Nach der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) hat nun auch der Verband der Historiker Deutschlands (VHD) sich gegen das Universitäts-“Ranking“ des Gütersloher „Centrums für Hochschulentwicklung“ (CHE) ausgesprochen. Wie schon im Jahr 2009 beabsichtigt das CHE eine Befragung von Professoren und Studenten der Geschichte, die Auswertung von Drittmitteleinwerbungen und Promovendenzahlen, um damit und aus anderen Kennziffern eine Rangordnung von Hochschulen herzustellen. Der VHD hat seinen Mitgliedern jetzt empfohlen, sich an dieser „fragwürdigen Initiative“ nicht zu beteiligen. Zur Orientierung, die das CHE-Ranking Studierwilligen biete, meinen die Historiker, sie sei nur vorgeblich hilfreich. Die Soziologen hatten in ihrer Kritik davon gesprochen, die Verfahren des CHE entsprächen nicht grundlegenden Anforderungen an empirische Forschung.
Die Kritik der Soziologen muss das CHE genauso treffen wie die Einlassungen des Internationalen Mathematikerverbandes von 2008 das gesamte Evaluationswesen: Beide Disziplinen sind mit quantitativen Erhebungen und statistischen Methoden vertraut. Die Leitung des CHE-Rankings hingegen liegt in der Hand eines Management-Experten, der an der Fachhochschule Osnabrück lehrt, für die Verteidigung gegen die Kritik der Soziologen zeichnet eine Mitarbeiterin der Bertelsmann-Stiftung, die BWL mit Schwerpunkt Marketing in Dortmund studiert hat.
Abschreckendes Beispiel im im statistischen Grundkurs
Das muss nicht die Anfängerfehler erklären, die das CHE macht: Das Drittmittelaufkommen eines Fachbereichs, das mangels Sachkenntnis als Indikator für seine Forschungsleistung genommen wird, teilt es durch die Zahl der Stellen - auch wenn es sich um ausschließlich der Lehre zuzurechnende Stellen handelt. Damit verringert sich, wie die Soziologen beanstanden, die Forschungsleistung eines Instituts rein arithmetisch, wenn es höhere Lehrbelastungen hat.
Die Qualität der Lehre wiederum wird durch eine Studentenbefragung ermittelt. Deren geringe Rücklaufquote (nur knapp zwanzig Prozent der Befragten äußerten sich), geringe Fallzahlen (an zwei Dritteln aller Institute weniger als dreißig Studenten) und fehlende Repräsentativität machten die Studie im statistischen Grundkurs zum abschreckenden Beispiel. Das CHE behilft sich angesichts solcher Einwände mit der - an Studentenurteilen nach „Erinnerung“ durch eine E-mail gewonnenen - Behauptung, Studenten, die zunächst nicht antworteten, hätten keine andere Einschätzung der Lehrqualität als solche, die sofort antworteten.
Rezepte für Gummienten
Methodische Auseinandersetzungen über Verfahren wie diese nehmen allerdings leicht den Zug eines hypothetischen Streits an, ob Gummienten durch Kochen oder Braten mürber werden. Erfahrene Köche würden schon von der Entenart abraten. Die Frage beispielsweise, inwiefern Studenten des dritten Semesters überhaupt in der Lage sind, sinnvolle Lehrvergleiche zu ziehen, stellt das Ranking erst gar nicht. Dabei studieren sie ja unter anderem, weil sie es noch nicht wissen. Und wer aus dem Abstand über sein Studium nachdenkt, wird sich immer an Lehrer erinnern, die in einer Hinsicht eindrücklicher, in anderer Hinsicht weniger gut waren als ihre Kollegen. Wie soll man so etwas verantwortlich zu Gesamturteilen aggregieren? Dem CHE genügen zur Beruhigung solcher Zweifel allgemeine Formeln wie die, ein Ranking müsse subjektive und objektive, erfahrungsbegründete und „Faktenindikatoren“ einbeziehen. Man glaubt damit letztlich, dass man die Irrtümer nur mischen muss und durch ihre Anzahl teilen, um Wahrheit oder „Information“ zu erhalten.
Die Kritik der Soziologen an seinen Tabellen hat das CHE „mit Unverständnis“ zur Kenntnis genommen. Drei Millionen Besuche jährlich auf seiner Internetseite sprächen dafür, dass sorgfältig erhobene Informationen gebraucht würden. Aber bei weitem nicht alles, was gebraucht wird, ist auch lieferbar. Eine Nutzungsforschung dazu existiert nicht. Niemand weiß also, was die Studierwilligen mit dem Sammelsurium der CHE-Informationen machen. Da das Gros der Abiturienten nach wie vor im Umkreis von fünfzig Kilometern ihres Gymnasiums studiert, dürfte sich der Einfluss von Rankings, was die Studienentscheidung angeht, in engen Grenzen halten. Man könnte also mit demselben Recht schließen, dass viele der drei Millionen Netzbesucher nach dem Tabellenstudium genauso ratlos sind wie vorher.
Zwei Koryphäen und zwei Pflaumen
Eine weitere Kritik an der Forschungsmessung beantwortet das CHE damit, die Soziologen selbst müssten erst einmal eine geeignete Datenbank für ihre Publikationen und Indikatoren zur Qualitätsmessung entwickeln. Solange das nicht geschieht, verwendet das CHE Kennziffern wie die Zahl der Promotionen - diejenige von zu Guttenbergs dürfte der Bayreuther Jurisprudenz gutgeschrieben worden sein - und der Habilitationen.
Das tut so, als müsste es irgendeinen Abiturienten in diesem Land interessieren, wie hoch die Überproduktion an drittmittelabhängigen Karrieren in der Germanistik oder der Geschichte ist, um zu einem Urteile über den Studienort zu kommen. Nicht einmal, wer mit achtzehn schon so altklug ist, im Fach seiner Wahl habilitieren zu wollen, wird sich durch die Zahl der Habilitationen an einem Standort etwa sechsundzwanzig Semester vor seinem eigenen Habiliationsverfahren informiert sehen. Und es ist abenteuerlich, zu unterstellen, wo viel promoviert werde, sei die Forschung stark und werde der Nachwuchs gefördert.
Oder nehmen wir einen anderen Indikator: Etwa vierzig Prozent der Professoren beantworten die Frage, welche fünf Hochschulen sie in ihrem Fach für die führenden in der Bundesrepublik halten. Aber zum einen sind in der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung und auch in vielen anderen Fächern nicht Institute, sondern Lehrstühle die Träger der Forschung. Zwei Koryphäen und zwei Pflaumen ergeben dann ein durchschnittliches Institut? Ist eindeutige Reputationszuweisung zu ganzen Instituten nicht viel eher ein Indikator für deren Größe oder Homogenität? Zum anderen, was heißt es für angehende Studierende, wenn eine Hochschule im Kollegenurteil hochdekoriert erscheint: dass die Reputationsträger häufig Tagungen besuchen und beim Drittmitteleinwerben sind? Oder dass durch die mystische Transsubstantiation von Forschung in Lehre der publikationsfreudige Spezialist auch eine gute Überblicksvorlesung hält?
Die fünf besten Weltreligionen
Rankings geben trügerische Informationen, weil sie im Einzelfall unhaltbare Schlüsse nahelegen. Studiert wird aber bei Einzelfällen. Das CHE und andere Tabellenkonstrukteure leisten dem törichten Messen von Sachverhalten Vorschub, die selber gar keine quantitative Struktur haben. Niemand sagt: „Dieses Seminar war zehn Prozent besser als das vorige“, und niemand würde auch die Veranstaltungen seines Studiums in eine klare Reihenfolge bringen können.
Die Phrase, die dabei alles rechtfertigen soll, lautet: Irgendeine Rangordnung muss es doch geben. Oder schwächer: Irgendwelche Informationen muss man den Studierwilligen doch zur Verfügung stellen. Für das Erstere gilt: Nein, muss es nicht. So wenig, wie es die besten fünf Weltreligionen, die fünf besten Physiklehrer an Gymnasien oder fünf beste Ehefrauen gibt, gibt es die besten fünf Soziologie- oder Geschichtsinstitute oder Geschichtsstudiengänge an deutschen Hochschulen.
Lieber praktisch denken
Der zugrunde liegende Denkfehler wird übrigens nicht schon dadaurch behoben, dass man statt Rangplätzen Ampelfarben für Spitzen-, Durchschnitts- und Minderleister vergibt, wie das CHE zu meinen scheint. Anschauungslos ist - auf Seiten des CHE so sehr wie auf derjenigen „empirischer“ Sozialforschung - das Urteil, man könne, sei nur die Messweise ausgereift und die Datengrundlage breit genug, die Lage einzelner Fächer an einzelnen Hochschulen tabellenförmig repräsentieren. Denn dieselben Zahlen, die für eine Universität sprechen, könnten aus Sicht von Studenten auch gegen sie sprechen. Außerdem müssten die Studenten sich selbst kennen, um zu beurteilen, ob sie bei den Bamberger Soziologen oder den Frankfurter Historikern besser aufgehoben sind.
Die Zeit, die Abiturienten oder ihre Eltern im Internet oder mit den Druckversionen der CHE-Messungen verbringen, sollten sie besser in praktische Erwägungen investieren. Und in Bahnfahrten in die Hochschulstädte, die man ins Auge gefasst hat, in Besuche von Vorlesungen sowie in die Lektüre von Schriften, die nicht eigens zu Werbezwecken hergestellt worden sind. Außerdem gehört Irrtumsbereitschaft zur Studienwahl. Doch Irrtümer, die man nicht vermeiden kann, weil man nur im Studium herausfindet, was und wie das Studium ist, sind leicht zu korrigieren - durch Studienfach- oder Studienortwechsel.
Kritik von den Besten
Wer glaubt, eine Tabelle erspare einem dieses, täuscht sich. Sie mag Orientierungslose mit dem Gefühl beruhigen, sich wenigstens nicht auf eigene Rechnung falsch entschieden zu haben. Aber sich an einer solchen Geschäftsidee - „Der Studienführer als Beruhigungsmittel“ - zu beteiligen, daran können die Fächer tatsächlich kein Interesse haben.
Die beliebte Unterstellung übrigens, Kritiker der Rangtabellen seien vor allem an Universitäten zu suchen, die auf ihnen schlecht abschnitten, trifft die Soziologen nicht. Das erste Institut, das beschloss, sich nicht mehr am CHE-Ranking zu beteiligen und den Protest des ganzen Faches anstieß, war dasjenige der Universität Jena, das sich zuvor in der Spitzengruppe der Tabelle fand.
ploetzlich
Erwin Wolfram (ewoewo)
- 25.08.2012, 13:45 Uhr
Statt das Ranking auf deutschem Boden neu zu erfinden,
Karl Schade (J.K.S)
- 24.08.2012, 22:56 Uhr
Kaube macht deutlich, dass er gegen ein Ranking ist. Das sei ihm
unbenommen. Aber vieles ist falsch
Britta Hoffmann-Kobert (CHERanking)
- 24.08.2012, 18:45 Uhr
... wer steckt dahinter? ...
Klaus Mueller (Jeeves3)
- 23.08.2012, 10:41 Uhr
Die Kritik
Klaus-Dieter Berger (kinnas)
- 23.08.2012, 10:04 Uhr