16.02.2009 · Das Stiftungskapital der University of Stanford sinkt dramatisch. Es wird Entlassungen geben. Die jungen Leute scheuen den Arbeitsmarkt und überwintern in weiterführenden Studiengängen: ein Ortstermin in Kalifornien.
Von Mara DeliusEs ist Erdbebenwetter. Die Nachmittagssonne spiegelt sich in den Fenstern der Hightech-Firmen, die vorbeirasen: Microsoft, Hewlett-Packard, Dell. Wir verlassen den sechsspurigen Highway durch das Silicon Valley, lassen die blassblaue Bucht von San Francisco und die sanften, grünen Hügel von Santa Clara County hinter uns und biegen in die Allee ein, an deren Ende sich ein Bogengang abzeichnet: der Eingang zur Universität von Stanford. In der Luft liegt Stille. Es ist, als sei etwas Wesentliches aus der Atmosphäre abgesaugt worden und die Umwelt warte nun in sich gekehrt auf die Folgen. Erdbebenwetter ist ein Wetter, das jeder als solches wahrnimmt: keiner weiß, woher das Gefühl kommt, aber jeder erwartet eine Erschütterung.
Wir betreten den Bogengang. Hinter einem schweren Eichenholztisch sitzt der Referent des Universitätspräsidenten. Vor ihm liegen die Informationen über die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise. In den nächsten Wochen werden die beschlossenen Etatkürzungen greifen: Zehn bis fünfzehn Prozent soll jede Abteilung der Universität einsparen. Im letzten Jahr lag das Stiftungskapital bei siebzehn Milliarden, für dieses Jahr wird ein Absturz auf dreizehn Milliarden erwartet. Das bedeutet, sagt er ruhig, dass es Entlassungen geben wird, dass viele ausgeschriebene Stellen nicht besetzt werden und einige der Serviceleistungen weniger großzügig ausfallen. Was folgt daraus? Nun, sagt der Referent, wahrscheinlich werden wir mehr Studenten haben, die, anstatt sich dem Arbeitsmarkt auszuliefern, in weiterführenden Studiengängen überwintern.
Man ist beschützt hier
Stanford sei der beste Ort dafür: man ist beschützt hier, nie muss man sich fragen, ob wohl der Professor noch zu seiner Vorlesung kommt oder seine Stelle gestrichen wurde, ob die Bibliothek nun weniger lange geöffnet habe oder ob das Footballteam aufgelöst würde. Warum sollte sich das jetzt ändern? Wir sind eine Institution von Weltrang geworden, weil uns Probleme reizen und uns zu neuen Ideen und Lösungen anspornen. Krisen, sagt er und wirkt fast müde, kennen wir hier. Als der Boom des Internets nur wenige Meilen vom Campus entfernt zerbarst, seien zwar die goldgräberischen Zeiten zu Ende gegangen, doch der Attraktivität der Universität habe das nicht geschadet. Auch wenn es jetzt Kürzungen gebe: Stanford ist nicht Detroit. Wir sind in ziemlich guter Form, sagt er, und seine Augen funkeln.
Fühlt sich so eine Wirtschaftskrise an? In Stanford lebt man abgepolstert von der Außenwelt. Die Sicherheit, sich nur sich selbst widmen zu können und für eine Weile in einer inselförmigen Parallelwelt zu leben, begründet den Erfolg dieser Universität und ihrer Studenten. Was fühlen diese Studenten, wenn die Wirklichkeit der Wirtschaftskrise über sie schwappt?
Jeder von ihnen muss Stanford irgendwann verlassen, sagt der Leiter des Berufsberatungszentrums und lächelt still. Die Anzahl von Firmen, die auf Berufsmessen um Studenten werben, sei um zwanzig Prozent gefallen und die Chancen, eine Anstellung zu finden, seien insbesondere für diejenigen, die sich auf den Finanzmarkt spezialisieren, auf einem Tiefpunkt. Ein Gutes habe das aber, fügt er hinzu. Bislang hätten sich die Studenten der Wirtschaftswissenschaften oft wie Lemminge verhalten und seien kopflos einem von Eltern oder Freunden vorgestrickten Muster der Karriereplanung gefolgt. Einige Studenten müssten jetzt zum ersten Mal in ihrem Leben eigene Entscheidungen treffen.
In so einem Prozess befindet sich Rick Thielke von der Business School. Anfang September hatte der Dreiundzwanzigjährige einen Arbeitsvertrag mit Merrill Lynch unterschrieben, am nächsten Morgen erfuhr er aus dem Internet vom Bankrott der Bank. Diese Erfahrung habe ihn aber nicht gelehrt, bekräftigt er, dass das amerikanische Wirtschaftssystem im Kern defekt sei, ganz im Gegenteil, sein Glaube an die Kraft dieser Wirtschaft habe sich nur verstärkt. Mit wirtschaftlichen Theoremen müsse man umgehen wie mit einem Werkzeugkasten. Vielleicht haben wir in der Vergangenheit versucht, die Schraube mit dem Hammer in die Wand zu bekommen, aber an der Qualität dieses Handwerkszeugs ändert das nichts. Sein Kommilitone Matt McLaughlin stimmt zu: Es möge ja perfide klingen, aber dies seien schrecklich interessante Zeiten. Es gibt so viele Daten, nie zuvor haben wir uns mit solch realen Verschiebungen von Fragestellungen und Wahrheiten auseinandersetzen können. Wir fühlen uns herausgefordert, schiebt er enthusiastisch nach, so ein schwarzer Schwan muss doch zu bändigen sein! Auch für den Finanzwirtschaftsprofessor und ehemaligen Leiter des Instituts für Economic Policy Research, John B. Taylor, sind die Monate der Krise Anlass zu Enthusiasmus. Er könne kaum aufhören zu schreiben, morgens, mittags, abends säße er in seinem Büro, analysiere Daten, um das, was geschehen ist und noch geschieht, zu begreifen. Eine unglaublich faszinierende Zeit, sagt er und lehnt sich im wuchtigen Sessel zurück.
Eine der ungewöhnlichsten Erfahrungen im Leben
Was bedeuten diese Stimmen aus Stanford? Die beiden Wirtschaftsstudenten verlassen den Bogengang. Sicher, sagen sie, viele Studenten haben kein Bewusstsein für die wirtschaftliche Lage der Welt, und eine Horde junger Undergraduates schwirrt lachend auf ihren Mountainbikes vorbei, eilig zur nächsten Vorlesung. Die Studenten sind hier furchtbar beschäftigt, sagen sie entschuldigend und doch stolz, sie sind sehr mit sich selbst beschäftigt. Vielleicht weil sie noch keine wirklichen Einschnitte in ihre eigenen Leben erfahren haben, ist die Krise weit entfernt. Die Wirklichkeit erscheint ihnen wie in Watte gepackt.
Doch was das bedeutet, ist nicht das Erwartbare: Das Geschilderte steht nicht für die kokette Weltabgewandtheit von Bewohnern eines Elfenbeinturms. Zu meinen, den Stanfordern ginge es zu gut auf ihrer Insel, hieße, sie misszuverstehen. Die Krise trifft die Jungen der amerikanischen Wirtschaft vielleicht nicht mit der Wucht eines Globalproblems. Trotzdem dürfte sie eine der ungewöhnlichsten Erfahrungen in ihrem Leben sein: das Wahrnehmen von Wirklichkeit. Könnte es sein, dass sie, gerade weil sie in einer anderen leben, mit dieser Wirklichkeit anders und besser umgehen werden?
Der Wirtschaftsexperte Thomas L. Friedman schrieb vor kurzem, man müsse nun lernen, mit sehr viel mehr Unsicherheit zu leben als irgendeine Generation zuvor, vor allem weil es nicht einen einzigen Schuldigen gebe, auf dessen Handeln die uferlose Krise zurückzuführen sei. Die Zuversicht, mit der die nächste Generation der amerikanischen Wirtschaftsmacher sagt, dass alles wieder gut wird, ist also eher herausgefordert als angekratzt. In den letzten Monaten sei ihm klargeworden, gibt einer der beiden Stanforder zu bedenken, dass es in dieser Krise nicht nur um Schulden ging, sondern auch um Schuld: Wir haben eine Schuld auf uns geladen, mehr zu konsumieren, als wir zurückgeben können. Er sagt nicht, wie eine solche Schuld einzulösen sei. Aber er spricht von "wir". Die Erschütterung der Erde bleibt in Stanford noch aus. Trotzdem: "Wir" sind gefasst.
In Watte gepackt, doch nicht erschütterungsfrei
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 17.02.2009, 20:07 Uhr