04.06.2009 · Die Funktionäre finden, alles laufe prima, die Universitäten reagieren mit einer Mischung aus diffusen Hoffnungen und Sarkasmus. Lässt sich etwas gegen die unsinnigen Folgen der Universitätsreform unternehmen, ohne ihre Idee zu opfern?
Von Georg VobrubaDie Stadt kann nichts dafür. Einerseits sind die Resultate der Studienrefrom, die als „Bolognaprozess“ bekannt wurde, so ernüchternd, und die Unzufriedenheit von Studierenden und Lehrenden geht so weit, dass eine Reform der Reform ohne Alternative ist. Das ist mittlerweile hinreichend bekannt. Andererseits aber steht „Bologna“ für das attraktive Ziel, einen Europäischen Hochschulraum zu schaffen. Das droht über dem allgemeinen Ärger gegenwärtig in Vergessenheit zu geraten. Um Entwicklungsperspektiven für den Bologna-Prozess zu sehen, muss man die Ursachen seiner Probleme verstanden haben. Ausgangspunkt des Prozesses war ein Treffen der Bildungsminister von 31 Staaten im Juni 1999 in Bologna. Ergebnis war ein Vertrag, in dem sich die Teilnehmenden verpflichteten, an der Herstellung eines „gemeinsamen europäischen Hochschulraumes“ mitzuwirken. Die Bologna-Deklaration ist kein EU-Dokument, wird der Europäischen Union aber oft zugerechnet. Schon dies zeigt: Im Bolognaprozess sind Fehlwahrnehmungen im Spiel.
Welche Ziele wurden bei dem Treffen in Bologna anvisiert? Es ging um die Steigerung von wissenschaftlicher Kompetenz, die Festigung gemeinsam geteilter Werte und die Zugehörigkeit zu einem gemeinsamen sozialen und kulturellen europäischen Raum, um die Beseitigung von Mobilitätshindernissen. Dazu wollte man einfach verstehbare Abschlusszeugnisse, ein zweigliedriges Studium (Bachelor/Master), wobei der erste Abschluss arbeitsmarktbrauchbar sein sollte. Die Vergleichbarkeit und Kompatibilität der nationalen Hochschulsysteme sollte gesteigert werden, insbesondere um Studieren in Europa weltweit attraktiv zu machen. Gute Absichten.
Was in der Universitätsrealität ankommt
Aber in der Politik kommt es nicht darauf an, dass Richtige zu wollen, sondern das Richtige zu verwirklichen. Leider haben sich die Bologna-Minister über die Umsetzung zu wenig Gedanken gemacht. Man hätte vorhersehen können, dass sich zwischen den Bologna-Ideen und dem, was in der Universitätsrealität ankommt, erhebliche Unterschiede entwickelt würden. Was ist tatsächlich passiert? Die Antwort auf diese Frage führt über die Einsicht, dass sich der Bolognaprozess im europäischen Mehrebenensystem von Politik entwickelt hat: in zahlreichen Vermittlungsschritten von der transnationalen Ebene über die nationalstaatliche, die Länderebene bis zu den Universitäten. Tatsächlich ist der Bolognaprozess ein mehrstufiger Transformationsprozess von der politischen Programmatik in die Universitätsrealität. Auf den einzelnen Ebenen des Mehrebenensystems sind laufend Anforderungen und Absichten dazu gekommen.
Auf der Bundes- und der Länderebene wurde versucht, die Reformen der Studiengänge an Kriterien ökonomischer Verwertbarkeit des Studiums auszurichten. Die Zwischenausstiegsstelle Bachelor wurde in ein Instrument zur Herstellung einer international präsentablen Akademikerquote mit geringstmöglichem Aufwand umfunktioniert. Der Bologna-Prozess wurde genutzt, um im Schatten von Wettbewerbs- und Autonomierhetorik mehr administrative Kontrolle über die Universitäten zu etablieren. Im Windschatten von Bologna, aber ohne jeden sachlichen Bezug zur Bolognadeklaration, entstanden etwa ein „Akkreditierungsrat“ und „Akkreditierungsagenturen“ - merkwürdige Gütesiegelvergabestellen für Studiengänge, zu deren kostspieliger Inanspruchnahme die Universitäten vom Landesgesetzgeber verpflichtet wurden. Die Institute und Fakultäten wurden gedrängt, „Alleinstellungsmerkmale“ zu entwickeln, also originelle und singuläre Lehrpläne zu entwerfen. Nicht gesehen wurde, dass dies mit dem Ziel der Steigerung der Mobilität zwischen den Universitäten kollidiert. Dazu kamen noch die Verdichtung und Verschulung der Studiengänge und allerlei Idiosynkrasien einzelner Fakultäten und Institute, so dass im Ergebnis Mobilität nicht erleichtert sondern behindert wird.
Das Sündenbockspiel zwischen EU, Nationalstaaten und Ländern
All dies führte zur Verringerung studentischer Freiräume und Selbständigkeit, zur Verkomplizierung der hochschuladministrativen Verfahren, zu Tendenzen zur Verlängerung des Studiums und insgesamt zu einer extrem niedrigen Akzeptanz der Ergebnisse des Bolognaprozesses bei Studierenden, Lehrenden und potentiellen Arbeitgebern. Man sieht: Auf allen Stufen wurden zusätzliche Absichten und Ziele eingebaut, alles unter dem Schutz von „Bologna“, meist mit Verweis auf den politischen Willen der EU-Minister. Der Bolognaprozess ist ein gutes Beispiel für das Sündenbock-Spiel zwischen der EU, den Nationalstaaten, Ländern und unterschiedlichen Teilen der Universitäten: Was sich auf der eigenen Handlungsebene nicht rechtfertigen lässt, wird von den unteren Ebenen als Vorgabe von oben, oder umgekehrt von den höheren Ebenen als falsch verstandene Umsetzung weiter unten dargestellt.
Was tun? Widerstand gegen Bologna formiert sich, Nachbesserungen werden mittlerweile politisch ins Auge gefasst. So haben die Wissenschaftsminister von 46 Ländern im belgischen Löwen Ende April mehr „Mobilitätsfenster und die großzügigere Anrechnung von im Ausland erbrachten Studienleistungen gefordert. Und das politische Anerkenntnis, dass der Bolognaprozess bis 2010 nicht abgeschlossen sein wird, spricht für einen erfreulichen Realismus.
Das Wegbrechen einer Generation Studierender
Um aber den Bolognaprozess systematisch weiter zu entwickeln, reicht es nicht, ad hoc nachzubessern. Ebenso wie die Ursachen der Probleme des Bolognaprozesses müssen auch die politischen Optionen für ihre Lösung im europäischen Mehrebenensystem gesucht werden. Reformen der Reform auf den unterschiedlichen Politikebenen sind unterschiedlich voraussetzungsvoll und unterschiedlich zeitintensiv. Eine Verbesserung der gegenwärtigen Situation muss also bei diesen beiden Fragen ansetzen: Was kann in kurzen, was nur in weiteren Zeithorizonten zum Besseren verändert werden? Und was kann auf den unterschiedlichen politischen Handlungsebenen getan werden?
Die Agenda von Reformen der Reform steht unter Zeitdruck, weil die Probleme drängen, und weil mit dem Übergang von der dreizehnjährigen zur zwölfjährigen Schulzeit noch dazu demnächst zwei Jahrgänge von Studienplatzinteressenten gemeinsam vor den Universitäten stehen werden. Darum besteht die akute Gefahr, dass eine Generation von Studierenden weg bricht, wenn es nicht rasch gelingt, die Universitäten wieder besser ins Laufen zu bringen. Die unterschiedlichen politischen Handlungsebenen im europäischen Mehrebenensystem spielen für Reformen der Reform deshalb eine Rolle, weil man ins Auge fassen muss, dass sich nicht jede Reformidee auf jeder Handlungsebene realisieren lässt.
Mehr Zentralismus wagen
Vielmehr könnte es sein, dass die unteren Handlungsebenen von Zielsetzungen, die Standardisierungen voraussetzen, überfordert sind. Will man mehr europaweite Durchlässigkeit, muss man mehr Zentralismus wagen. Und ebenso sollte man sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass übergeordnete politische Handlungsebenen strukturell inkompetent für Regulierungen sind, die der Sache nach in den autonomen Handlungsbereich der Universitäten fallen. Eine Konsequenz aus dieser Einsicht wäre die Abschaffung von Akkreditierungsrat und -agenturen und die Rückerstattung der von ihnen verursachten Kosten an die Universitäten.
Die Betroffenen, Studierende und Lehrende, haben die Transformation des Bolognaprozesses von guten Absichten in schlechte Resultate lange, zu lange, mit einer Mischung aus diffusen Reformhoffnungen und Sarkasmus begleitet. Gegenwärtig kommt Bewegung in die Hochschulpolitik. Es könnte sein, dass Bologna zu einem neuen Selbstbewusstsein der Universitäten führt.