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Umgang mit Privatdozenten Die Lehrbefugnis hat ausgedient

 ·  Der Schutz für die Privatdozenten ist anachronistisch. Aber es ist genauso anachronistisch, Massenuniversitäten einzurichten, die keinen professionalisierten Unterricht garantieren.

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In der jüngsten Auseinandersetzung um die Privatdozentur lohnt es sich, ein wenig zurückzublicken und zu schauen, woher die Privatdozentur eigentlich kommt. Dabei stellt sich heraus, dass die neuerliche Krise des Privatdozenten eine der universitären Lehre ist. Die überraschende Erkenntnis dabei ist: Auch die Rede von der Lehre ist ein Anachronismus. Es gibt die Lehre nämlich nicht mehr.

Die Privatdozentur ist aus den Humboldt’schen Reformen Anfang des 19. Jahrhunderts hervorgegangen und beruht auf zwei funktionalen Erwägungen. Die erste liegt in der klassischen Konkurrenz zwischen Ministerien und Fakultäten um die Hoheit über die Besetzung von Professuren. Selbstergänzungsrechte der Universitäten gibt es seit dem Mittelalter, und immer wieder sind Universitäten zu reinen Familienbetrieben verkommen, immer wieder haben Fürsten und Bischöfe dem Einhalt gebieten wollen. So war es Anfang des 19. Jahrhunderts der preußischen Regierung durchaus bekannt, dass Fakultäten nicht notwendig ein intrinsisches Interesse an hellen Köpfen haben.

Umgekehrt wiesen die Universitäten darauf hin, dass doch nicht Ministerialbeamte über wissenschaftliche Qualifikation entscheiden dürften. Der Kompromiss Humboldts war tauglich: Die Universitäten durften mit Hilfe der Habilitation festlegen, wer überhaupt für Professuren geeignet war. Damit sicherten sie ihre Autonomie. Die Ministerien erhielten fortan Vorschlagslisten - schon damals in der Regel mit drei Namen -, unter denen die Ministerien frei entscheiden konnten. Das heißt, die Habilitation war ein Kompromiss, der erlaubte, sowohl die wissenschaftliche Autonomie der Hochschulen zu wahren als auch die ministerielle Kontrolle gegen Inzucht und Mittelmaß zu installieren.

Das Recht der Lehre kommt nicht jedem zu

Inzwischen ist der Kompromiss obsolet. Ministerien mischen sich nur noch selten direkt in die Personalauswahl der Hochschulen ein. Sie regieren längst subtiler als früher. Man weiß dort nämlich, dass die Vielfalt an Gängelungsmechanismen, mit denen man die Hochschulen seit Jahrzehnten quält, garantiert, dass Universitäten nur Personen berufen, die im Kampf gegen Etatkürzungen aktiv sind, Verantwortung in der Verwaltung übernehmen und den Unterrichtsbetrieb schultern. Die entsprechende Eignung weist man längst nicht im Habilitationsverfahren nach, sondern durch Drittmittelerfolge und langjährige engagierte Mitarbeit in Instituten (auch als Privatdozent). Als Instrument der Universitäten, ihre Autonomie in Personalfragen gegenüber den Ministerien zu wahren, hat die Privatdozentur daher längst ausgedient.

Die zweite Rechtfertigung für die Erfindung der Privatdozentur lag im Wert von „Lehre“. Lehre an Hochschulen war etwas anderes als Unterricht. Die Privatdozentur bildete ein lohnendes Ziel für sich, denn man erhielt durch sie ein Recht, das nicht jedem zukam - und es bis heute nicht tut. Vermutlich weiß heute nur noch eine Minderheit der wissenschaftlichen Beschäftigten, dass Lehre nur Personen mit Lehrbefugnis gestattet ist - also die meisten gar nicht lehren dürfen. Die Lehrbefugnis (venia legendi), die Privatdozenten nach erfolgreicher Habilitation (Feststellung der Lehrbefähigung) separat beantragen können und die Universitäts- wie Juniorprofessoren qua Amt innehaben, ist nämlich das Recht, eine eigene Meinung zu Sachthemen vertreten und ihre Kenntnis in Prüfungen verlangen zu dürfen.

Hingegen dürfen Personen ohne Lehrbefugnis, also der klassische universitäre Mittelbau, lediglich unterrichten. Heute empfinden viele Privatdozenten indessen ihre Lehrbefugnis nicht mehr als „Befugnis“, sondern ihre Ausübung als akademische Pflicht und als Ausbeutung, als bloße Voraussetzung für Späteres, nicht als erreichtes Ziel.

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Der Autor lehrt Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin.

Quelle: F.A.Z.
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