20.01.2010 · Wer hat versagt, wenn ein Studium abgebrochen wird, und hat überhaupt jemand versagt? Die Abbrecherquote allein macht noch keine eindeutige Aussage. Der Studienabbruch kann auch das positive Ergebnis eines Lernprozesses sein.
Von Jürgen KaubeDie kürzlich publizierte Studie des „Hochschul-Informations-Systems“ (HIS) aus Hannover zum Studienabbruch an deutschen Hochschulen (siehe Studienanforderungen Hauptgrund für Abbruch) verdeutlicht ein Problem der Hochschulpolitik: ihr Vertrauen auf den zweifelsfreien Sinn von Kennziffern. Die Quote der Studienabbrecher zu drücken, lautet eines ihrer auf den ersten Blick gut verständlichen Ziele. Und tatsächlich wird es niemanden geben, der sich nicht dem Wunsch nach leistungsfähigen, orientierungsstarken, in ihren Fächern gern arbeitenden Studenten anschlösse, Studenten also, die kein Motiv zum Abbruch des Studiums oder zum Fachwechsel haben.
Doch schon mit der Unterscheidung von Abbruch und Fachwechsel gehen die Deutungsprobleme los. Denn ob für jemanden die Anforderungen der Hochschule insgesamt oder nur die des ersten gewählten Faches zu hoch sind, macht einen Unterschied. Die Information wäre darum, je nachdem, was der Fall ist, eine über zu Unrecht erteilte Hochschulreife, oder eine über falsche Selbsteinschätzung. Vielleicht sogar eine über falsche Lehre. Oder eine über falsche Prüfungsvorbereitungen, zu scharfes Prüfen und so weiter. Wo die Malaise liegt, ist mithin schon bei diesem zweiten Blick auf die Zahl völlig fraglich.
Falsche Erwartungen
Folglich wären auch, um die Abbrecherquote zu drücken, ganz verschiedene Maßnahmen in Betracht zu ziehen: solche, die Bereich der Gymnasien lägen, im Bereich der Information über Studiengänge und ihre Anforderungen, bei der Zulassung zum Studium, im Bereich des Umgangs mit erkannten - und schwieriger noch: unerkannten - Leistungsschwächen. Teils hätten sie sich an Lehrer, teils an Hochschulverwaltungen, teils an Professoren zu richten. Dass sich in den Abbrecherquoten auch die üblichen grotesken Betreuungsrelationen mancher Fächer spiegeln, liegt dabei auf der Hand. In anderen Fächern ist die Betreuung gut, aber gerade wegen des hohen Abbruchs.
Ein weiterer Unterschied, der sich in Zahlen nicht ausdrücken lässt: Es gibt es Fächer, in denen die Studenten auf ihnen völlig unbekannte Anforderungen treffen, weil diese Fächer an den Schulen nicht unterrichtet werden. Jurisprudenz ist so ein Fach, Medizin, aber auch Archäologie oder Maschinenbau. Wer sich für Volkswirtschaftslehre einschreibt, mag erwarten, es gehe dort um Ökonomie, um dann recht bald zu erfahren, dass es vor allem um eine Mathematik aus zweiter Hand geht. Zu Mathematik wiederum entschließen sich viele Schüler, die sich in ihren gymnasialen Leistungskursen erfolgreich bis zum Abitur durchgerechnet haben - um dann zu erleben, dass im Mathematikstudium gar nicht gerechnet wird, sondern bewiesen werden muss. Ähnliches kann man von Computerbegeisterten berichten, die Informatik für die Disziplin halten, die mit ihrer Begeisterung etwas anfangen kann; auch das sehen manche Betroffenen nach ein, zwei Semestern dann ganz anders.
Ambivalenz des Abbruchs
Eine Frage, die hieran anschließt, ist, ob man solche Studienabbrüche dann überhaupt als Zeichen einer Malaise interpretieren soll und nicht vielmehr als Fall erfolgreichen Lernens. Immerhin ist ja nicht auszuschließen, dass ein sich für einen Mathematiker haltender Abiturient, der einsieht, dass er es nicht ist, und in die, sagen wir: Geographie wechselt, am Ende das erfolgreichere Studium absolviert hat als ein Geographiestudent, der es nur widerwillig ist, aber bis zum Abschluss bleibt. Vor einiger Zeit machte eine Studie über Lehramts-Studierende die Runde, derzufolge diese oft Unzufriedenheit und Überforderungsgefühle mit Beharrungsvermögen im Studium kombinierten. Wer das nicht völlig unproblematisch findet, müsste zugeben, dass selbst Abschlussquoten nicht notwendigerweise Erfolgszahlen sind. Und in wie vielen Fächern ist nicht allen, den Prüfenden wie den Prüflingen, bekannt, dass man in ihnen praktisch gar nicht nicht bestehen kann! Dass die Bologna-Reform zusammen mit den Kapazitäts-Verordnungen an deutschen Hochschulen Anreize zum überstrengen Prüfen setzen würde, behauptet jedenfalls niemand.
Es bleibt aus alledem nur der Schluss, dass sowohl die Abbrecherzahlen wie ihr Trend hochambivalente Informationen darstellen. Das gilt überdies auch für Angaben wir die in Fragebögen zu den Gründen des Studienabbruchs gemachten. Man weiß aus der empirischen Sozialforschung gut, dass die Leute zu Antworten neigen, mit denen sie sich sehenlassen können. Das dürfte für Angaben zu dem, was schon offiziell als Versagen gilt, besonders zutreffen. Woher also der Glaube, solche Zahlen und Antworten würden in der Sache informieren?