu sitzen.

          Für diejenigen, die mehr oder weniger freiwillig ein Amt ausüben, stehen Begriffe wie Gestaltungsmöglichkeit und Herausforderung zur Verfügung: Es sei zwar alles ziemlich arg gerade, aber das Mitmachen stelle immerhin sicher, dass man eigene Interessen einbringen und Ärgeres verhindern könne. Heroisch darf man ihn nennen, den oft bis ans gesundheitliche Limit gehenden Kampf von Institutsleitern und Dekanen mit den sogenannten Sachzwängen. Jeder Sieg bereitet die nächste drohende Niederlage vor.

          Vorlesung, das war einmal

          Nun scheint das Spiel eine neue Stufe zu erreichen. Nachdem sich der Traum von deutscher Eliteforschung im Zuge zweier Exzellenzinitiativen etwas erschöpft hat, kündigen sich lange Märsche zur Förderung der Lehre an. Es scheint unwahrscheinlich, dass es dabei um die Reduktion von Deputaten oder die Schaffung neuer Planstellen durch Rückführung administrativer in wissenschaftliche Ressourcen gehen wird. Eher denkbar sind verwaltungsintensive Großinitiativen, die pädagogischen Common Sense in marktgängige Innovationskonzepte wie „flipped classroom“ und „blended learning“ ummünzen.

          Die dickste Sau aber, die demnächst durchs Dorf gejagt werden wird, hört auf den Namen MOOCs (Massive Open Online Courses). Dabei handelt es sich um digitale Lehrplattformen, die erstmals im Frühjahr 2012 vom kalifornischen Unternehmen Coursera in Stanford betrieben wurden. An einem einzigen Online-Kurs können prinzipiell endlos viele Studierende teilnehmen; Anmeldezahlen im fünf- und sechsstelligen Bereich pro Veranstaltung sind längst keine Seltenheit mehr. Coursera konkurriert mittlerweile mit ähnlichen privaten oder universitätseigenen Start-ups wie edX und Udacity, in Deutschland Iversity.

          Das falsche Vorbild Vereinigte Staaten

          Wer mit Interessenvertretern spricht, bekommt zu hören, dass MOOCs die Hochschullehre radikal demokratisieren und globalisieren. Digitale Technologie bringe Wissenschaft für alle; interaktive Kommunikation baue Hierarchien ab und verwandle Studierende von stillsitzenden Vorlesungsprotokollanten in eifrige Do-it-yourself-Forschende. Ganz falsch ist das nicht, aber regelmäßig kippt die hyperventilierende Rede von Innovation und Befreiung in eine Rhetorik neoliberaler Selbstprophezeiung um: „MOOCs werden auch in Deutschland kommen.“ An der RWTH Aachen, der Universität Osnabrück und der Ludwig-Maximilians-Universität München laufen die ersten Versuche mit solchen elektronischen Kursen, für die es Leistungspunkte gibt.

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