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Studium Wer abschreibt, fliegt raus

13.11.2008 ·  Das studentische Plagiieren in Form zusammengegoogelter Seminararbeiten nimmt an den Hochschulen offenbar überhand. In Baden-Württemberg wird künftig schon nach einem Versuch zwangsexmatrikuliert. Dabei ist das Abschreiben systembedingt.

Von Jürgen Kaube
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Das Wissenschaftsministerium von Baden-Württemberg arbeitet an einer Änderung des dortigen Hochschulrechts. Dabei soll auch der Umgang mit studentischen Plagiaten verschärft werden. Wer Seminararbeiten vollständig oder zu großen Teilen aus dem Internet bezieht, also zusammengoogelt, konnte nämlich bisher nur maßvoll belangt werden: Die Prüfung war dann gegebenenfalls nicht bestanden, der Seminarschein oder „Credit point“ konnte verweigert werden. Nur wenn die erlaubte Zahl an Prüfungsversuchen damit überschritten war, hatte der Täuschungsversuch das Ende des Studiums zur Folge. Ab März 2009 soll nun in Baden-Württemberg gelten, dass auch schon das einzelne Plagiat zur Zwangsexmatrikulation führen kann.

In den Kommentaren des Ministeriums wie auch der betroffenen Universitäten wird vor allem die Signalwirkung betont, die man sich dieser verschärften Regelung erhofft. Ohne dass es schon zweifelsfreie Zahlen zu Plagiatsfällen gäbe, besteht der Eindruck, dass diese Art akademischer Delinquenz erheblich zugenommen hat und sich praktisch auf alle Textsorten erstreckt: Referate, „Folien“, Hausarbeiten, Qualifikationsschriften. Eine lockere Umfrage der Zeitschrift „Varsity“ unter gut eintausend Studenten an der Universität Cambridge will herausgefunden haben, jeder zweite davon greife zuweilen unausgewiesenermaßen auf fremde Textbausteine aus Netzwerken wie Facebook und Myspace zurück. Sätze aus Wikipdia in eigene Werke hineinkopiert hätten mehr als zwei Drittel der Befragten. Dem stehe eine Entdeckungsquote von fünf Prozent gegenüber. Die höchste Zustimmung hat das Plagiieren in Cambridge offenbar unter Studenten der Rechtswissenschaft.

Wiederentdeckung älterer Abschreibepraktiken

Man kann das als einen Effekt neuer Technologien deuten und darauf selber technologisch reagieren. Zahlreiche Universitäten haben sich zu erheblichen Kosten detektivische Computerprogramme angeschafft, die versprechen, in studentischen Arbeiten Sätze, die sich so oder nur geringfügig anders auch im Internet finden, zu identifizieren. Die Erfolgszahlen bewegen sich hier bei etwa 75 Prozent.

Das hilft selbstverständlich nicht bei Plagiaten aus Büchern oder anderen Texten, die nicht im Netz lagern. Bei flächendeckendem Einsatz solcher Textvergleichs-Software könnte es insofern zu einer Wiederentdeckung älterer Abschreibepraktiken kommen. Man weiß aus der Wissenschaft selber, wie weit es manche Autoren auch in jüngerer Zeit damit gebracht haben. Oder die Software zeigt ihr normneutrales Gesicht dadurch, dass sie umgekehrt von Studenten eingesetzt wird, die herauszufinden suchen, ob ihr Plagiat als ein solches identifiziert werden kann. Erste Internetanbieter sind bekannt, die gegen eine erschwingliche Gebühr solche Qualitätsprüfungen an Plagiaten vornehmen.

Studienziel Zertifikat

Die technologische Perspektive auf das unausgewiesene Abschreiben ignoriert allerdings an anderen Ursachen für seine Zunahme. „Wenn ich einen korrekten deutschen Satz in einer Seminararbeit finde, dann googele ich den“, teilte einmal eine deutsche Germanistin mit, andeutend, für wie unwahrscheinlich sie die Selbstverfertigung solcher Sätze hält. Zieht man die hübsche Übertreibung ab, bleibt ein Hinweis darauf, dass das exzessive Abschreiben auch ein Missverhältnis zwischen den Studenten und ihren Fächern anzeigt.

Der Schüler, der sich seine Hausarbeit zu Effi Briest bei hausarbeiten.de besorgt oder aus Wikipedia bestreitet, mag noch das Argument anführen, in einer unverschuldeten Zwangslage zu stecken, überfordert zu sein und sich eigentlich für ganz anderes zu interessieren. Den, je nachdem, bildungsfreundlichen oder naiven Hinweis darauf, vom Abschreiben habe man doch keinerlei Erkenntnisgewinn außer den, ob man damit durchkommt, mag er zurückweisen und plausibel erklären, es gehe ihm ja auch gar nicht um Erkenntnisgewinn. Der Student der Germanistik, Biologie oder Soziologie hingegen, der so argumentierte, müßte sich fragen lassen, weshalb er dann überhaupt und ausgerechnet dieses Fach studiert. Und eben dies bringt die Plagiiermode jenseits der technischen Verführung dazu heraus: Wie viele Studenten auf diese Frage nur die Antwort haben, das Ziel des Studiums liege im Zertifikat und unter den Mitteln es zu erreichen, sei nachdenken und studieren eben nur eines.

Ihr laßt die Armen schuldig werden!

Bei dieser Antwort haben Studenten durchaus manchen Bildungs- und Hochschulpolitiker auf ihrer Seite. Nur, dass deren Formel nicht lautet, für das individuelle angestrebte Zertifikat sei jedes Mittel recht, sondern kollektivistischer: die Gesamtzahl der Hochschulabschlüsse zu erhöhen, rechtfertige jede Maßnahme. Zum Beispiel die Zulassung von Studenten, die nichts mit ihrem Fach verbindet. Oder die Setzung von Anreizen für Universitäten, möglichst viele Abschlüsse hervorzubringen, sei es auch mittels einer Absenkung von Standards. Oder auch die Einführung eines Studiensystems, das den Studenten von vornherein den Eindruck vermittelt, es gehe an der Universität in erster Linie um taktisches Geschick beim Bestehen von Prüfungen und das Ansammeln von Leistungspunkten. Die Erfahrung der Lehre sagt außerdem, dass der Plagiatsverdacht sich oft schon am Auseinanderfallen der Seminarerscheinung eines Studenten und seinem Text entzündet: Der soll das geschrieben haben? Insofern kommt zu den nichttechnologischen Bedingungen für das Überhandnehmen der Plagiate auch noch die Anonymität hinzu, in der viele Studenten gegenüber ihren Lehrern leben.

Ihr laßt die Armen schuldig werden, möchte man darum dieser Art von Hochschulpolitik in der Plagiatsfrage entgegnen. Erst werden die Universitäten so angefüllt, dass die Plagiierbedürfnisse steigen. Dann werden sie so eingerichtet, dass instrumentelles Verhalten als Normalform etabliert wird. Und schließlich verschärft man die Gesetze. Nimmt man noch hinzu, dass auch die Bibliographien der Forscher voller Literaturangaben sind, die mit Literatur nur angeben, ohne dass sie gelesen worden wäre, dann muss man wohl zu dem Schluss kommen, dass die Universität in mehr als einem Sinne ihre Plagiatoren selbst hervorbringt. Das dürfte die Möglichkeit zu technische Lösungen des Problems begrenzen.

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