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Akademischer Mittelbau : Wege durch den Flaschenhals

Personalpyramide, von unten betrachtet: Die akademische Lehre ruht auf den Schultern von Wenigen. Bild: Boelkow / vario images

Das deutsche Hochschulsystem leidet unter einer unfassbaren personellen Asymmetrie. Ein Heer von ausgebeuteten Assistenten drängt auf wenige Professuren. Dabei fehlt es nicht an Vorschlägen zur Reform.

          Die Novelle des Wissenschaftzeitvertragsgesetzes ist am vergangenen Donnerstag durch die erste Lesung gegangen. Im Wesentlichen soll sie die Vertragsdauer an Qualifikationsziele (wie die Promotion) und Projektlaufzeiten koppeln. Dass sie unabhängig von ihrer definitiven Gestalt nicht den großen Befreiungsschlag für den unter Kettenbefristungen und Karriereunsicherheit leidenden akademischen Mittelbau bringen wird, ist Konsens unter allen Beteiligten. Daher wird sie von einem Pakt für den wissenschaftlichen Nachwuchs sekundiert, um den zwischen Bund und Ländern zäh gerungen wird. Der Bund hat eine Anschubhilfe von einer Milliarde Euro für zehn Jahre und rund tausend neue Juniorprofessuren versprochen, betrachtet die Reform im Übrigen aber primär als Ländersache. Die Länder zögern mit Dauerzusagen. Tausend Professoren sind ein spürbarer Anstoß, man steht jedoch vor einem viel größeren und lange bekannten Problem.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Das deutsche Hochschulsystem leidet unter einer schier unfassbaren personellen Asymmetrie. Von der Spitze betrachtet, beginnt sie mit dem ehernen Grundsatz: Wer mit wissenschaftlicher Ambition an der Universität bleibt, wird Professor. Längst nicht mehr alle nachrückenden Wissenschaftler wollen auf das pyramidale Prinzip noch den Schwur leisten, weil mehr als achtzig Prozent von ihnen im Ausscheidungsrennen um die Professur auf der Strecke bleiben und Anfang vierzig nach einer biographischen Tortur aus Kettenverträgen mit Laufzeiten von überwiegend unter einem Jahr in eine verschleierte Zukunft blicken: Experten fürs Weltfremde, zu alt für den Arbeitsmarkt. Familiengründungen wurden der Flexibilitätserwartung untergeordnet. Besucht man junge Wissenschaftlerpaare, liegen die strukturbedingten Spannungen förmlich in der Luft. Wie konnte es dazu kommen?

          Verführt vom flexibilitätsfixierten Modell des New Public Management, hat die Hochschulpolitik den durch sprunghaft gestiegene Studentenzahlen massiv gewachsenen Lehraufwand über ein Jahrzehnt lang mit befristeten Drittmittelstellen im Mittelbau kompensiert. So bildete sich ein Heer von rund 180000 unselbständigen und zu über achtzig Prozent befristet beschäftigten Mitarbeitern, während die Zahl der Professuren nur moderat auf 45 000 Lehrstühle wuchs. Legionen von Assistenten kämpfen jährlich um rund siebenhundert frei werdende Lehrstühle.

          Praktische Freiheit ist exklusiv

          Professor geworden, haben sie als Einzige das verbriefte Recht (und die Last), unabhängig zu lehren und zu forschen, Anträge zu stellen und Prüfungen abzunehmen. Der weisungsgebundene Mittelbau fällt dafür weitgehend aus und kann in den Fesseln der Frist auch sein wissenschaftliches Potential nicht entfalten. Forschung verliert an Konsequenz, weil Routinen immer wieder erarbeitet werden müssen. Dass permanent evaluierte, bei jedem kleineren Karriereschritt von äußerem Wohlgefallen abhängige Mitarbeiter lieber auf konsensfähige und kurzfristigem Reputationsgewinn dienliche als auf originelle Themen setzen, ist ihnen nicht zu verdenken. Internationale Wissenschaftler werden von den gleichzeitig starren und undurchsichtigen Karrierewegen an deutschen Universitäten nicht gerade angelockt.

          Im europäischen Vergleich ist Deutschland gleich mehrfach Tabellenführer. Kein Land hat so viele unselbständige und befristete Mitarbeiter im Verhältnis zu so wenigen Professuren. Keines vertreibt so viele junge Wissenschaftler ins Ausland. Liegt der Professorenanteil hierzulande bei rund zehn Prozent, summiert er sich in den Vereinigten Staaten, rechnet man Assistant, Associate und Full Professors zusammen, auf über die Hälfte. Wissenschaftsnationen wie England, die Niederlande und Frankreich haben einen unbefristeten Mittelbau aus unabhängig forschenden Lecturers, Docenten, Maîtres de Conférences. Das deutsche Hochschulsystem kennt (von marginalen Größen wie Lehrprofessoren und Akademischen Räten abgesehen) nur das Gegensatzpaar von weisungsgebundenen Mitarbeitern und Professoren. Die Wissenschaft in Deutschland ist frei, doch die praktische Freiheit zur unabhängigen Forschung ist fast exklusiv den Professoren vorbehalten, denen dafür laut einer Studie aber nur zwanzig Prozent ihrer Zeit bleibt.

          Rechtlich schwacher Mittelbau

          Vergiftetes Privileg der Forschung: als einzige Branche dürfen Hochschulen ihre Mitarbeiter über mehr als ein Jahrzehnt ohne Begründung temporär beschäftigen. Das Verfassungsgericht hat dies 1996 im Namen von Forschungsdynamik und Generationengerechtigkeit bekräftigt. „Ein milderes Mittel als die Befristung der Arbeitsverhältnisse“, so das Gericht, „ist dazu nicht in Sicht.“ Die Hochschulen wollen die Forschung beweglich halten, verweigern die geforderte Beweglichkeit jedoch bei der Schaffung neuer Personalkategorien. Welchen Grund (außer dem fehlenden Kündigungsrecht) gibt es für die Hochschulen, auch grundfinanzierte Mitarbeiter zu fünfzig Prozent mit Fristverträgen abzuspeisen? Mit welchem Argument lassen sich Monats- und Vierteljahresverträge im Akkord rechtfertigen, und welchem Bild der Forschung dienen sie?

          Die Gesetzesnovelle, die im Dezember verabschiedet werden soll, wird gröbsten Missbrauch beseitigen. Um das Problem an der Wurzel zu packen, brauchen die Universitäten aber nicht eintausend, sondern mehrere tausend neue Professoren und weitere unabhängige Personalkategorien. Entlastung verschafft der Mittelbau bisher unfreiwillig: Anträge und Publikationen im Namen des Professors sind noch die vornehmeren Pflichten, gerne schickt man Assistenten auch zum Bankautomaten oder lässt sie das Wohnzimmer streichen. Die schwache rechtliche Stellung erlaubt keinen Widerspruch.

          Auf der Juniorprofessur liegen die größten Erwartungen bei der anstehenden Reform. Die 2002 eingeführte Personalie schien ohne die Aussicht auf Verstetigung nach erfolgreicher Evaluation (Tenure Track) nur eine fehlerhafte Kopie des amerikanischen Vorbilds. Auf niedrigerem Niveau als erhofft hat sie sich jedoch etabliert. Sechstausend Juniorprofessuren sollten es damals werden, 1600 sind es heute, dreizehn Prozent mit Tenure Track. Rückenwind bekommt die Juniorprofessur durch eine neue Studie von Anke Burkhardt und Sigrun Nickel, nach der mehr als achtzig Prozent der Juniorprofessoren auch ohne Tenure Track relativ zügig auf einen Lehrstuhl berufen werden. Uneinheitlich ist jedoch die Umsetzung. Heidelberg hat keine zehn Juniorprofessoren, Kaiserslautern fast 35 Prozent. Die Junge Akademie kritisiert außerdem die Kungelei bei der Vergabe und fordert ein Hausberufungsverbot. Bleibt das Problem der Zahl: Für eine ausgewogenene Mischung sind nach gängigem Urteil sechs- bis siebentausend solcher Professuren nötig. Die bisherigen Mittel reichen für knapp dreitausend.

          Hochmut ist Luxus

          Den wuchtigsten Vorstoß zur Reform legt die Junge Akademie vor, die im Lehrstuhlprinzip das zentrale Hindernis erkennt und den Löwenanteil der grundfinanzierten Assistenzstellen ohne zusätzliche Kosten in Junior- und Vollprofessuren umwandeln will. Frei werdende Lehrstühle sollen schrittweise zu Tenure-Track-Professuren, auslaufende Mitarbeiterstellen im Regelfall nicht neu besetzt werden. Im Lauf der nächsten Jahrzehnte verspricht sich die Akademie davon dreißigtausend neue Junior- und Vollprofessuren. Das Modell würde auch eine frühere Entscheidung über den Verbleib in der Wissenschaft forcieren, die nach gängiger Ansicht nicht erst Anfang vierzig, sondern in der frühen Postdoc-Phase getroffen werden sollte. Dass die flächige Umwandlung von Assistentenstellen in Professuren kostenneutral ausfällt, ist jedoch optimistisch gerechnet. Und nicht alle frei werdenden Lehrstühle könnten in Tenure-Track-Stellen umgewidmet werden, um den nachfolgenden Generationen, den Habilitanden und Nachwuchsgruppenleitern nicht den Weg zu versperren.

          Anschauungsunterricht gibt die Universität Freiburg, die den ehemaligen Lehrstuhl von Husserl und Heidegger zum Tenure Track umwidmete. Ein Rangverlust für die ruhmreiche Professur, die nicht mehr der namhafteste, sondern ein junger Bewerber besetzen wird. Technische Universitäten kritisieren am Tenure-Modell, dass es Industrieberufungen erschwert und Wissenschaft von der Praxis entkoppelt. Die 2007 eingeführte Lehrprofessur wäre eine ernstzunehmende Alternative, erwies sich aber als Totgeburt. An Hochschulen gilt zwar die Einheit von Forschung und Lehre, in der Praxis zählt aber allein die in der Forschung erworbene Reputation. Ausgebeuteten Assistenten wird eingeredet, sich auch Mitte vierzig noch glücklich zu schätzen, die einzig erfüllende wissenschaftliche Tätigkeit zu verrichten. Wer aus der wissenschaftlichen Gemeinschaft ausscheidet, betritt in den Augen vieler Niemandsland. Den Hochmut können sich die Hochschulen eigentlich nicht leisten, wollen sie verhindern, dass potente Kandidaten ihre Zukunft lieber in der Wirtschaft suchen.

          Der für die Abkehr vom pyramidalen Modell geforderte Mentalitätswandel ist mit Blick ins Ausland keine Utopie. Auch in Deutschland wächst die Bereitschaft, auch ohne Professur an der Universität zu bleiben. Die Reforminstrumente sind im Prinzip vorhanden: gestufte Personalkategorien, ausgewogene Mischung aus befristeten und unbefristeten Verträgen, Dauerstellen für Daueraufgaben, Zwang zur früheren Festlegung auf eine wissenschaftliche Karriere, Beschränkung der Evaluation auf die wichtigsten Karrierestufen. Das Problem erkannt zu haben, kann sich die Hochschulpolitik nicht länger als Verdienst anrechnen. Sie muss es jetzt lösen.

          Quelle: F.A.Z.

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