Home
http://www.faz.net/-gsn-14e2w
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Studieren in Österreich Pallawatsch und andere Barrieren

05.11.2009 ·  Wenn in Wien Barrikaden - und seien es rhetorische - gebaut werden, muss es wirklich schlimm stehen. Es geht gegen Bologna, Gebühren und gegen zu viele Kommilitonen aus Deutschland: Eine volkskundliche Analyse.

Von Hannes Hintermeier
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (8)

„Dass deutsche Universitäten durch die günstigeren ökonomischen Bedingungen, durch die größeren Wirkungsmöglichkeiten, die sie den Forschern bieten, die besten unserer Lehrer an sich ziehen, sind wir längst gewohnt.“ - So weit Karl Kraus 1899 in der „Fackel“. Der Wiener Publizist hätte sich vermutlich nicht vorstellen können, dass sich diese Lage einmal ins Gegenteil verkehren würde. Heute hat die Alpenrepublik die umgekehrte Last zu tragen, heute strömen deutsche Abiturienten ins Nachbarland - und bringen damit ein System an den Rand des Zusammenbruchs, das schon mit dem einheimischen Personal ausgelastet ist.

Gegen diese Misere aus Unterfinanzierung und Überforderung revoltiert seit zwei Wochen in Wien, Graz, Salzburg, Klagenfurt und Innsbruck die Generation Praktikum. Sie will weniger Verschulung, mehr Mitsprache, weniger Leistungsdruck. Und weniger Deutsche. Der Bologna-Prozess bezweckt ja unter anderen eine erhöhte Reisefreudigkeit der Studenten. Das haben offenbar hierzulande viele wörtlich genommen und sich über die Studienbedingungen in Österreich informiert. Unser südöstlicher Nachbar hat keinen Numerus clausus, und seit kurzem sind auch die Studiengebühren abgeschafft; das hat die Attraktivität enorm befördert. Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl deutscher Studenten verdreifacht, demnächst werden zwanzigtausend an österreichischen Hochschulen eingeschrieben sein. Nach den Niederlanden ist Österreich damit das zweitbeliebteste Land für Auslandsstudien.

Hauptkampflinien der nachbarschaftlichen Beziehung

Die dortige Hochschulpolitk ist freilich nicht stringenter als die deutsche, ihre Probleme sind hausgemacht, nicht importiert. Viele Jahre hat man etwa eine höhere Akademikerquote gefordert, nun, da sie eintritt, kommt sie ungelegen. Die auf Halde produzierten Bachelor-Abschlüsse sind auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt, das beginnt sich herumzusprechen. Und ein Ende steigender Studentenzahlen ist nicht in Sicht: dreihunderttausend Inskribierte, zwischen sieben und demnächst zehn Prozent - die Zahlen variieren - kommen aus Deutschland. Eigentlich kein Problem, denn die Quotenregelung der Wiener Regierung sieht vor, dass fünfundsiebzig Prozent der Studienplätze für Einheimische, zwanzig Prozent für Studierende aus der Europäischen Union und fünf Prozent für Nicht-EU-Staaten (sie allein müssen Studiengebühren zahlen) reserviert sind. Der Innsbrucker Universitätsrektor Töchterle spricht davon, ausländische Studenten würden das Land „überfluten“ - und meint damit die Deutschen. Dabei könnten es sogar mehr sein, aber die Quote verhindert das: Obwohl Deutsche oft bessere Eingangstests ablegen als der heimische Nachwuchs, werden sie nicht zugelassen.

So bedient der Konflikt zwei Hauptkampflinien der nachbarschaftlichen Beziehung: Die Deutschen liefern einen willkommenen Sündenbock, um von der hausgemachten Misere abzulenken. Die Rede von der Überflutung wurde auch schon verwendet, als man in der Gastronomie mangels Angebots flächendeckend auf ostdeutsche und osteuropäische Mitarbeiter zurückgreifen musste. Zudem floriert schon wieder jener Minderwertigkeitskomplex, den Österreich zusammen mit der Schweiz gegenüber dem großen Nachbarn überkultiviert - ohne Not, weil sich die Republik in vielen Dingen nach dem Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs einen erfolgreichen Modernisierungsschub verordnet hat. Dass dieses neue Selbstbewusstsein in der Wirschaftskrise so schnell zusammenfallen würde wie Salzburger Nockerln, war nicht vorherzusehen. Und mitten hinein in diese Selbstzweifel kommen in Scharen sogenannte Numerus-clausus-Flüchtlinge aus der Bundesrepublik. Als hätte Österreich nach den Jugoslawienkriegen nicht schon längst genug von Flüchtlingen.

Mindestens Hofrat Universitätsprofessor Privatdozent Doktordoktor

Offensichtlich nehmen viele junge Deutsche den Umstand, dass sie sich ins Ausland begeben, aber nicht ernst genug. Die vermeintlich gemeinsame Hochsprache ermöglicht zwar eine Verständigung, aber problemlos ist diese deswegen noch lange nicht - ein paar Beispiele im untenstehenden Kasten mögen genügen, um die Unterschiede deutlich zu machen. Wer aus dem preußisch geprägten Norden in die für das überschaubare Staatsgebiet eigentlich viel zu große, imperiale Stadt Wien kommt, betritt eine andere Welt.

Alles nur Klischees? Der Satiriker Ephraim Kishon hat in seiner 1967 erschienenen Geschichte „Wiener Titelwalzer“ die enormen Mentalitätsunterschiede am Beispiel einer unterbliebenen Höflichkeitsbezeugung beschrieben. Als der Besucher aus Israel einen wahrhaftigen Universitätsprofessor mit „Herr Professor“ anredet, kommt es zum Eklat. Auf die Frage, wie er ihn hätte anreden sollen, erfährt der Besucher: „Mindestens mit Hofrat Universitätsprofessor Privatdozent Doktordoktor. Das ist das absolute Minimum.“ Alles nur Satire?

Ohne landeskundliche Vorbereitung in Tateinheit mit höflichem Auftreten und einem Sprachkurs muss ein studentischer Feldzug gen Österreich scheitern. Unter „Protestierten“ versteht man dort weder Protestierer noch Protestanten, sondern Prostituierte. Und hinter dem Titel „Privatdozentin“ vermutet der Volksmund keine Wissenschaftlerin, sondern ein Callgirl.

Für Gaststudenten

Piefkineser, Piefkonier, Piefkinäuler - Bundesdeutscher, Norddeutsche
Querbrater - Intrigant
Remasuri - Tumult, Durcheinander, Wirrwarr, Trubel
Pallawatsch - Durcheinander, Kuddelmuddel, Tumult, Wirrwarr
Ruabenzuzler - Dummkopf, Einfaltspinsel
studieren - nachdenken, sinnieren

Alle Beispiele aus Wolfgang Treuschl: „Wiener Dialekt-Lexikon“, Residenz Verlag St. Pölten/Salzburg, 3. Auflage, 2007.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 1 3